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Kinderspiele und geborgene Abende

So schön es im Kindergarten auch war – zu Hause war es mindestens ebenso wunderbar. Wir Kinder spielten ja nicht nur in der Einrichtung zusammen, sondern vor allem draußen: vor dem Haus, auf den Gehwegen, auf den damals noch kaum befahrenen Straßen, hinter dem Haus und in den weitläufigen Grünanlagen.

Im Sandkasten wurden mit bunten Kunststoffförmchen feierlich Sandkuchen auf der breiten Holzumrandung gebacken. Wir Jungen bauten riesige Burganlagen, tüftelten Straßen, Wege, Brücken und Tunnel aus, um in dieser selbst geschaffenen Welt mit unseren kleinen Matchbox-Autos oder mit unseren Ritter-, Cowboy- und Indianerfiguren zu spielen. Dabei wurde auch schon mal das eine oder andere Auto oder eine begehrte Figur untereinander getauscht.

An der Turnstange gab es kein Halten mehr: Wir probierten uns aus, zeigten einander unser Können und eiferten den Älteren nach. Wir baumelten kopfüber an den Kniekehlen, drehten Umschwünge und führten andere, für uns Kinder beinahe zirkusreife Kunststücke vor. Ausgelassen spielten wir Fangen, fanden immer wieder neue Verstecke und rannten bei Ballspielen kreuz und quer über die Wiesen. Hier standen keine Schilder mit der Aufschrift „Betreten verboten!“ – auf diesen Grünflächen herrschten wir Kinder, nicht die Hunde.

Vor den Häusern, auf den Gehwegen und den ruhigen Wohnstraßen lernten wir das Radfahren. Zunächst noch wackelig mit Stützrädern oder an der sicheren Hand des Vaters. Es dauerte eine Weile, bis ich die Welt ganz allein auf meinem rollenden Gefährt erkunden konnte, was mich auch die eine oder andere schmerzhafte, blutende Schramme kostete. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“, hieß es dann – und schon ging es mit der kleinen Wunde weiter, die schnell wieder vergessen war. Bald kam noch ein zweites Fahrzeug hinzu: ein Roller. Es war ein abwechslungsreiches, buntes, mit Entdeckungen und kleinen Abenteuern gespicktes Leben rund um die Häuserzeilen, in denen wir aufwuchsen.

Schlechtes Wetter gab es für uns Kinder ohnehin kaum. Wenn es regnete, ging es einfach in Gummistiefeln nach draußen, um durch die Pfützen zu stampfen. Bei Schnee hielt uns erst recht nichts mehr drinnen: Dann bauten wir stolze Schneemänner – Kohlen, von denen es im Keller reichlich gab, dienten als schwarze Augen und Knöpfe, eine Möhre als Nase, ein alter Eimer oder Blumentopf als Hut und ein abgebrochener Ast als Besen. Wir lieferten uns wilde Schneeballschlachten, tobten ausgelassen im tiefen Weiß und fuhren Schlitten – allein, zusammen mit Vater oder Mutter, zu mehreren auf einem einzigen Schlitten oder gar mit mehreren hintereinandergebundenen Schlitten als langer Zug. Die Ideen und die Fantasie waren so zahlreich wie die Kinderschar selbst.

Und wenn das Wetter doch einmal gar zu scheußlich war, blieb ich eben im Haus. Ich verbrachte Zeit mit meiner Mutter, spielte mit meinem Vater oder ging eine Etage höher zu Tante Hannelore und Onkel Hubert, wo ich nach Strich und Faden verwöhnt wurde – was ich aber vorsorglich für mich behielt. Oder ich besuchte einen meiner Freunde und spielte bei ihm drüben in der Nachbarschaft.

