Aufbruch ins Zillertal

Die ersten kleinen Lernerfolge in der Schule stellten sich schneller ein, als ich es selbst geahnt hätte. Die geheimnisvollen Zeichen, die Frau Schmitz uns Tag für Tag an der Wandtafel näherbrachte, verloren allmählich ihr Rätselhaftes und verwandelten sich in Wörter, die mir stolz ihre Bedeutung preisgaben.

Wie weit ich auf diesem neuen Weg schon gekommen war, zeigte sich an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag. Vater Franz kam von seinem Dienst auf der Dampflok nach Hause und hielt einen schlichten Briefumschlag in der Hand. Er hatte ihn von einem Arbeitskollegen bekommen – dem Vater meines Klassenkameraden Manfred aus der Henschelstraße. Mutter legte die Küchenarbeit beiseite, und gemeinsam öffneten sie das Papier. Als Vater das zweimal gefaltete Blatt aufschlug, schaute ich ihm neugierig über die Schulter. Und tatsächlich: Auf dem weißen Grund hoben sich klare, schwarze Buchstaben ab. Es war keine geschwungene Schreibschrift, sondern die akkuraten Typen einer Schreibmaschine, doch ich konnte bereits einzelne Wörter entziffern! Wie mir meine Eltern voller Freude erklärten, hielt Vater einen sogenannten Zimmernachweis aus Hippach im Zillertal in den Händen.

Das Blatt war nichts Weniger als der Auftakt für ein großes Abenteuer: ein zweiwöchiger gemeinsamer Urlaub in den Bergen mit meinen Eltern, Manfred und seinen Eltern. Schon der Name Zillertal klang in meinen Kinderohren nach Verheißung und weiter Welt. Eine Welle der Vorfreude erfasste mich, und die Sehnsucht nach dieser mir völlig unbekannten Ferne schlug fortan in jedem Herzschlag mit. Gemeinsam mit Manfreds Eltern studierten meine Eltern die Liste und wählten ein preiswertes Unterkunftsangebot aus: Keine zehn Mark sollte die Übernachtung mit Frühstück in einem einfachen Zimmer auf einem Bauernhof in Laimach kosten – einem idyllischen Ortsteil von Hippach, bewirtschaftet von der Familie Troppmair.

So schrieben meine Eltern einen höflichen Brief nach Österreich, um die Zimmerreservierung anzufragen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Antwort mit der Post ankam, doch als das Schreiben schließlich im Briefkasten lag, war die Erleichterung groß: Wir waren herzlich willkommen! Die Familie Troppmair ließ ausrichten, dass sie sich schon riesig auf die beiden Familien aus der Eisenbahnsiedlung freue. Die verbleibenden Schultage bis zu den ersten großen Sommerferien verflogen nun wie im Flug, getragen von der unbändigen Vorfreude auf die gemeinsamen Ferien mit Manfred.

Allmählich liefen die Reisevorbereitungen auf Hochtouren. Das gewissenhafte Kofferpacken überließ ich meinen Eltern, doch für mich persönlich gab es einen ganz eigenen, kleinen Rucksack, den ich stolz wie ein großer Bergsteiger hütete. Am Tag der Abreise herrschte in der Küche ein geschäftiges Treiben: Mutter strich duftende Brote, kochte Eier und füllte eine Thermoskanne mit heißem Tee für die lange Fahrt mit der Bahn. Vater bereitete derweil akribisch seine Ausrüstung vor: Er legte sorgfältig einen Agfa-Kleinbildfilm mit 36 Aufnahmen in seine neue Agfa Optima ein – ein treuer Begleiter, der all unsere Erinnerungen festhalten sollte –, während ein zweiter Film als wertvolle Reserve sicher im Koffer verstaut wurde.

