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70er Jahre – Mai Out – Woodstock in Friemersheim

Aus der Reihe Gespräche unter Freunden – Der Sound von Freiheit – Erinnerungen

Der Rhein fließt an diesem Nachmittag so gemächlich dahin, als hätte er alle Zeit der Welt. Nur das leise Rascheln der Kopfweiden begleitet den Wind, der über die weiten Wiesen des Friemersheimer Rheinvorlandes streicht. Ein paar Radfahrer rollen gemächlich über den Deich. Auf der anderen Rheinseite verschwimmen die Silhouetten der Industrie im warmen Dunst des Frühsommers.

Es ist der Ort, an dem Motte seine Kindheit verbracht hat und den er heute seinem Freund Rabe zeigt. Unwillkürlich werden sie langsamer. Rabe bleibt stehen. Er blickt über die Wiese, die friedlich in der Sonne liegt, und versucht sich vorzustellen, was Motte ihm auf dem ganzen Weg hierher immer wieder angedeutet hat.

„Du Motte“, fragt er schließlich, „bist du sicher, dass du uns nicht an die falsche Stelle geführt hast?“ Motte lächelt. Er kennt diesen Blick. Immer dann, wenn sich Rabe etwas überhaupt nicht vorstellen kann, kneift er die Augen ein wenig zusammen und legt den Kopf schief. „Warum?“ „Hier passiert doch gar nichts.“

Motte schaut über den Rhein. Genau darin liegt der Zauber dieses Ortes. Heute erzählt nichts mehr davon, was sich hier einmal abgespielt hat. Keine Bühne. Keine Lautsprecher. Kein Gedränge. Nur Gras, Bäume und das stetige Fließen des Wassers. „Heute nicht“, antwortet er leise. Er lässt den Blick über die Wiesen schweifen. Für einen kurzen Moment scheint es, als würde die Zeit rückwärts laufen.

Plötzlich stehen dort wieder Tausende Menschen. Junge Leute mit langen Haaren, Schlaghosen und bunten Hemden sitzen auf Decken oder liegen in ihren Schlafsäcken. Andere balancieren auf alten Strohanhängern oder haben sich einen Platz in den Ästen der Bäume gesucht, um besser sehen zu können. Über allem liegt der Duft von Bratwurst, feuchtem Gras und einer Zeit, in der die Welt noch ein bisschen veränderbar erscheint. Die ersten Gitarren erklingen. Bassboxen lassen den Boden erzittern. „Das alles war hier?“, fragt Rabe ungläubig. „Genau hier.“ Es fällt schwer zu glauben, dass ausgerechnet das beschauliche Friemersheim Anfang der siebziger Jahre für einige Tage im Jahr zum Treffpunkt einer ganzen Generation wird. Doch genau das geschieht. Inspiriert vom Geist von Woodstock nehmen einige Jugendliche aus der Eisenbahnsiedlung ihren Mut zusammen. Sie warten nicht darauf, dass etwas passiert. Sie sorgen selbst dafür.

Sie schreiben Briefe an Konzertagenturen. Nacht für Nacht kleben sie Plakate, verteilen Handzettel und werben für eine Idee, an die außer ihnen zunächst kaum jemand glaubt. Und plötzlich wächst aus einer verrückten Idee ein Festival. Nicht irgendeines. Sondern eines mit Herz. Motte muss unwillkürlich lächeln. „Weißt du, was das Schönste daran ist?“ Rabe schüttelt den Kopf. „Dass das alles keine Profis organisieren.“ Er deutet auf den Werthschen Hof, der nur wenige Schritte entfernt ruhig zwischen den alten Bäumen liegt. Und dann ist da unmittelbar am Damm die alte Dorfgaststätte Schumachers mit dem wunderschönen Biergarten unter alten Kastanien an der Friemersheimer Straße, gegenüber der Dorfkirche. Ein wunderschöner Ort.

