Zwei Schachteln und das Urteil

Die festlichen Tage klangen allmählich aus, und die Welt um uns herum fand rasch wieder in ihren gewohnten Takt zurück. Auch in meine eigene, kleine Welt kehrte der Alltag ein: Mein Vater trat verlässlich seine Schichten auf der Dampflok an, während meine Mutter sich unermüdlich um den Haushalt, das Wohl der Familie und um mich kümmerte. Wenn es Kraft und Zeit erlaubten, packte sie hier und da noch ein wenig Arbeit nebenbei an, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Für mich persönlich kündigte sich jedoch bald eine Veränderung an, die meine Tage gründlich auf den Kopf stellen sollte. Irgendwann in diesen ersten Wochen des neuen Jahres wurde es ernst: Die Einschulung in das erste Schuljahr der katholischen Volksschule warf ihre Schatten voraus – was für mich nichts anderes bedeutete als das nahende Ende meiner unbeschwerten Kindergartenzeit.

Meine Eltern bereiteten mich gewissenhaft auf das bevorstehende Verfahren vor. Mir wurde haarklein erklärt, worum es ging, vermutlich aus der leisen Sorge heraus, dass ja nichts schiefgehen möge, obwohl es dafür aus meiner Sicht keinerlei Gründe gab, die eventuell in meiner jungen Person hätten liegen können. Manfred aus der Nachbarschaft hatte die Prozedur schließlich auch kurz zuvor erfolgreich durchlaufen, und die Eltern hatten sich im Vorfeld intensiv über den Ablauf ausgetauscht.

Schließlich war der Tag da, und auch ich musste mich der offiziellen Überprüfung stellen. Ich selbst hielt das Ganze ehrlich gesagt für herzlich unbedeutend. Doch ein ganz bestimmter Test – ausgerechnet der, auf den man mich so sorgfältig vorbereitet hatte – ist mir bis heute gestochen scharf in Erinnerung geblieben. Er prägte meine ganz persönliche Skepsis gegenüber so manchem Eignungstest, dem ich in späteren Lebensphasen noch begegnen sollte.

Der Prüfer legte mir jeweils eine Streichholzschachtel in die linke und die rechte Hand. Meine Aufgabe war denkbar einfach: Ich sollte sagen, welche der beiden Dosen schwerer sei.

Unter uns ganz vertraulich gesagt: Ich spürte absolut keinen Unterschied. Die beiden Schachteln lagen federleicht und völlig identisch in meinen kleinen Kinderhänden. Doch um die Erwartungen nicht zu enttäuschen – und vielleicht auch ein bisschen aus reiner Nettigkeit gegenüber dem fragenden Prüfer –, entschied ich mich nach kurzem Zögern einfach auf gut Glück für eine der beiden.

Ob diese Antwort im Sinne des Erfinders richtig war, weiß ich bis heute nicht. Schlaflose Nächte hat mir das allerdings nie bereitet. Wer weiß schließlich schon, ob in einer der Schachteln überhaupt etwas gelegen hatte, das einen gewichtigen Unterschied bewirkt hätte? Woran auch immer es lag: Das amtliche Urteil lautete jedenfalls unanfechtbar: Schulfähig.

Bis zum eigentlichen Tag der Einschulung kam nur noch der Karneval dazwischen, was mich allerdings herzlich wenig störte. Von meiner Mutter bekam ich ein eigens angefertigtes Indianerkostüm auf den Leib geschneidert, gekrönt von einem prächtigen Federschmuck, den wir extra bei Pannen in Friemersheim gekauft hatten. Mein Vater steuerte ein fabelhaftes Selbstbau-Gewehr bei: gefertigt aus einem hölzernen Restholz-Griffstück, einem Stück Besenstiel als Lauf – natürlich feinsäuberlich mit Kimme und Korn versehen – sowie einer Wäscheklammer als Verschluss!

So perfekt ausgerüstet zog es mich hinaus in die Wildnis der Straßen und des Kindergartens in der Eisenbahnsiedlung. Dort wartete mein eigener Indianerstamm auf mich, umzingelt von verfeindeten Cowboys, kleinen Käfern, Zwergen und den unvermeidlichen Prinzessinnen aus der Märchenwelt, von denen ich aus den abendlichen Vorlesestunden meines Vaters ohnehin schon reichlich genug gehört hatte.