Und dann war der große Moment endlich da. Manfred, seine Eltern, meine Eltern und ich brachen auf. Am frühen Abend stiegen wir in den vertrauten Pendelzug der Eisenbahnsiedlung und fuhren pünktlich ab Richtung Rheinhausen. Von dort ging es weiter mit dem „Hippeland-Express“, in dem bereits viele Kruppianer auf dem Weg zur Nachtschicht an ihrer Arbeitsstelle im Werk Rheinhausen-Ost saßen, bis zum Duisburger Hauptbahnhof.

Dort herrschte das geschäftige Treiben der großen Eisenbahnwelt. Wir wechselten den Bahnsteig und stiegen in einen D-Zug, der pünktlich in die aufziehende Nacht Richtung Süden fuhr. Wir sechs Reisenden eroberten ein eigenes Abteil. Während die Männer mit geübten Griffen das schwere Gepäck in den Ablagen über den Sitzen verstauten, sicherten Manfred und ich uns sofort die besten Plätze: direkt am Fenster mit den beiden Klapptischchen, einander gegenüber. Ein tiefes Rucken ging durch den Wagen, und schon rollte der Zug langsam aus dem Bahnhof hinaus, weiter über Düsseldorf, Köln, Koblenz und Mainz – unserem Ziel entgegen.

Die Augen von uns Kindern wurden von Stunde zu Stunde schwerer. Irgendwann wurden die Sitzflächen des Abteils ausgezogen, Manfred und ich streckten uns lang aus und trotz aller festen Absicht, unbedingt wach zu bleiben, schliefen wir im gleichmäßigen Takt des dahinrasenden Zuges schließlich tief und fest ein.

Der Zug fuhr durch die sternenklare Nacht. Als ich am frühen Morgen wach wurde, klang eine leise, aber bestimmte Stimme durch unser Abteil: „Guten Morgen zusammen! Die Pässe bitte. Haben Sie etwas zu verzollen?“ Die Erwachsenen händigten die erbetenen Dokumente aus. Nach einem flüchtigen Blick des österreichischen Gendarmen auf die Papiere erhielten die Eltern sie schon zurück, begleitet von einem freundlichen: „Ja dann noch eine gute Fahrt und einen schönen Urlaub bei uns in Österreich!“

Wenig später erreichten wir Jenbach, den Umsteigeort zur Zillertalbahn, von der mir in den Wochen vor der Reise schon so viel Einzigartiges erzählt worden war. Und da stand sie nun abfahrbereit auf dem Gleis: die kleine Dampflokomotive mit ihren schnuckeligen Personenwagen! Sie dampfte, zischte und verbreitete diesen vertrauten, herrlichen Geruch nach verbrannter Kohle, heißem Wasser und Öl, den ich aus der Heimat kannte. Bis zur Weiterfahrt blieb noch etwas Zeit, sodass wir die kleine Lok aus nächster Nähe ausgiebig inspizieren konnten. Mein Vater Franz hielt das Geschehen konzentriert im Sucher seiner Agfa Optima fest. Mit nur zwei Filmen für volle vierzehn Tage musste er zwar gut haushalten, aber dieser Anblick war mindestens ein Dia wert.

Wir setzten uns in einen der Schmalspurwaggons, und pünktlich zuckelte der Zug auf seinen kleinen Gleisen los. Langsam rollte er ins Tal hinein Richtung Mayrhofen – über klackernde Weichen und Bahnübergänge, entlang der rauschenden Ziller, über kleine Brücken, vorbei an beschaulichen Haltepunkten, Weilern und Dörfern, durch die weiten, saftigen Wiesen, tief eingebettet in die imposante Bergwelt der Zillertaler Alpen. Ich war fernab der Heimat in einer Welt gelandet, die mir wie ein wunderschönes Märchen erschien.