„Die Künstler sitzen dort drinnen. Zwischen dunklen Holztischen und frisch gezapftem Altbier werden Verträge unterschrieben und Gagen bar ausgezahlt. Internationale Rockstars kommen in einem kleinen Dorf am Niederrhein an und werden empfangen, als gehörten sie einfach dazu.“ Für Motte bekommt der Ort noch eine ganz andere Bedeutung.

Lange bevor hier Status Quo, UFO oder Birth Control ein und aus gehen, verbringt er selbst viele Abende in genau diesem Haus. Nicht als Musiker. Nicht als Veranstalter. Sondern als Kegeljunge. Die alte Kegelbahn besitzt noch keine automatische Aufstellung. Nach jedem Wurf springt er hinter die Bahn, richtet alle neun Kegel wieder auf und lässt die schwere Holzkugel zurückrollen. Vier Stunden lang. Dienstags. Alle vierzehn Tage. Anstrengend ist das. Aber als Jugendlicher fühlt sich der Lohn nach einem kleinen Vermögen an: ein paar D-Mark und freie Getränke. Manchmal muss Motte heute noch darüber schmunzeln.

Von  © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, Link

Damals ahnt er nicht einmal im Traum, dass genau dort, wo er zwischen Holzstaub und Kegeln arbeitet, wenig später Musiker aus England ihre Instrumentenkoffer abstellen werden. Rabe hört aufmerksam zu. „Das Leben schreibt manchmal wirklich verrückte Geschichten.“ Motte nickt nur. Sie gehen langsam weiter.

Der Wind frischt auf. Er trägt das Rascheln der Bäume über die Wiese. Und während Motte erzählt, wird deutlich, dass das Festival viel mehr ist als nur ein Wochenende mit lauter Musik. Draußen verändert sich die Welt. Die Beatles trennen sich. Menschen fliegen zum Mond. Die Ölkrise lässt die Autobahnen verstummen. Der Vietnamkrieg endet. Hoffnung und Unsicherheit liegen dicht beieinander.

All das bringen die jungen Leute mit an den Rhein. Hier finden sie für ein paar Tage einen Ort, an dem Musik wichtiger ist als Sorgen und Gemeinschaft stärker wirkt als Angst. Doch selbst die schönsten Geschichten dauern nicht ewig. Im Frühjahr 1975 öffnet der Himmel seine Schleusen. Aus den Rheinwiesen wird eine Schlammlandschaft. Verstärker werden mit Planen geschützt, Musiker bangen um ihre Instrumente, Besucher frieren in durchnässten Schlafsäcken. Die Scorpions reisen unverrichteter Dinge wieder ab. Manfred Mann’s Earth Band beendet den Auftritt vorzeitig. Zum ersten Mal verliert das Festival seinen Zauber.

Lange stehen Motte und Rabe schweigend auf dem Deich. Der Rhein fließt weiter, als wäre nie etwas geschehen. „Schade“, sagt Rabe schließlich. Motte schaut noch einmal über die weite Wiese. „Nein.“ Rabe sieht ihn überrascht an. „Warum nein?“ „Weil manche Dinge nicht verschwinden.“ Der Wind fährt durch die Kronen der alten Bäume. „Musik endet.“ Motte lächelt. „Aber Erinnerungen spielen manchmal ein Leben lang weiter.“ Rabe sagt nichts mehr. Er schließt für einen Augenblick die Augen. Und irgendwo zwischen Wind, Wasser und den alten Bäumen glaubt auch er, für einen flüchtigen Moment eine E-Gitarre zu hören, die längst verstummt ist und doch bis heute nachklingt.