Doch so schnell das bunte Treiben über die Straßen gefegt war, so rasch zog wieder Ruhe ein. Mit dem Aschermittwoch begann die Fastenzeit – jene vierzigtägige Phase der inneren Einkehr, mit der man sich in unserer katholisch geprägten Umgebung auf das Osterfest, das höchste Fest im Kirchenjahr der Christen, vorbereitete. In der Praxis bedeutete das damals vor allem Verzicht und Disziplin: Süßigkeiten blieben im Schrank, Fleischgerichte wichen freitags dem Fisch oder einfachen Mehlspeisen, und in vielen Haushalten schwiegen Radio und Fernseher weitgehend oder wurden nur für die Nachrichten eingeschaltet. Unterhaltungssendungen waren tabu. Es war eine Zeit des bewussten Innehaltens und des Wartens.

Der Weg in die Schulbank war nun endgültig geebnet – und während draußen die Fastenzeit die Wogen des Karnevals glättete, rückte der große Tag meiner Einschulung Schritt für Schritt näher.

[ Nächstes Kapitel ]

Die Magie einer Musiktruhe

Nachdem der letzte Böllerrauch der Silvesternacht verflogen und das neue Jahr 1959 angebrochen war, zog die tiefste Winterruhe in die Eisenbahnsiedlung ein. Draußen knackte der Frost, während die Tage nur langsam länger wurden. Die Kälte hielt uns Kinder meist drinnen, doch langweilig wurde es hinter dem Kachelofen keineswegs. Deutschland befand sich mitten im Aufbruch des Wirtschaftswunders; unter Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinem populären Wirtschaftsminister Ludwig Erhard kehrte nach den schweren Nachkriegsjahren wieder Wohlstand und Zuversicht in die Haushalte ein. Man leistete sich wieder etwas, und auch bei uns zu Hause lag ein Hauch dieser historischen Aufbruchsstimmung in der Luft. Denn genau in jenen Wochen entwickelte sich unser Wohnzimmer zum absoluten Mittelpunkt der Welt – und das lag an einem ganz besonderen Möbelstück, das sich Addy und Franz voller Stolz gekauft und gegönnt hatten.

Es war eine nagelneue Nordmende-Musiktruhe, ein sogenanntes Tonmöbel, das den Raum dominierte. Gefertigt aus hochglänzendem Nussbaumholz, war sie der absolute Traum jener Zeit. Das Faszinierende daran war das Versteckspiel der Technik: Der Fernseher, das Radio, der Plattenspieler ruhten vollkommen unsichtbar hinter zwei eleganten Schiebetüren. Wenn nicht ferngesehen wurde, schob man die Holztüren einfach zu, und das Gerät fügte sich wieder wie ein edles Kommodenmöbel in das Zimmer ein. Fernsehen war zwar ein echtes Statussymbol, aber das Wohnzimmer sollte tagsüber eben gemütlich und aufgeräumt wirken.

So sehr dieses neue Wunderwerk der Technik uns alle verzauberte, brachte es ganz allmählich auch eine feine, kaum spürbare Veränderung in das Zusammenleben der Familien in der Eisenbahnsiedlung. Wo man sich früher abends auf der Straße, über den Gartenzaun hinweg oder bei Karten- und Brettspielen in der Wohnung austauschte und Geschichten erzählte, rückte nun der Blick auf die leuchtende Scheibe in den Vordergrund. Die Stühle und Sessel wurden nicht mehr zueinander gedreht, sondern starr auf das Möbel ausgerichtet. Das gemeinsame Sprechen wich immer öfter dem schweigenden Nebeneinander-Sitzen im abgedunkelten Raum. Das Tonmöbel holte zwar die weite Welt direkt zu uns ins Wohnzimmer, drängte aber gleichzeitig ein Stück der bisherigen, vertrauten Gemeinschaftlichkeit leise in den Hintergrund.

Für mich als kleinen Jungen besaß diese Truhe dennoch eine ganz eigene, magische Anziehungskraft. Wenn man den polierten Holzdeckel unter dem Radio an der Vorderseite aufklappte, betätigte ein kleiner Druckschalter im Verborgenen eine winzige Glühbirne, die das Innenleben sogleich in ein warmes, gemütliches Licht tauchte. Darin offenbarte sich der Plattenwechsler – ein mechanisches Wunderwerk. An der langen Abspielachse konnte man bis zu zehn Schallplatten aufreihen, die das Laufwerk dann vollautomatisch nacheinander herabließ. Um die beliebten kleinen Singles mit dem großen Mittelloch abzuspielen, steckte man den gelben Kunststoff-Puck auf die Achse. Und direkt neben dem Plattenspieler stand jenes typische Drahtgestell der Zeit: Ein kleiner Metallständer mit bunt ummantelten Drähten, in dem die Platten wie in einer echten Jukebox aufgereiht standen.