Schließlich erreichten wir unser Ziel Hippach. Der Zug hielt mit leichtem Quietschen an, und wir stiegen aus. Der tiefe, beruhigende Klang der Glocken von den Kühen auf den umliegenden Weiden begrüßte uns. Während die Erwachsenen sich um das Gepäck kümmerten und die schweren Koffer aus dem kleinen Waggon reichten, schauten Manfred und ich uns neugierig auf dem Bahnsteig um. Neben dem bescheidenen Bahnhofsgebäude stand ein knallroter Steyr-Traktor mit einem zweiachsigen Anhänger. Der Fahrer – ein Mann mit zünftigem Tirolerhut, einer abgewetzten Lederhose und einem schmucken Janker – wartete dort offensichtlich bereits auf jemanden.

Als er uns erblickte, kletterte er schwungvoll von seinem Fahrzeug herunter und kam freudestrahlend auf uns zu. Seine Wangen hatten eine so frische, gesunde Gesichtsfarbe, wie ich sie aus dem Schatten des Rangierbahnhofs in der Eisenbahnsiedlung überhaupt nicht kannte. Mit einem herzlichen Lächeln trat er auf uns zu und begrüßte uns mit den Worten: „Grüß Gott beinander im Zillertal, I bin der Franz, a recht herzliches Willkumm bei der Familie Troppmair aus Laimach!“ – und in diesem Augenblick begann unsere unvergessliche Zeit in den Alpen.

[ Nächstes Kapitel ]

Lernfleiß und Schabernack

Von nun an veränderte sich meine ganze kleine Welt. Mein morgendlicher Weg führte mich nicht mehr wie gewohnt durch das vertraute Törchen im Jägerzaun, vorbei an den gepflegten Gärten im wachsamen Schatten des mächtigen Wasserturms, der über all die Jahre hinweg unser treuer Orientierungspunkt im Kindergartenalltag gewesen war. Stattdessen ging ich jetzt, die Hand meiner Mutter fest in der meinen, über die Breitenbachallee hinein in die Martinistraße – dem Schulgebäude entgegen, das von diesem Frühjahr an der Mittelpunkt meiner Kindheitswelt werden sollte.

Auf dem Schulhof, unter den hohen Kronen der alten Bäume, tröpfelten wir nach und nach alle ein. Es war ein buntes, geschäftiges Bild: Wir I-Dötzchen standen inmitten der Erwachsenen – an der Seite unserer Mütter und vereinzelter Väter, die sich extra für diesen Morgen etwas Zeit abgezwackt hatten. Während die Großen ein vertrautes Nachbarschaftsschwätzchen hielten, um ihre eigene Befangenheit zu überspielen, warteten wir Kinder mit klopfendem Herzen und gespannter Ehrfurcht darauf, dass es endlich losging.

Pünktlich fünf Minuten vor Schulbeginn durchbrach das helle Schrillen der Schulglocke das Gemurmel auf dem Hof. Im selben Augenblick öffnete sich die große, gläserne Eingangstür. Frau Schmitz, unsere Lehrerin, trat heraus und sah mit frischem, aufmunterdem Blick in die Runde. Frau Schmitz begrüßte uns mit einer Stimme, die sofort Vertrauen einflößte: „Guten Morgen, Kinder!“

Wie von Geisterhand ordnete sich die Schülerschar. Wir stellten uns gehorsam klassenweise auf, Reihe an Reihe, und folgten unserer Lehrerin ins Gebäude. Wir stiegen die steinerne Treppe hinauf ins Hochparterre, vorbei am Zimmer des Hausmeisters, von dem ein eigentümlicher Geruch nach Linoleum, Bohnerwachs und der großen, weiten Schulwelt ausging. Der Hausmeister selbst stand in der Tür seines Reiches: Gekleidet in seinen charakteristischen grauen Kittel, einen dicken Schlüsselbund in der Hand und den Schraubenzieher griffbereit in der Kittelbrusttasche. Er lächelte uns freundlich zu und rief uns mit aufmunternder Stimme entgegen: „Nur Mut, ihr I-Dötzchen! Das wird ein prima Schuljahr!“

Frau Schmitz führte uns I-Dötzchen gemeinsam mit den Schülern der zweiten Klasse in unseren zur Straße gelegenen Klassenraum. Drinnen verteilten wir uns wie selbstverständlich: Auf der linken Seite nahmen wir Neulinge Platz, während rechts die „alten Hasen“ des zweiten Schuljahres ihren Stammbereich bezogen.

