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Omas Besuch und ein Schreckmoment

Trotz all der Abenteuer in der neuen Heimat war die Verwandtschaft in all dieser Zeit natürlich keineswegs vergessen. Oder besser gesagt: Sie hatte ihren Besuch angekündigt, per Briefpost. Ein Telefon war in den Häusern der Verwandten und bei uns damals noch gar nicht eingezogen – mit einer Ausnahme: Opa Fritz. Da er bei der Post als Fernmeldetechniker arbeitete, stand bei ihm zu Hause am Holzweg ein schwarzes Diensttelefon aus Bakelit mit einer echten Wählscheibe, das ich aber nie habe klingeln hören. Von heutigen Selbstverständlichkeiten wie WhatsApp-Gruppen oder blitzschneller Erreichbarkeit war man damals noch meilenweit entfernt; so etwas hätte man sich höchstens in einem Fantasyroman vorstellen können.

Nun aber hatte sich Oma Anna angekündigt. Sie wollte am Sonntag in aller Frühe mit der Bahn anreisen, dem legendären „Hippeland-Express“, der sie bis zum Bahnhof Rheinhausen bringen sollte. Dort würde sie auf der Kaiserstraße in den O-Bus umsteigen – einen mit Strom angetriebenen Oberleitungsbus, der seine Energie über zwei lange Arme von den Oberleitungen über der Fahrbahn bezog und von Neukirchen-Vluyn über Moers, Homberg, Friemersheim in die Eisenbahnsiedlung fuhr.

Zur angekündigten Zeit standen meine Eltern und ich voller Vorfreude an der Haltestelle Turmstraße, wo wir Oma erwarteten – nur eine Haltestelle vor der Endstation in der parallel verlaufenden Breitenbachallee. Es war ihr allererster Besuch in unserer neuen Heimat. Schon als der Bus von Weitem erkennbar war, gab es für mich kein Halten mehr: Ich hüpfte aufgeregt auf und ab und winkte aus Leibeskräften. Der Bus hielt an, einige wenige Fahrgäste stiegen aus, die Türen schlossen sich wieder und das Fahrzeug fuhr langsam an. Im Vorbeifahren sah ich Oma am Fenster sitzen. Sie schaute hinaus und winkte mir strahlend zu – offensichtlich wollte sie erst an der Endhaltestelle aussteigen, warum auch immer. Vielleicht gefiel ihr das Busfahren einfach so gut.

Vor lauter Begeisterung rannte ich los, um Oma an der nächsten Haltestelle in Empfang zu nehmen. Ohne zu überlegen und ohne nach dem Verkehr zu schauen, lief ich dicht hinter dem anfahrenden Bus quer über die Straße. Ich hatte die andere Straßenseite noch nicht ganz erreicht, war in Gedanken schon längst bei meiner Oma, als ich plötzlich von rechts ein lautes, scharfes Reifenquietschen hörte. Ein Auto, das verdeckt hinter dem Bus aufgetaucht war und das ich überhaupt nicht gesehen hatte, steuerte direkt auf mich zu! Der Fahrer reagierte zum Glück blitzschnell und brachte den Wagen mit einer Vollbremsung haarscharf vor mir zum Stehen. Zu Tode erschrocken schlug ich wie ein kleiner Hase einen Haken, erreichte mit weichen Knien den rettenden Gehweg und lief einfach weiter – ohne Rücksicht auf Verluste, nur meiner Oma im Bus nach.

Meine Eltern waren hinter mir vermutlich vor Schreck erstarrt. Wie ich hinterher erfuhr, hatten sie sich bei dem Fahrer nicht nur vielmals entschuldigt, sondern sich auch aus tiefstem Herzen bedankt, dass seine Reaktion ein Unglück verhindert hatte. An der Endhaltestelle nahm Oma mich ahnungslos in die Arme: „Tach liebe Jung, komm mal her und lass dich drücken!“ Sie hatte von dem ganzen Drama nichts mitbekommen, wurde aber schon auf dem kurzen Fußweg nach Hause ausführlich darüber aufgeklärt.

Der Schreck steckte uns allen – auch mir – noch den ganzen Tag tief in den Knochen. Aber ich hatte an diesem Tag eine prägende Lektion fürs Leben gelernt: Man muss immer wissen, was sich an Stellen verbergen kann, die man nicht einsehen kann. Es war eine Lehre, die auch verdammt schief hätte gehen können.

In all der Aufregung packte Oma erst spät am Nachmittag die Taschen aus, die sie mitgebracht hatte. Zum Vorschein kamen liebevoll eingekochte Schnibbelbohnen, dicke Bohnen, selbstgemachte Erbeermarmelade, Hausmacherwurst im Glas, ein kleines Päckchen echter Bohnenkaffee aus Holland und Katzenzungen aus Schokolade, die ich so schrecklich gerne naschte. Für all diese Dinge hatte sie bestimmt lange gespart und manche ihrer eigenen Wünsche zurückgestellt, nur um uns eine Freude zu machen. So war sie, meine Oma Anna.

Trotz des holprigen Starts verbrachten wir einen wunderschönen Tag miteinander. Wir zeigten Oma voller Stolz unseren neuen Wohnort, die Eisenbahnsiedlung. Sie hatte zwar keinen imposanten Dom wie unsere alte Heimatstadt Xanten, aber doch viele eigene Sehenswürdigkeiten, die Oma bis dahin völlig unbekannt waren: die kleine Kirche St. Laurentius, der markante Wasserturm und natürlich mein Kindergarten.

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