Dein Magazin für Modellbau, Technik und Spielzeug
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Familienbesuche und Zigarrenqualm
Die Heilige Nacht war für mich nur von kurzer Dauer. Am sehr frühen Morgen des ersten Feiertags begann für mich schon im Schlafanzug der Dienst auf meiner Dampflok im Wohnzimmer. Der Zug stand abfahrbereit im Bahnhof, und alsbald setzte sich das kleine Gespann in Bewegung. Die winzigen Stirnlampen an der Lok schimmerten warm und gelblich im Dämmerlicht. Ich fuhr meine Kreise und rangierte unermüdlich auf dem Oval, bis das Frühstück auf dem Tisch stand und ich wohl oder übel eine Pause einlegen musste.
Für diesen ersten Weihnachtstag hatten sich Onkel Albert und Tante Käthe angekündigt. Heiligabend, die beiden Feiertage und das Neujahrsfest waren in der großen Familie meiner Mutter stets im Voraus für Onkel und Tante verplant. Schon Wochen vor Weihnachten fanden dazu lebhafte Diskussionen statt, wer an welchem Tag von den beiden besucht werden durfte – ein festes Ritual bei den jährlichen Vorbereitungen auf das Fest und den Jahreswechsel. An diesem ersten Weihnachtstag waren also wir an der Reihe.
Während Onkel Albert und Tante Käthe sich am Morgen in Kamp-Lintfort auf den Weg machten und mit einem der frühen O-Busse zu uns unterwegs waren, spazierten wir zuerst gemeinsam zur Heiligen Messe in die St.-Laurentius-Kirche. Der festliche Gottesdienst, der Kerzenschein und der feierliche Gesang stimmten uns auf den Feiertag ein. Nach der Messe trafen zu Hause auch schon bald unsere Gäste ein.
Tante Käthe hatte sich fein herausgeputzt; sie trug stolz ihren Pelzmantel und einen ihrer zauberhaften Hüte. Onkel Albert trug seinen besten Anzug, ein blütenweißes Hemd mit glänzenden Manschettenknöpfen, eine Krawatte, dazu Wintermantel, Schal und Hut. Sie hatten sich für diesen Tag sprichwörtlich in Schale geworfen.
Im engen Flur unserer Wohnung dauerte es gefühlt nur ein paar Sekunden, bis ich den unvermeidlichen, feuchten Kuss meiner Großtante auf der Wange spürte. „Frohe Weihnachten, liebe Jung!“, sagte sie. Sie konnte es einfach nicht lassen. Dann begann das gewohnte, wilde Geschnattere der Erwachsenen, der Austausch der neuesten Nachrichten und Gerüchte – und schließlich holten sie die Geschenke aus ihren Taschen hervor. Für meine Eltern gab es ein Fläschchen selbst gemachten Eierlikör, ein Päckchen Zigaretten und einen blütenweißen Briefumschlag, in dem sich, wie ich später erfuhr, ein großer Geldschein verbarg.
Für mich lag da ein Päckchen, sorgfältig in buntes Weihnachtspapier geschlagen und mit einem roten Band samt Schleife umwickelt. Ich hätte es eigentlich nur aufschneiden müssen, um den Inhalt freizulegen. Doch Onkel und Tante hatten sich beim Einpacken viel zu viel Mühe gegeben, um das Band einfach zu durchtrennen. Schon damals hatte ich Onkel Albert im Verdacht, dass er es war, der sich besonders viel Mühe beim Knüpfen der festen Schleife gemacht hatte. Das Band musste sorgfältig aufgeknotet werden, und so stramm, wie es gezogen war, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich das Papier behutsam aufschlagen konnte – es sollte schließlich hinterher noch einmal verwendet werden.

Das erhoffte Zubehör für meine Eisenbahn kam allerdings nicht zum Vorschein. Es war etwas unbarmherzig Praktisches: ein neuer Schlafanzug. Meine Enttäuschung stand mir vermutlich überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Ich legte das gute, für mich völlig nutzlose Stück reichlich achtlos beiseite, warf mich wieder auf den Bauch vor meine Holzplatte und ließ den Zug unverzagt weiter seine Runden drehen.