In diesem Ständer hatte auch eine ganz besondere, kleine Polyphon-Single ihren festen Platz: „In der kleinen Bimmelbahn“. Ich hörte mir das fröhliche Lied unzählige Male an, sang jedes Mal begeistert mit und habe den Text bis heute noch fast vollständig im Kopf:

„Mit der kleinen Bimmelbahn gerne alle Leute fahr’n. Über Berg und Tal keucht sie dahin…

Willst du mit der Bimmelbahn einmal durch das Ländchen fahr’n, darfst du nach der Uhrzeit dann nicht seh’n…

Denn die kleine Bimmelbahn muss durch einen Tunnel fahr’n und darinnen bleibt sie oftmals steh’n. Denn den Schaffner hat sein Mädchen mitgebracht aus seinem Städtchen…“

Ich sang aber keineswegs nur mit; in meinem Geiste fuhr ich selbst mit durch die Landschaft. Ich sah vor meinem inneren Auge, wie die kleine Bahn keuchend und langsam den Berg hinaufkroch, malte mir den dunklen Tunnel aus und stellte mir den freundlichen Schaffner und sein Mädchen vor, von denen das Lied erzählte.

Wenn das Radio eingeschaltet wurde, erwachte das Gerät langsam zum Leben. Das Röhrenradio brauchte ein paar Augenblicke zum Anwärmen, ehe das mystische „magische Auge“ – die grün leuchtende Abstimmröhre – aufglimmte und das genaue Einstellen des Senders anzeigte. Der Sound, der durch die Stoffbespannung der Lautsprecher drang, hatte einen unvergleichlich vollen, weichen Klang, der den Raum erfüllte. Wenn mein Vater auf UKW den Frequenzregler ganz nach links drehte, war je nach Wetterlage sogar schon mal der örtliche Polizeifunk zu hören. Meist war zwar überhaupt nichts los, aber das leise Rauschen und die gelegentlichen Knackgeräusche aus dem Äther gaben uns das Gefühl, Mäuschen bei echten Geheimsachen zu spielen.

Das Fernsehen war damals noch ein faszinierendes Ereignis. Ein Rund-um-die-Uhr-Programm wie heute gab es nicht. Vormittags und über den halben Tag flimmerte stundenlang nur das schlichte Testbild über die Mattscheibe: Ein starrer Kreis mit Graustufenfeldern und Linienmustern, begleitet von einem schrillen, langgezogenen Messton. Erst am späten Nachmittag, meist gegen 16:30 oder 17:00 Uhr, löste sich das Testbild auf und zum Kinderprogramm begrüßte uns Irene Koss, die Fernsehansagerin. Wenn sich die Holzschiebetüren öffneten, saßen wir Kinder voller Vorfreude auf dem Teppich. Wir fieberten mit bei den Abenteuern der Muminfamilie, staunten über Der kleine Muck oder sahen gebannt Märchen wie Frau Holle. Und am frühen Abend durfte der kleine Gute-Nacht-Gruß nicht fehlen, der uns vor der Tagesschau ins Bett verabschiedete.

Erst wenn wir Kinder im Bett lagen, schlug die Stunde der Großen. Dann dunkelten die Erwachsenen das Zimmer ab und blickten gebannt auf das einzige Programm der ARD. Anfang 1959 lief dort der mehrteilige Straßenfeger „So weit die Füße tragen“. Ganz Deutschland schaute damals gespannt auf diesen einen Kanal – auch bei uns zu Hause saßen die Eltern, gelegentlich mit einem befreundeten Ehepaar bei Salzstangen, einem Bier, einem Gläschen Oppenheimer Krötenbrunnen, wie gebannt vor dem schimmernden Schwarz-Weiß-Bildschirm und verfolgten die dramatische Flucht durch Eis und Schnee.

So vergingen die dunklen Januartage wie im Flug. Doch je weiter der Winter fortschritt, desto mehr wich die Gemütlichkeit der Vorfreude auf ein ganz anderes, farbenfrohes Spektakel. Aus den Lautsprechern unserer Nordmende-Truhe erklangen nun immer öfter fröhliche Schunkellieder und närrische Marschmusik, denn der Rheinland-Karneval kündigte sich mit großen Schritten an – und mit ihm die Tage, an denen die ganze Eisenbahnsiedlung Kopf stehen sollte.

Das neue Jahr 1959 erwacht

An diesem letzten Tag des Jahres 1958 durfte ich abends etwas länger aufbleiben, aber nur etwas und bereits im Schlafanzug. Abmarschbereit, wie man zu sagen pflegte.