Vorne an der Wand verankert thronte die große, aufklappbare und in der Höhe verschiebbare Wandtafel. In ihrer Ablage lagen sauber aufgereiht die weiße Kreide und der leicht angefeuchtete Schwamm für den ersten Einsatz bereit. Direkt davor stand das Lehrerpult – ein schlichter kleiner Holzschreibtisch mit einem einfachen Holzstuhl dahinter, auf dem eine Schachtel mit Kreide in allen Farben des Regenbogens wie ein kleiner Schatz auf ihren Einsatz wartete, auf den ich jetzt schon ganz gespannt war.

An der Rückwand rollte sich von einer dunklen Holzstange eine große topografische Karte von Deutschland, und über der Eingangstür wachte still ein geschnitztes Holzkreuz – es gab dem Raum etwas ganz Beschützendes und erfüllte uns Kinder mit Mut, Zuversicht und einem Gefühl von liebevollem Frieden.

Der Raum selbst war eine Welt voller Entdeckungen. An der linken Wand zog eine mächtige Zeichnung auf festem Karton all meine Blicke auf sich: Das Bild zeigte ein mehrstöckiges Haus mit unzähligen Fenstern. Aus jedem von ihnen blickten uns die Buchstaben des gesamten Alphabets entgegen – die großen Buchstaben stolz voran und direkt daneben ihre kleinen Geschwister, schwungvoll gemalt in sogenannter Schreibschrift.

Wir Kinder nahmen jeweils zu zweit an den hölzernen Pulten Platz, auf den kleinen, passenden Holzstühlen. Unter den Tischplatten verbarg sich eine praktische Ablage, in der unsere ledernen Tornister ihren festen Platz fanden. Hier saß ich nun Seite an Seite mit alten Bekannten aus der Siedlung und neuen Gesichtern, die ich erst noch kennenlernen sollte: Ralf, Manfred, Ulrike, Marlene, Evi und Angelika.

Frau Schmitz trat hinter ihr Pult, hielt für einen Moment inne und strahlte uns Kinder voll herzlicher Wärme an. Und dann ging es los.

Angelika saß direkt neben mir – was nicht ohne Folgen bleiben sollte. Ich war von Natur aus mitteilungsfreudig, entgegen der ansonsten verbreiteten vornehmen Zurückhaltung des Niederrheiners, und so dauerte es nicht lange, bis meine Plaudereien während des Unterrichts ihren Niederschlag fanden. Im Zeugnis bekam ich es von Frau Schmitz schwarz auf weiß quittiert: „Franz-Georg stört in letzter Zeit sehr.“ Doch anders als Jahre zuvor im Kindergarten gab es diesmal keinen Mund-Pflaster-Rüffel mehr – die Schule verlangte eben auf ihre ganz eigene Weise Disziplin.

Mit unendlicher Geduld öffnete Frau Schmitz uns Tür um Tür zu einer völlig neuen Welt: Wir lernten die ersten Buchstaben kennen, staunten über die Geheimnisse der Zahlen und machten mit kreisenden Griffeln unsere allerersten, stolzen Schritte auf dem langen Weg des Lesens und Schreibens.

Wir lernten in dieser Zeit keineswegs nur „für das Leben“, wie es uns die Erwachsenen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mahnend einbläuten. Wir hatten vor allem auch reichlich Spaß. Wenn wir dem Unterricht von Frau Schmitz einmal mehr, einmal weniger aufmerksam folgten, stimmte sie mit uns fröhliche Lieder an, die den Klassenraum im Nu mit Leben füllten.