„Du Motte, hast Du vielleicht Bilder aus diesen alten Zeiten?“ „Leider nein, aber ich habe im Internet eine Seite gefunden, da sind auch viele Fotos zu sehen, schau Dich ruhig mal dort um, vielleicht findest Du ja auch mich wieder. Hier: https://www.friemersheim.eu/maiout.htm

Aus dem Archiv

Wir fliegen auch mittwochs

Das war ja ein toller Nachmittag am letzten Mittwoch im März 2021: blauer Himmel, leichter Süd/Ost-Wind, sommerliche 25 Grad Celsius, Superthermik. Da machte das Fliegen wieder Freude. Mit den Modellen in ungeahnte Höhen, mit und ohne Vario – herlich. Der Ro-bart stand über lange Zeit großräumig an der selben Stelle, Bärte zogen wie an einer Perlenkette durch unsere Flugregion und sorgten für ein wunderschön anzusehendes Miteinander der Raubvögel und Segler am Himmel.

Das Spiel der Vögel, der Segler, der Schleppzüge war offensichtlich weit zu sehen und machte wieder Wanderer im benachbarten Tal neugierig.

Ihr Weg führte zielstrebig und schnell zu uns.

Interessierte Kinder, fragende Mütter, große Augen als die Musger, die sie schon aus dem Tal am Himmel gesehen hatten, im Landeanflug näher kam, anscheinend immer größer wurde und sanft auf der Wiese vor den Kindern aufsetzte (Video).

Musger GB 4m Cockpit

Schnell waren die Augen im geöffneten Cockpit des Seglers, es überschlugen sich die Fragen, wie, wann, wo, warum, hat der und so weiter.

Die Montagsflieger antworteten, erzählten und fühlten sich jung.

Alle hatten Freude, der Pilot der Musger, weil er und sein Modell Kinder begeisterte und die Kinder selber, weil ihr Interesse ernst genommen wurde. Mit „Vielen Dank und schöne Ostertage“ ging es mit ihrem kleinen Modellflugerlebnis weiter. Wenn einer eine Wanderung tut, dann hat er was zu erzählen. Das werden die Kinder.

„Jugendförderung by the way“ nennen die Montagsflieger das.

Vielseitig waren wir an diesem Nachmittag, nicht nur Modellflug, F-Schlepp mit dem großen und dem kleinen Schlepper. Die Landschaft lud geradezu zu einem Spiel aus alten Zeiten ein: Wir spielen verstecken. Versteckmöglichkeiten an, neben, in Bäumen, Gebüsch, Unterholz gibt es in unseren Flugzonen genug. Es ist ein fast ebenso interessantes Bild wie das Thermikfliegen am Himmel, wenn Erwachsene im Unterholz nach einer verlorenen Sonnenbrille suchen. Wir kennen das Bild von ehrgeizigen Pilzsuchern.

„Genau da habe ich sie verloren, als ich unter dem Ast durch und dann weiter ging, genau da“, hieß es voller Überzeugung. „Ich habe es gemerkt, wie mir unter dem Ast die Brille vom Kopf gerutscht ist.“ Nur da ist sie nicht. „Das kann doch nicht sein. Könnte es nicht sein, dass… Ob sie vielleicht doch im Auto liegt?“ Also erst einmal wieder eine Runde fliegen und mit frischem Blick später weiter gesucht. Ein Ruf „Ich hab sie“, da ist sie, deutlich zu erkennen, man musste nur auf die richtige Stelle schauen und die war eben 30 Meter von der vermuteten. Kommissar Zufall war wieder erfolgreich.

Und wer meint, dass das alles war, der irrt. Zum krönenden Schluss wurde die Musger noch aus dem Handgelenk in den Himmel geschoben – leider gibt es davon kein Bild, die Spannung, ob und wie das gelingt, war einfach zu groß. Es ist voll und ganz gelungen – keinerlei Problem. So bleibt denn der Gedanke, das zu wiederholen, im Bild festzuhalten und hier in Bild und Ton vorzustellen.

Bei all den Erlebnissen an diesem Nachmittag stellte erst abends ein Montagsflieger die Frage nach dem obligatorischen Kaffee und Kuchen. Es gab keinen – leider. Die Montagsflieger geloben Besserung.