Egal wie der Tag verlief – ob im Kindergarten, draußen auf den Wiesen oder drinnen im Trockenen –, er war immer erfüllt von Leben. Langeweile war ein Wort, das ich schlichtweg nicht kannte. Am frühen Abend gab es Abendbrot, Brot im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frage, was im Fernsehen läuft, stellte sich gar nicht erst: Es gab noch keinen Fernseher in der elterlichen Wohnung, wie so manch anderes moderne Gerät auch nicht. Vermisst habe ich davon absolut nichts; ich war rundum froh und glücklich.

Nach dem Abendessen ging es früh ins Bett. Samstags wurde vorher noch ausgiebig in der tiefen Sitzbadewanne gebadet. Wenn mein Vater keinen Dienst hatte und zu Hause war, setzte er sich zu mir an die Bettkante und las mir aus dicken Märchenbüchern vor. Es waren die zeitlosen Geschichten der Gebrüder Grimm, von Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff. Wenn er mich fragte: „Welches soll ich dir denn heute vorlesen?“, lautete meine Antwort zwar meist „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ oder „Das blaue Licht“, doch ganz gleich, welche Geschichte es wurde – lauschte ich seinen Worten, tauchte ich in meinen Gedanken vollkommen in eine andere, zauberhafte Welt ab.

Zum Schluss sprachen wir noch das Gutenachtgebet und den Abendsegen, den ich schon aus meiner ersten Kinderzeit in Xanten kannte: „Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn …“ Während die altvertrauten Worte leise gesprochen wurden, traten vor meinem inneren Auge nach und nach die Englein herbei und stellten sich schützend rings um mein kleines Bett auf. So beschützt, umhüllt von Wärme und tiefster Geborgenheit, schloss ich die Augen und schlief friedlich ein.

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Aus dem Archiv

Irgendwo – Ein Schuppen nimmt Gestalt an

Die Teile für den Lokschuppen – und den kleinen Anbau mit Werkstatt und Fahrdienstleitung – sind inzwischen eingetroffen. Noch riechen sie ein wenig nach warmem Kunststoff, wie frisch gebackene Ideen. Schicht für Schicht hatten sie im Dunkel des Druckers Gestalt angenommen, und nun liegen sie auf der Werkbank, hell und erwartungsvoll, bereit für den nächsten Schritt in ihrem jungen Dasein.

Die Wände sind längst zusammengeklebt, sauber ausgerichtet wie alte Kameraden, die genau wissen, wo ihr Platz ist. Fenster und Türen sitzen nun dort, wo sie hingehören: kleine Augen und Münder eines Gebäudes, das schon jetzt so wirkt, als würde es bald Geschichten atmen. Ein Hauch von Werkstattgeruch liegt über dem Tisch – Kleber, Holz, ein wenig Farbe, ein bisschen Fantasie.

Die erste Stellprobe folgt, wie ein Moment des Innehaltens. Der Triebwagen T1 der Schmalspurbahn rollt langsam heran, schnurrt über die noch nackten Gleise und prüft vorsichtig die Einfahrt in den Lokschuppen. Er passt hinein – gerade so, mit dieser knappen Eleganz, die alten Kleinbahnen eigen ist. Und während T1 sein neues Zuhause inspiziert, wartet auf dem Nebengleis die Diesellok V12, als würde sie jeden Augenblick den ersten Atemzug ihres Motors wagen. Still steht sie da, würdevoll, bereit für das, was kommen mag.

Ganz nebenbei – so unscheinbar, dass es fast wie ein kleines Wunder wirkt – sind die ersten Grasbüschel in unterschiedlichen Farbtönen geliefert und gesetzt worden. Zarte Halme, die sich an die Kante des Bahnhofsgebäudes schmiegen, als wollten sie schon jetzt von Wind und Zeit erzählen.

Noch ist es wenig, nur ein Versprechen. Aber genau so beginnt Irgendwo zu wachsen: hier ein Halm, dort ein Stein, ein Gebäude, ein Gleis. Und plötzlich wird aus einem Arbeitstisch eine Landschaft.

So setzt sich Irgendwo weiter zusammen, Stück für Stück, wie ein Atemzug nach dem nächsten.

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