In den Pausen verwandelte sich der Schulhof unter den Kastanien in eine Bühne für turbulente Fangen- und Versteckspiele, bei denen wir uns nach Herzenslust austobten. Und natürlich gab es auch die kleinen Genüsse des Schulalltags: In der großen Pause gab es das Brot aus dem Tornister, warme Milch oder Kakao. Der Hausmeister hatte die kleinen Glasfläschchen, die in blauen Kunststoffkisten angeliefert wurden, rechtzeitig vor der Pause in einem speziellen Wärmeschrank temperiert. Versiegelt waren die Fläschchen mit hauchdünnen Deckeln aus Staniol. Wir stießen einfach einen Strohhalm durch die Folie, um das Getränk in den Mund zu ziehen. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die ersten Jungen entdeckten, wie man die ganze Sache noch viel interessanter machen konnte: Man durfte nicht ziehen, sondern musste die Atemluft durch den Strohhalm kräftig in die Flasche drücken. Schon begann es drinnen herrlich zu blubbern und zu schäumen – ein Mordsspaß und schöner Schabernack, der schnell seine Runde machte und uns den Ernst des Lebens von der ersten Minute an auf die liebenswerteste Weise versüßte.

Gegen Mittag endete der Unterricht, und mit dem Schulläuten fiel der Startschuss für den zweiten, nicht minder wichtigen Teil des Tages. Zu Hause wartete bereits das Mittagessen, das Mutter frisch und liebevoll zubereitet hatte oder auch schon mal Aufgewärmtes vom Vortag. Tiefkühlkost gab es nicht. Der heute übliche Ausdruck „Fast Food“ kannte zu dieser Zeit noch niemand – bei uns wurde ehrlich gekocht, und der Duft aus der Küche empfing uns schon an der Haustür. Nudeln mit Sauce und Pfannkuchen hießen damals wie heute unsere absoluten Lieblingsgerichte, bei denen der Teller nie schnell genug leer werden konnte. Und an manchen Montagen wartete sogar noch eine ganz besondere Überraschung: ein Rest feiner Pudding, den Mutter am Sonntag weitsichtig für den Start in die neue Woche zurückgestellt hatte.

Nach dem Essen waren die wenigen Hausaufgaben rasch erledigt. Die Stifte wanderten zurück in die Griffeldose, die Schiefertafel in den Tornister, und dann gab es kein Halten mehr: Es ging wieder hinaus in die Welt, die uns Kindern so vertraut war und uns jeden Nachmittag aufs Neue magisch anzog. Zwischen den Grünanlagen der Eisenbahnsiedlung, den geheimen Verstecken hinter den Häusern und den weiten Rheinwiesen warteten unzählige Abenteuer auf uns. Dort spielten und stromerten wir unbeschwert umher, wie wir es seit Langem taten, bis die Schatten länger wurden und der frühe Abend uns schließlich müde, aber überglücklich nach Hause rief, um uns über Nacht für den nächsten Tag zu erholen.

Ostern 1959 und der erste Schultag

Mit dem Herannahen des Osterfestes veränderten sich der Takt und das Lebensgefühl in der Siedlung spürbar. Schon am Gründonnerstag lag eine feierliche Erwartung in der Luft – jener besondere Abend im Kirchenjahr, an dem man des letzten Abendmahls gedenkt. Bei uns zu Hause kam an diesem Tag ganz traditionell Spiegelei mit Spinat und Kartoffeln auf den Tisch.

Als tags darauf der Karfreitag anbrach, legte sich eine fast unwirkliche, tiefgreifende Stille über die Siedlung. Es schien, als stünde die Welt für einen Moment vollkommen still: Das gewohnte, laute Toben der Kinder war verstummt, in den Grünanlagen blieb es mäuschenstill, und man hätte meinen können, alle Mädchen und Jungen der Nachbarschaft seien wie vom Erdboden verschluckt. Einzig der gemeinsame Gang in die Kirche durchbrach die Ruhe – allen voran zur Nachmittagsstunde, der Überlieferung nach die Todesstunde Jesu, in der eine erhabene Andacht den Raum erfüllte.

