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Entdeckungsreisen und ein schwerer Abschied

Tage, Wochen und Monate vergingen. Um mich herum drehte sich das Rad der Natur unaufhörlich weiter: Ich sah, wie die ersten zarten Blätter an den Bäumen wuchsen, im Sommer saftig grün im Wind tanzten, im Herbst bunt welkten und schließlich leise zur Erde fielen. Ich erlebte das Aufblühen der Blumen auf den Wiesen, spürte den peitschenden Regen im Gesicht, lauschte dem Pfeifen des Windes und staunte über den ersten weißen Schnee, der die Welt zudeckte. Mit jedem Wechsel der Jahreszeiten weitete sich mein Blick. Die Straßen und Plätze unserer Stiftsstadt, die umliegenden Gärten, die vorbeieilenden Menschen, spielende Kinder und vorbeifahrende Radfahrer – all das lernte ich langsam kennen. Für mich war dieses junge Leben eine einzige, große Entdeckungs- und Abenteuerreise.

Es war eine Reise, die ich mit all meinen Sinnen in mich aufsaugte. Ich nahm die unterschiedlichsten Gerüche tief in mich auf – den würzigen Duft von frischen, jungen Blättern im Frühling, das süßliche Aroma von gemähtem Gras und den betörenden Duft der Blumen in den Rheinwiesen und Gärten. Meine Ohren öffneten sich für die feinen Klänge der Natur: Ich hörte die Vögel in den Hecken und Baumkronen zwitschern, das emsige Summen der Bienen, das abendliche Zirpen der Grillen auf den Wiesen und das laute Quaken der Frösche an den nahen Gewässern. Mit großen, staunenden Augen beobachtete ich die farbenprächtigen Muster auf den bunten Flügeln der Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte gaukelten. Und im Winter hielt ich fasziniert inne, wenn ich sah, wie die kunstvollen Schneekristalle im warmen Schein der Wintersonne schmolzen und vor meinen Augen zu glitzernden Wassertropfen wurden.

Auf all diesen Wegen war ich stets bestens eingekleidet, und das auf eine ganz besondere, familiäre Weise. Meine Garderobe bestand aus echten Unikaten: Da waren die liebevoll von meiner Mutter gestrickten Wollsachen, die mich wunderbar warmhielten. Doch das Herzstück meiner Kleidung stammte aus der Handwerkskunst meiner Verwandtschaft. Mein Onkel Willy, der Bruder meiner Mutter, war von Beruf Schneider und verstand sein Handwerk meisterhaft. Unterstützung erhielt er von Tante Gertrud, der jüngsten Schwester meiner Mutter, die gerade ihre Ausbildung zur Schneiderin absolvierte. Gemeinsam schneiderten und nähten die beiden für mich die schönsten Hosen und Jäckchen, sodass ich immer wie aus dem Ei gepellt durch Xanten fuhr. Denn schon bald lag ich nicht mehr nur im Kinderwagen, sondern saß stolz aufrecht im Sportwagen, um die Welt noch besser im Blick zu haben.

Als ich schließlich drei Jahre alt war, meinten meine Eltern es besonders gut mit mir und beschlossen, mir den Weg unter andere Kinder zu ebnen: Ich kam in den Kindergarten. Es war der katholische Kindergarten St. Viktor, der sich unmittelbar im mächtigen Schatten des Xantener Doms, in der Rheinstraße, Kapitel befand. Die Einrichtung war in einem lang gezogenen Backsteinbau untergebracht, an den sich ein großer Garten anschloss. Der Weg hinein führte durch ein für mich überaus geheimnisvolles Tor, das in die dicke Mauer direkt an der Straße eingelassen war. Dieses Tor bildete die Schwelle zu einer völlig neuen, fremden Welt.

Doch so gut es Addy und Franz auch gemeint hatten – ich fühlte mich in dieser neuen Umgebung überhaupt nicht wohl. Ich selbst kann mich heute zwar nicht mehr an jene Tage erinnern, aber den späteren Erzählungen meiner Mutter nach muss ich ein echter Unglücksrabe gewesen sein. Ich soll unendlich viel geweint und mich schluchzend festgeklammert haben. Ich wollte einfach nur weg, zurück in die Geborgenheit zu meinen Eltern und in mein sicheres Nest in der Scharnstraße. Der Kindergarten St. Viktor und ich – das sollte einfach nicht zusammenpassen.

Es blieb letztlich bei einem nur sehr kurzen Gastspiel von wenigen Tagen, denn eine unerwartete Erlösung zeichnete sich ab, die gleichzeitig einen großen Einschnitt für uns bedeutete: Unser Umzug stand bevor. Mein Vater Franz wurde aus dienstlichen Gründen in das große Bahnbetriebswerk Hohenbudberg versetzt. Für uns als kleine Familie hieß das, Abschied zu nehmen von der vertrauten Stiftsstadt. Vor uns lag das Aufbrechen in ein völlig neues Kapitel – hinein in die Eisenbahnsiedlung, die schon bald für längere Zeit meine neue Kindergartenheimat werden sollte und wo das nächste große Abenteuer bereits wartete.

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Aus dem Archiv

Ein Gruß aus Canada

an die Montagsflieger. Vera, in Xanten geboren, anfang der sechziger Jahre nach Canada, Edmonton, Provinz Alberta mit den Eltern ausgewandert, heute mit ihrer Familie in Devon am North Saskatchewan River wohnend, schreibt per e-Mail:

Cool, […]! What an interesting activity! I especially like your plane named ‘Xanten’. Ich habe Videos von Die Montagsflieger angesehen! Was für ein tolles Hobby! Congratulations zum Bau von Grunau Baby III D-5364 Xanten – sie ist eine Schönheit! Viel Spass beim Segelfliegen, Monday Flyers!

Das Schreiben liegt hier vor. Die Montagsflieger danken für dieses freundliche Feedback und grüßen Canada.

Collage: Alice Hunter, Wikipedia, CC BY-SA 3.0