Die Frauen verkrümelten sich bald in die Küche, während es sich Onkel Albert und mein Vater in den Sesseln gemütlich machten. Der Onkel zog bedächtig eine Zigarre hervor, knipste das Ende ab und entzündete sie mit rollenden Bewegungen zwischen Zeigefinger und Daumen über dem Streichholz. Genüsslich lehnte er sich zurück und hüllte den Raum in dichte Rauchwolken, während mein Vater sich eine Zigarette ansteckte.
Damit der Qualm nicht überhandnahm, öffnete meine Mutter kurz unauffällig das Fenster, bevor das Festmahl aufgetragen wurde. Es gab heiße Suppe, gefolgt von einer ganzen, zart gebackenen Pute mit Gemüse und Kartoffeln, und zum krönenden Abschluss Schokoladenpudding mit Mandelsplittern sowie leuchtend grüne Waldmeister-Götterspeise – ein Festessen im warmen Kerzenschein unseres Tannenbaums! Ein Schlückchen Cognac für die Herren und frischer Bohnenkaffee für die Damen rundeten das Essen ab.
Während Mutter und Tante Käthe hinterher das Geschirr klappern ließen und das Nachmittagsgedeck vorbereiteten, vertraten sich die Männer mit mir bei einem kleinen Verdauungsspaziergang die Beine. Ihr Weg führte uns über den Damm zum Wasserturm, vorbei an meinem Kindergarten und dem Haus Rheindamm. Über all den lebhaften Gesprächen der Erwachsenen ging der Nachmittagskaffee fast nahtlos ins abendliche Schnittchen-Essen über. Ich bekam von alledem kaum etwas mit; mein Universum bestand an diesem Tag einzig aus Gleisen, Weichen und meiner Lok.
Als Onkel Albert und Tante Käthe schließlich wieder zum Bus gebracht worden waren, warteten der neue Schlafanzug, mein warmes Bett und das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen auf mich. Beschützt von den Engeln meiner kindlichen Fantasie schlief ich tief und selig ein – voller Vorfreude auf den nächsten Tag und unseren Besuch meiner Großeltern in Xanten.
Am zweiten Feiertag ging es bei Oma Anna gewohnt trubelig zu, denn auch Onkel Albert und Tante Käthe machten auf ihrer Verwandtschaftsreise dort wieder Station und waren schon da. Gemeinsam spazierten alle zum Xantener Dom, um das feierliche Hochamt zu besuchen. Bei der anschließenden Bescherung vor dem Mittagessen glaubte Oma Anna, mir mit frischer Unterwäsche und dicken Strümpfen eine Riesenfreude zu machen – meine Begeisterung hielt sich naturgemäß in engen Grenzen.
Umso schöner wurde es am Nachmittag, als wir zum Kaffee und Kuchen hinüber zu Opa Fritz und Oma Auguste in den Holzweg gingen. Die Tafel war bereits festlich gedeckt, und im kleinen Wohnzimmer erstrahlte ein wunderschöner Weihnachtsbaum. Nach den bisherigen Woll-Geschenken hielt ich meine Erwartungen lieber niedrig – doch diesmal hatte das Christkind ein Einsehen gehabt! Unter dem Baum lagen zwei brandneue Waggons für meine Modelleisenbahn: ein vierachsiger Flachwagen und ein leuchtend roter Kippwagen!
Ich war im siebten Himmel. Den restlichen Tag war ich gedanklich nur noch bei meiner Eisenbahn, die nun stolze vier Waggons hinter sich herziehen konnte.
Viel zu spät für meinen Geschmack traten wir am frühen Abend mit dem Hippeland-Express die Heimreise an. Zuhause angekommen, durfte ich vor dem Schlafengehen zur Belohnung noch eine kleine Ehrenrunde drehen und die neuen Waggons ausprobieren. Wo die geschenkte Unterwäsche und die Strümpfe von Oma Anna schlussendlich gelandet sind, weiß ich bis heute nicht – sie traten vermutlich still und leise ihren Dienst tief hinten in meinem Wäscheschrank an. Nach ihnen habe ich auch in den verbleibenden Tagen des Jahres nicht mehr gesucht, denn schließlich hatte ich viel Wichtigeres zu tun.