Nach dem Karsamstag, der als seltsam stiller Zwischenraum voller Ausharren und Warten kaum stattzufinden schien, brach am Ostersonntag schließlich eine befreiende, überall spürbare Freude Bahn. Die Botschaft der Auferstehung füllte die festlich geschmückten Gotteshäuser mit hellem Orgelklang, und das Osterfest schenkte uns eine Zuversicht, die bis weit in den Alltag hineinstrahlte. In diesem Jahr fiel mein sechster Geburtstag am 6. April zwar nicht direkt auf die Feiertage – Ostern lag Ende März bereits eine Woche hinter uns –, doch die nachklingende Festtagsstimmung verlieh auch meinem Ehrentag einen ganz besonderen Glanz.

Für mich persönlich markierten diese Wochen des Frühjahrs 1959 jedoch noch einen ganz anderen, einschneidenden Wendepunkt. Mit dem Fest und meinem sechsten Geburtstag lag das vertraute Leben im Kindergarten nun endgültig hinter mir. Ein neuer, aufregender Lebensabschnitt kündigte sich an: Ich gehörte von jetzt an zu den „Großen“ und durfte mich fortan ein Schulkind nennen.

Schon Tage vor der eigentlichen Einschulung lag eine ganz eigene Spannung in der Luft. Meine Mutter hatte dafür gesorgt, dass ich für diesen feierlichen Anlass adrett eingekleidet war. Für diesen bedeutenden Tag war sogar Verstärkung aus der Verwandtschaft angereist: Oma Anna war extra aus Xanten gekommen, und auch ihre Schwester, Tante Käthe, war zusammen mit ihrem Mann, Onkel Albert, aus Kamp-Lintfort zu uns in die Eisenbahnsiedlung gereist.

Am Morgen dieses ersten Schultags stand ich stolz da – in meinen besten Sachen, die Schultüte fest in beide Hände geschlossen. Sie war prall gefüllt mit allerlei Nützlichem für den Schulranzen, aber vor allem mit Süßigkeiten, die in diesen Jahren noch keineswegs alltäglich waren und kostbar dufteten. Auf dem Rücken trug ich einen dunkelbraunen, ledernen Tornister, in dem sich all die nötigen Dinge für die Schule befanden: die Schiefertafel mit dem roten Holzrahmen, auf deren einer Seite die Buchstaben des Alphabets und auf der anderen Seite Zahlen standen, das kleine, runde Kunststoffdöschen mit dem – leicht angefeuchteten – Tafelschwamm sowie die hölzerne Griffeldose samt Griffel und Anspitzer. Und nicht zuletzt steckte darin meine Butterbrotdose – genau so eine, wie sie auch mein Vater hatte und mitnahm, wenn er seinen Dienst beim Bahnbetriebswerk antrat.

Bevor wir jedoch den Weg zur Schule antraten, führte uns unser erster Gang gemeinsam mit vielen anderen Familien aus der Siedlung zur katholischen Kirche St. Laurentius. Über den Wegen lag das gewohnte Hintergrundgeräusch der Siedlung: Das Zischen der Dampflokomotiven vom nahen Rangierbahnhof Hohenbudberg und das dunkle Rumpeln der Güterwagen, die über die Ablaufberge rollten. Es war die vertraute Kulisse meiner Kindheit, doch an diesem Morgen nahm ich sie kaum wahr – zu groß war die Ehrfurcht vor dem, was mich erwarten sollte. Das Portal von St. Laurentius stand weit offen, und das helle Geläut der Glocken rief uns I-Dötzchen zusammen. Drinnen empfing uns Pastor Klümpen mit den Messdienern und dem vertrauten, feierlichen Duft von Weihrauch und Kerzenwachs. Durch die bunten Glasfenster fiel das morgendliche Sonnenlicht in farbigen Bahnen auf die voll besetzten Bankreihen.