Während ich später selig in meinem Kinderbett schlummerte, feierten meine Eltern Addy und Franz zusammen mit Tante Hannelore und Onkel Hubert in unserem Wohnzimmer den Silvesterabend, um gemeinsam in das neue Jahr 1959 zu rutschen. Der Tisch war festlich und liebevoll dekoriert: Schälchen mit Erdnüssen, Salzstangen und Salzbrezeln standen bereit, dazu gab es appetitlich belegte Schnittchen und knackige Gewürzgürkchen. Tomaten, wie die Vier sie im vergangenen Sommer so gerne in Italien gegessen hatten, gab es nicht, dafür war schließlich nicht die Jahreszeit. Die Damen nippten an einem Gläschen Wein, für die Männer standen zwei, drei Flaschen Bier bereit – kein ganzer Kasten, sondern genau das richtige Maß für einen geselligen Abend im kleinen Kreis. Zum Anstoßen auf das fröhliche „Prost Neujahr!“ wartete ein kühler Sekt, den einer der Vier bei der letzten Tombola im Haus Rheindamm gewonnen hatte.

Es gab weder ein lautes Böllermeer vor der Haustür noch das Flimmern eines Fernsehers. Stattdessen verging die Zeit wie im Flug bei gemütlichen Runden Mau-Mau, getragen von lebhaften Gesprächen. Man schwelgte in Erinnerungen an die vergangenen, gemeinsamen Urlaubstage im fernen, sommerlichen Italien mit seinen Stränden, dem pulsierenden Rimini, dem mittelalterlichen San Marino und der traumhaften Riviera. Die Männer unterhielten sich über den Alltag und den Dienst bei der Eisenbahn. Die Frauen sprachen eifrig über ihre Handarbeiten – über Schnittmuster für die anstehenden Karnevalskostüme, über schöne Stoffe, Wolle fürs Stricken und Häkeln. Und wie es sich für einen Jahreswechsel gehörte, tauschte man Träume aus – vom Glück eines eigenen kleinen Gartens, von modernen elektrischen Haushaltsgeräten, die den Alltag erleichtern sollten, oder gar von einer prachtvollen Musiktruhe mit integriertem Radio, Plattenspieler , einem Zehnplattenwechsler und vielleicht eines Tages sogar einem echten Fernseher.

All das fand im warmen Licht des Leuchters im Wohnzimmer statt, ohne dass die Feiernden ahnen konnten, dass dieses Jahr 1959 draußen in der Welt gewaltige historische Schatten vorauswerfen sollte. In genau jener Silvesternacht eroberten Fidel Castro und seine Rebellentruppen die kubanische Hauptstadt Havanna, während auf der anderen Seite des Ozeans Heinrich Lübke im Laufe des Jahres zum Bundespräsidenten gewählt werden und der Bau der ersten Mondsonde das Zeitalter der Raumfahrt einläuten sollte. Die große, oft unruhige Weltgeschichte nahm draußen ihren Lauf – doch im heimischen Wohnzimmer in der Eisenbahnsiedlung zählte in jenen Stunden nur die Wärme der Familie und der Freunde.

Ich bekam von all dem gar nichts mit. Erst am späten Morgen des Neujahrstages erwachte ich glücklich in meinem neuen Schlafanzug. Ringsum im Haus herrschte eine wohltuende Stille; die Erwachsenen hatten sich irgendwann in der langen Nacht wohl doch noch zur Ruhe gelegt und schliefen aus. Nur aus der Ferne drang das feierliche Läuten der Glocken von St. Laurentius an mein Ohr.

Es war Neujahr 1959, ein Tag der absoluten Ruhe, der Wünsche, der Hoffnung, der Zuversicht. Draußen auf den Gleisen stand alles still – der Bahnhof, die wartenden Lokomotiven und die langen Reihen der Güterwagen ruhten in der feiertäglichen Winterluft. Einzig der O-Bus setzte sich pünktlich und fast lautlos in Bewegung, um seine Route in Richtung Moers aufzunehmen, ganz ohne Fahrgäste. Ihm kam auf der Straße der silberne NIAG-Dieselbus der Linie 27 entgegen, der von Rheinhausen nach Krefeld unterwegs war. An den Haltestellen stand kein Mensch, und im Bus saß nur ein einziger, verschlafener Fahrgast. Ohne in der Eisenbahnsiedlung anzuhalten, zog das Fahrzeug in Richtung Krefeld durch.

Ich trat auf leisen Sohlen ins Wohnzimmer, schlich an den ruhenden Schienen auf der Holzplatte meiner Eisenbahn vorbei und schaute aus dem Fenster in den friedlichen Neujahrsmorgen. Das Jahr 1959 hatte begonnen – und auf meiner Eisenbahn warteten schon die nächsten Fahrten.