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Lernfleiß und Schabernack

Von nun an veränderte sich meine ganze kleine Welt. Mein morgendlicher Weg führte mich nicht mehr wie gewohnt durch das vertraute Törchen im Jägerzaun, vorbei an den gepflegten Gärten im wachsamen Schatten des mächtigen Wasserturms, der über all die Jahre hinweg unser treuer Orientierungspunkt im Kindergartenalltag gewesen war. Stattdessen ging ich jetzt, die Hand meiner Mutter fest in der meinen, über die Breitenbachallee hinein in die Martinistraße – dem Schulgebäude entgegen, das von diesem Frühjahr an der Mittelpunkt meiner Kindheitswelt werden sollte.

Auf dem Schulhof, unter den hohen Kronen der alten Bäume, tröpfelten wir nach und nach alle ein. Es war ein buntes, geschäftiges Bild: Wir I-Dötzchen standen inmitten der Erwachsenen – an der Seite unserer Mütter und vereinzelter Väter, die sich extra für diesen Morgen etwas Zeit abgezwackt hatten. Während die Großen ein vertrautes Nachbarschaftsschwätzchen hielten, um ihre eigene Befangenheit zu überspielen, warteten wir Kinder mit klopfendem Herzen und gespannter Ehrfurcht darauf, dass es endlich losging.

Pünktlich fünf Minuten vor Schulbeginn durchbrach das helle Schrillen der Schulglocke das Gemurmel auf dem Hof. Im selben Augenblick öffnete sich die große, gläserne Eingangstür. Frau Schmitz, unsere Lehrerin, trat heraus und sah mit frischem, aufmunterdem Blick in die Runde. Frau Schmitz begrüßte uns mit einer Stimme, die sofort Vertrauen einflößte: „Guten Morgen, Kinder!“

Wie von Geisterhand ordnete sich die Schülerschar. Wir stellten uns gehorsam klassenweise auf, Reihe an Reihe, und folgten unserer Lehrerin ins Gebäude. Wir stiegen die steinerne Treppe hinauf ins Hochparterre, vorbei am Zimmer des Hausmeisters, von dem ein eigentümlicher Geruch nach Linoleum, Bohnerwachs und der großen, weiten Schulwelt ausging. Der Hausmeister selbst stand in der Tür seines Reiches: Gekleidet in seinen charakteristischen grauen Kittel, einen dicken Schlüsselbund in der Hand und den Schraubenzieher griffbereit in der Kittelbrusttasche. Er lächelte uns freundlich zu und rief uns mit aufmunternder Stimme entgegen: „Nur Mut, ihr I-Dötzchen! Das wird ein prima Schuljahr!“

Frau Schmitz führte uns I-Dötzchen gemeinsam mit den Schülern der zweiten Klasse in unseren zur Straße gelegenen Klassenraum. Drinnen verteilten wir uns wie selbstverständlich: Auf der linken Seite nahmen wir Neulinge Platz, während rechts die „alten Hasen“ des zweiten Schuljahres ihren Stammbereich bezogen.

Vorne an der Wand verankert thronte die große, aufklappbare und in der Höhe verschiebbare Wandtafel. In ihrer Ablage lagen sauber aufgereiht die weiße Kreide und der leicht angefeuchtete Schwamm für den ersten Einsatz bereit. Direkt davor stand das Lehrerpult – ein schlichter kleiner Holzschreibtisch mit einem einfachen Holzstuhl dahinter, auf dem eine Schachtel mit Kreide in allen Farben des Regenbogens wie ein kleiner Schatz auf ihren Einsatz wartete, auf den ich jetzt schon ganz gespannt war.

An der Rückwand rollte sich von einer dunklen Holzstange eine große topografische Karte von Deutschland, und über der Eingangstür wachte still ein geschnitztes Holzkreuz – es gab dem Raum etwas ganz Beschützendes und erfüllte uns Kinder mit Mut, Zuversicht und einem Gefühl von liebevollem Frieden.

Der Raum selbst war eine Welt voller Entdeckungen. An der linken Wand zog eine mächtige Zeichnung auf festem Karton all meine Blicke auf sich: Das Bild zeigte ein mehrstöckiges Haus mit unzähligen Fenstern. Aus jedem von ihnen blickten uns die Buchstaben des gesamten Alphabets entgegen – die großen Buchstaben stolz voran und direkt daneben ihre kleinen Geschwister, schwungvoll gemalt in sogenannter Schreibschrift.

Wir Kinder nahmen jeweils zu zweit an den hölzernen Pulten Platz, auf den kleinen, passenden Holzstühlen. Unter den Tischplatten verbarg sich eine praktische Ablage, in der unsere ledernen Tornister ihren festen Platz fanden. Hier saß ich nun Seite an Seite mit alten Bekannten aus der Siedlung und neuen Gesichtern, die ich erst noch kennenlernen sollte: Ralf, Manfred, Ulrike, Marlene, Evi und Angelika.