Wir Kinder saßen mit unseren voll gepackten Schultüten auf den vorderen Bänken, die kleinen Hände fest um die bunten Pappen geschlossen. Pastor Klümpen richtete feierliche und zugleich herzliche Worte an uns. Er sprach davon, dass nun ein neuer, aufregender Lebensabschnitt für uns beginne, auf dem Gott uns stets beschützen und begleiten werde. Als er schließlich den Segen über uns I-Dötzchen sprach und uns ein gutes Gelingen für die Schulzeit wünschte, wich auch die letzte Befangenheit. Ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und Stolz breitete sich in mir aus.

Nach dem Gottesdienst strömte die festliche Gesellschaft wieder hinaus ins Freie. Die Sonne stand bereits etwas höher am Himmel, und ein Stimmengewirr aus fröhlichen Glückwünschen und freudiger Aufregung erfüllte den kleinen Platz vor der Kirche. Gemeinsam mit den Eltern und den Verwandten machten wir uns auf den kurzen Weg zur nahegelegenen Volksschule an der Martinistraße.

Vor dem zweigeschossigen Gebäude der Volksschule, auf dem Schulhof unter dem dichten, tiefgrünen Dach der alten Kastanien – wo im November St. Martin den armen Mann am Feuer getroffen hatte –, herrschte ein buntes Treiben. Dicht an dicht standen wir I-Dötzchen mit unseren prallen Schultüten und den ledernen Ranzen auf dem Rücken, die noch viel zu groß für unsere schmalen Kinderschultern wirkten. Auch mein Ranzen saß stramm auf den Schultern, die Schultüte hielt ich stolz und fest im Arm.

Herr Eulerich, der Schulleiter, und Frau Schmitz, unsere Lehrerin, hatten sich bereits unauffällig unter die Wartenden gemischt und sprachen mit einzelnen Kindern. Und dann ertönte das helle Schrillen der Schulglocke. Nach und nach trat Ruhe ein. Frau Schmitz und Herr Eulerich traten vor den Schuleingang und begrüßten die Schülerschar, die Eltern und die Gäste: „Guten Morgen zusammen an diesem wunderschönen Tag!“

Wir Kinder konnten es kaum erwarten, nun endlich in unseren Klassenraum zu kommen, um all die Geheimnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens zu ergründen. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis wir alle drinnen auf unseren Plätzen saßen. Die Eltern, Omas und Opas standen dicht an dicht an den Wänden und folgten aufmerksam den ersten Worten von Frau Schmitz – obwohl dieser Unterricht doch eigentlich ganz allein uns Kindern gehörte. Schließlich verabschiedeten sich die Großen, und wir waren endlich mit Frau Schmitz allein. Wir lauschten gebannt ihren Worten, ihren Geschichten und stimmten gemeinsam unser erstes Schullied an.

Doch schon viel zu schnell schrillte die Glocke zum Schulschluss. Gelernt hatte ich an diesem ersten Tag noch nicht viel – Lesen, Schreiben und Rechnen konnte ich immer noch nicht, und so fiel ich vor der Schultür mit einer leisen Dosis Enttäuschung in die Arme meiner Eltern.

Als ich schließlich im Kreise der Familie mit meiner Schultüte und all den ersten Eindrücken stolz nach Hause ging, wusste ich dennoch ganz genau: Die Kindergartenzeit war nun endgültig Geschichte. Vier prägende Jahre an der katholischen Volksschule der Eisenbahnsiedlung lagen vor mir – eine Zeit voller neuer Freundschaften, wichtiger Lektionen fürs Leben und unvergesslicher Kindheitstage im wachsamen Schatten des Rangierbahnhofs.