Aus dem Archiv
Durch Vulkanland – Die Fahrt ins Brohltal
Ein kurzer, letzter Pfiff – und die Räder der Mallet setzen sich kraftvoll in Bewegung. Die sanfte Vibration der Lokomotive überträgt sich auf die Wagen, das Fenster klappert leise, während sich der Zug aus dem Bahnhof Brohl-Lützing löst. Hinter uns gleitet der Rhein davon, ein schimmerndes Band in der Ferne. Vor uns öffnet sich ein anderes Reich: das Brohltal – geheimnisvoll, uralt, von Feuer und Wasser geformt.
Die Brohltalbahn, im Volksmund liebevoll auch „Vulkan-Express“ genannt, klettert auf schmaler Spur durch eine Landschaft, in der die Geologie Geschichten schreibt. Mit nur 1000 Millimetern Spurweite nimmt sie enge Kurven mit einer Eleganz, die an Bergziegen erinnert. Die Dampflokomotive 11sm, gebaut 1906 von der Maschinenfabrik Jung, ist eine sogenannte Mallet-Lok – ihre gelenkige Bauweise ermöglicht es, auch durch die krümmungsreichsten Abschnitte des Tals zu dampfen. Zwei Dampfzylinderpaare treiben unabhängig die beiden Fahrgestelle an – Technik mit Gefühl, die auf schwerem Gelände tanzt.
Bald taucht der Zug ein in die Schlucht des Brohlbachs. Steile Hänge erheben sich links und rechts, durchzogen von dichten Laubwäldern. Moos bedeckt die Felsen, zwischen Astwerk flackert das Licht. Der Duft von feuchter Erde mischt sich mit dem scharfen Rauch der Lok, der aus dem Schornstein aufsteigt und hinter den Wagen in der Luft verfliegt wie eine Erinnerung.
Die Bahn folgt dem Lauf des Brohlbachs, überquert Brücken, durchfährt kurze Einschnitte, streift kleine Dörfer wie Tönisstein und Bad Tönisstein, wo einst ein berühmtes Heilbad lag. Nur noch Ruinen erzählen davon. Die Lok stampft weiter, vorbei an Wiesen, an grasenden Kühen, vorbei an Lavabergen und Basaltkegeln – stille Zeugen einstiger Ausbrüche.
Langsam gewinnt der Zug an Höhe. Der Dampf zischt unter Volldruck, in regelmäßigem Takt arbeiten die Schieber und Kolben. Die Steigung beträgt stellenweise bis zu 4 Prozent – eine Herausforderung für jede Lok, doch die 11sm meistert sie mit Würde. Man hört sie arbeiten, spürt, wie die Technik in ihrem Innersten lebt.
In Burgbrohl ist ein kurzer Halt – genug Zeit für einen Gruß aus dem Fenster, ein Lächeln zurück. Dann weiter. Der Zug windet sich durch die Felder, vorbei an Obstwiesen und kleinen Höfen. Die Eifel öffnet sich wie ein altes Buch: Mit jedem Kilometer lesen wir darin, in Vulkanasche und Weinreben, in kleinen Kapellen und verlassenen Steinbrüchen.
Der Zug nähert sich seinem Ziel – Oberzissen, Endpunkt der regulären Dampffahrt, auf 216 Metern über dem Meeresspiegel. Die Räder singen auf den letzten Metern ein langsames Lied, die Dampfschwaden werden weniger. Mit einem sanften Ruck kommt der Zug zum Stehen.
Die Mallet atmet aus. Es zischt, es klopft leise. Aus dem Führerstand steigt ein Rußgeruch empor, durchmischt mit Wärme und Zeit. Die Reisenden steigen aus, doch keiner geht sofort weiter – denn jeder weiß: Wer hier ankommt, trägt etwas mit sich fort.