Frau Schmitz trat hinter ihr Pult, hielt für einen Moment inne und strahlte uns Kinder voll herzlicher Wärme an. Und dann ging es los.

Angelika saß direkt neben mir – was nicht ohne Folgen bleiben sollte. Ich war von Natur aus mitteilungsfreudig, entgegen der ansonsten verbreiteten vornehmen Zurückhaltung des Niederrheiners, und so dauerte es nicht lange, bis meine Plaudereien während des Unterrichts ihren Niederschlag fanden. Im Zeugnis bekam ich es von Frau Schmitz schwarz auf weiß quittiert: „Franz-Georg stört in letzter Zeit sehr.“ Doch anders als Jahre zuvor im Kindergarten gab es diesmal keinen Mund-Pflaster-Rüffel mehr – die Schule verlangte eben auf ihre ganz eigene Weise Disziplin.

Mit unendlicher Geduld öffnete Frau Schmitz uns Tür um Tür zu einer völlig neuen Welt: Wir lernten die ersten Buchstaben kennen, staunten über die Geheimnisse der Zahlen und machten mit kreisenden Griffeln unsere allerersten, stolzen Schritte auf dem langen Weg des Lesens und Schreibens.

Wir lernten in dieser Zeit keineswegs nur „für das Leben“, wie es uns die Erwachsenen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mahnend einbläuten. Wir hatten vor allem auch reichlich Spaß. Wenn wir dem Unterricht von Frau Schmitz einmal mehr, einmal weniger aufmerksam folgten, stimmte sie mit uns fröhliche Lieder an, die den Klassenraum im Nu mit Leben füllten.

In den Pausen verwandelte sich der Schulhof unter den Kastanien in eine Bühne für turbulente Fangen- und Versteckspiele, bei denen wir uns nach Herzenslust austobten. Und natürlich gab es auch die kleinen Genüsse des Schulalltags: In der großen Pause gab es das Brot aus dem Tornister, warme Milch oder Kakao. Der Hausmeister hatte die kleinen Glasfläschchen, die in blauen Kunststoffkisten angeliefert wurden, rechtzeitig vor der Pause in einem speziellen Wärmeschrank temperiert. Versiegelt waren die Fläschchen mit hauchdünnen Deckeln aus Staniol. Wir stießen einfach einen Strohhalm durch die Folie, um das Getränk in den Mund zu ziehen. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die ersten Jungen entdeckten, wie man die ganze Sache noch viel interessanter machen konnte: Man durfte nicht ziehen, sondern musste die Atemluft durch den Strohhalm kräftig in die Flasche drücken. Schon begann es drinnen herrlich zu blubbern und zu schäumen – ein Mordsspaß und schöner Schabernack, der schnell seine Runde machte und uns den Ernst des Lebens von der ersten Minute an auf die liebenswerteste Weise versüßte.

Gegen Mittag endete der Unterricht, und mit dem Schulläuten fiel der Startschuss für den zweiten, nicht minder wichtigen Teil des Tages. Zu Hause wartete bereits das Mittagessen, das Mutter frisch und liebevoll zubereitet hatte oder auch schon mal Aufgewärmtes vom Vortag. Tiefkühlkost gab es nicht. Der heute übliche Ausdruck „Fast Food“ kannte zu dieser Zeit noch niemand – bei uns wurde ehrlich gekocht, und der Duft aus der Küche empfing uns schon an der Haustür. Nudeln mit Sauce und Pfannkuchen hießen damals wie heute unsere absoluten Lieblingsgerichte, bei denen der Teller nie schnell genug leer werden konnte. Und an manchen Montagen wartete sogar noch eine ganz besondere Überraschung: ein Rest feiner Pudding, den Mutter am Sonntag weitsichtig für den Start in die neue Woche zurückgestellt hatte.

Nach dem Essen waren die wenigen Hausaufgaben rasch erledigt. Die Stifte wanderten zurück in die Griffeldose, die Schiefertafel in den Tornister, und dann gab es kein Halten mehr: Es ging wieder hinaus in die Welt, die uns Kindern so vertraut war und uns jeden Nachmittag aufs Neue magisch anzog. Zwischen den Grünanlagen der Eisenbahnsiedlung, den geheimen Verstecken hinter den Häusern und den weiten Rheinwiesen warteten unzählige Abenteuer auf uns. Dort spielten und stromerten wir unbeschwert umher, wie wir es seit Langem taten, bis die Schatten länger wurden und der frühe Abend uns schließlich müde, aber überglücklich nach Hause rief, um uns über Nacht für den nächsten Tag zu erholen.

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