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Die Wege aus der Siedlung
Die Eisenbahnsiedlung lag zwar abseits, eingebettet zwischen Rheinhausen und Krefeld, aber abgeschnitten von der Welt waren wir keineswegs. Die Verkehrsanbindung war überraschend vielseitig. Da gab es zum einen die O-Bus-Linie 2, die zwischen Neukirchen-Vluyn und unserer Siedlung fuhr, sowie die reguläre Buslinie 27 zwischen Krefeld und Rheinhausen-Hochemmerich Markt, die von der NIAG und der Krefelder Verkehrs-AG im Stundentakt betrieben wurde. Auf dieser Route fuhren die silbrigen Mercedes-Busse der NIAG im bunten Wechsel mit den beigen Anderthalbdeckern der Krefelder Verkehrsbetriebe.
Und selbstverständlich war unsere Siedlung auch direkt an das Schienennetz angeschlossen. Vom Haltepunkt Eisenbahnsiedlung fuhr der „Pendel“ auf dem äußersten Gleis – genau parallel zur Uerdinger Straße – vorbei am Stellwerk Hof, unter einer massiven Straßenbrücke aus Stahl hindurch und weiter vorbei am Kruppsee, bis er schließlich auf einem Stumpfgleis im Bahnhof Rheinhausen einlief. Dieser Bahnhof war ein wichtiger Knotenpunkt an der Hauptstrecke Duisburg–Krefeld; hier zweigte auch die Strecke des „Hippeland-Expresses“ ab, der über Moers und Xanten bis hinauf nach Kleve fuhr.
Unser „Pendel“ – so nannten wir liebevoll das Gespann aus einer kleinen Diesellokomotive der Baureihe Köf II und einem angehängten, zweiachsigen Personenwagen, einer dunkelgrünen „Donnerbüchse“ – brauchte für diese Strecke knapp zehn Minuten. Nach zwanzig Minuten Pause ging es wieder zurück. So pendelte der kleine Zug unermüdlich den ganzen Tag hin und her und machte seinem Namen alle Ehre.
Nach dem Mittag gab es zusätzlich eine erweiterte Fahrt über Uerdingen, Linn und Oppum bis in den Krefelder Hauptbahnhof und wieder zurück. Einmal am späten Nachmittag, gegen 17:00 Uhr, dampfte zudem ein regulärer Personenzug – gezogen von einer legendären „P8“ oder einem „Steppenpferd“ – auf seinem Weg von Duisburg über den Rhein und Rheinhausen mit Halt an unserem kleinen Bahnsteig nach Krefeld. In die Gegenrichtung fuhr etwas später ein vergleichbarer Zug. Alle anderen Personenzüge zwischen den beiden Großstädten brausten auf der gegenüberliegenden Seite des riesigen Verschiebebahnhofs an unserer Siedlung vorbei.
Sonntags allerdings herrschte am Haltepunkt Eisenbahnsiedlung absolute Ruhe. Es fuhr kein Pendel, kein Personenzug – einfach nichts. Schon allein deshalb, weil die Stellwerke an diesem Tag nicht besetzt waren. Die Eisenbahner hatten alle frei und waren bei ihren Familien; es herrschte Sonntagsruhe im wahrsten Sinne des Wortes.
An manchen Tagen ging meine Mutter mit mir entlang der Bahn. Unser Weg führte von der Uerdinger Straße vorbei an den weitläufigen Gleise des Verschiebebahnhofs nach Hohenbudberg, dort wo zu dieser Zeit manchmal mein Vater im Rangierdienst auf einer mächtigen Tenderlok der Baureihe 94, einer preußischen T16.1 im Einsatz war. Seine Aufgabe bestand darin, lange Güterzüge über den Ablaufberg zu drücken, sodass die abgekoppelten Waggons dahinter wie von Geisterhand rollten und sich auf die verschiedenen Gleise verteilten, um neue Züge zu bilden.
Wenn ich Glück hatte, die Lok gerade nah der Straße stand und mein Vater oder der Heizer mich entdeckte, ging alles ganz schnell: Mein Vater kletterte vom Führerstand herunter, kam freudestrahlend den Bahndamm herabgelaufen und nahm mich stolz auf den Arm: „Komm, du fährst ein Stück mit!“

Er hob mich am Einstieg zur Lok hoch, wo mich der Heizer entgegennahm und behutsam in den Führerstand stellte. Ich war augenblicklich überwältigt. Mir bot sich eine faszinierende, fast magische Welt voller eiserner Technik, kleiner und goßer Handräder, Hebel, Meßinstrumente und ungeheurer Kraft: Der Heizer schaufelte mit rhythmischen Bewegungen neue Kohle in die lodernde Feuerbüchse, überall zischte und dampfte es, und ein intensiver Geruch nach heißem Öl, Kohlenfeuer und frischem Dampf lag in der Luft. Eine gewaltige Geräuschkulisse umgab mich. Mein Vater setzte mich behutsam auf den Holzschemel des Lokführers und schärfte mir ein: „Gut festhalten!“
Dann löste er die Bremsen. Es zischte lautstark. Mit zügigen, geübten Griffen drehte er das schwere Handrad der Steuerung und schob den massiven Regler kurz und kraftvoll auf langsame Fahrt. Während ich mit riesigen Kinderaugen den Führerstand Zentimeter für Zentimeter fasziniert abtastete, setzte sich die kolossale Dampflok spürbar und mit sanftem Ruck in Bewegung. Sie schob die schweren Güterwagen vor sich her den Ablaufberg hinauf, bis wir schließlich das imposante Brückenstellwerk Hsf direkt über dem Berg erreichten und die Aufgabe erfüllt war.
Zurück ging es deutlich schneller – vorbei an den wartenden Güterwagen zur Ausgangsposition, wo meine Mutter unten an der Straße geduldig gewartet hatte und ich sie mit einem kurzen Pfeifton der Lok grüßen durfte. Mein Vater hob mich wieder aus dem Führerstand und brachte mich glücklich zu ihr zurück.
Von all diesen Erlebnissen sollte ich in den folgenden Jahren nie genug bekommen. Nach und nach lernte ich andere Rangierloks, schwere Güterzuglokomotiven und später die modernen Elektrolokomotiven im Bahnhof Hohenbudberg sowie auf freier Strecke im Rheinland und Ruhrgebiet kennen. Es waren prägende Eindrücke meiner frühesten Kindheit – Erlebnisse, die tief auf den Schienen meiner Wünsche und Fantasien Spuren hinterlassen haben und die bis zum heutigen Tag in mir lebendig sind.
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