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Weihnachtszeit

Die Tage wurden unaufhaltsam kürzer, und eine spürbare Kälte legte sich über die Siedlung. Winter lag in der Luft. Die Weihnachtszeit stand vor der Tür, und in den Geschäften erweiterte sich das Warenangebot von Tag zu Tag um festliche Köstlichkeiten und Geschenke.

In den großen Kaufhäusern der umliegenden Städte bot sich uns Kindern ein schier zauberhafter Anblick: Dekorateure, die auf weißen Stofflappen über den Schuhen durch die Schaufenster schlichen, um die Böden nicht zu verschmutzen, schufen dort ganze Weihnachtswelten. Es entstanden magische Landschaften voller Leben – mit Stofftieren aller Art, manche ruhig sitzend, andere sich mechanisch bewegend, mit edlen Puppen, gemütlichen Puppenecken, reich bestückten Kaufläden, ratternden Eisenbahnen, glänzenden Autos und bunten Kasperletheatern samt den passenden Handpuppen, alles eingehüllt in ein Meer aus leuchtenden Sternen. Wir Kinder drückten uns an den kalten Fensterscheiben die Nasen platt und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Dann war er endlich da: der erste Dezember! An der Wand über meinem Bett hing der Adventskalender aus festem Papier in drei Lagen mit seinen vierundzwanzig kleinen Türchen. Voller Spannung wurde jeden Morgen ein neues Tor geöffnet: Was für ein schönes Bildchen mochte sich wohl diesmal dahinter verbergen? Mal war es ein kleiner Ball, eine Trommel, ein Schaukelpferd oder ein Kasperle, am Nikolaustag natürlich der heilige Nikolaus selbst, dazu Adventskerzen – erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier – und schließlich am 24. Dezember das große Doppeltürchen mit dem Bild der Heiligen Familie rund um das Jesuskind in der Krippe.

Bis ich eines Tages eine bahnbrechende Entdeckung machte: Wenn ich den Kalender heimlich von der Wand nahm und ihn ganz dicht vor das helle Licht des Fensters hielt, konnte ich von der Rückseite her die leicht durchscheinenden Bildchen hinter den noch verschlossenen Türchen erkennen! Meine kleine Geheimwissenschaft behielt ich natürlich streng für mich – nur meinen allerbesten Freunden habe ich dieses große Rätsel verraten.

Aus heutiger Sicht war es der einfachste Adventskalender der Welt: keine Schokolade, keine Spielsachen, keine Ablenkung. Er reduzierte sich vollkommen auf das Wesentliche und führte uns Tag für Tag Schritt für Schritt dem absoluten Höhepunkt des Jahres entgegen – dem Heiligen Abend und den Festtagen.

Am Abend vor dem Nikolaustag stellte ich, genau wie alle anderen Kinder in der Siedlung, einen meiner hohen Schuhe vor die Wohnungstür. Er war zuvor ordentlich geputzt und auf Hochglanz gewienert worden – in der großen Hoffnung, dass der heilige Nikolaus mich bei seinem Weg durch die Eisenbahnsiedlung nicht vergessen würde. Und das tat er glücklicherweise nicht! Am nächsten Morgen war der Schuh reichlich mit Süßigkeiten gefüllt, und ein duftender Weckmann hielt daneben treu Wache. Allerdings steckte – als direkte Quittung für all meine kleinen Schandtaten im Laufe des Jahres – auch eine echte Rute im Stiefel. Zu meinem Trost waren an ihren Zweigen aber immerhin ein paar kleine Schokoladentäfelchen festgebunden.

Doch damit nicht genug: Ich sollte dem heiligen Nikolaus in diesen Tagen sogar noch persönlich gegenüberstehen! Die große Nikolausfeier für die Kinder der Siedlung fand im Saal von Haus Rheindamm statt – jenem großen Saal, in dem über das Jahr verteilt das abwechslungsreiche Gemeinschaftsleben pulsierte, wo man gelegentlich Filme auf einer riesigen Leinwand vorführte, Tanzabende für die Erwachsenen veranstaltete oder feucht-fröhlich Silvester feierte.

Nun aber saßen wir Kinder zusammen mit unseren Eltern an den langen, festlich eingedeckten Tischen, auf denen Saft, Kakao, Kaffee und Gebäck bereitstanden. Auf der Bühne erklang Weihnachtsmusik vom Klavier, alle sangen mit, und von Minute zu Minute wurden wir Kinder unruhiger. Bis schließlich das entscheidende Lied angestimmt wurde: „Nikolaus, komm in unser Haus…“

Und da kam er! Von der Seite, hinter dem tiefroten Bühnenvorhang hervor, trat er ins Licht – in seinem prächtigen roten Gewand, mit der spitzen Bischofsmütze auf dem Kopf, dem glänzenden Bischofsstab in der Hand und zwei dicken Büchern unter dem Arm: dem goldenen Buch und dem bedrohlichen schwarzen Buch. Er setzte sich aufmerksam in einen großen Sessel und sprach uns alle mit tiefer, freundlicher Stimme an, so wie ich mir den heiligen Mann immer vorgestellt hatte.

Dann zog er ein weißes Tuch beiseite, unter dem bisher verborgen gelegen hatte, worauf wir alle gebannt starrten: ein riesiger Berg von Geschenkpaketen in den unterschiedlichsten Größen, jedes einzeln in buntes Papier gewickelt. Nach und nach rief der Nikolaus die Kinder beim Namen nach vorne. Wer aufgerufen wurde – und das wurden wir natürlich alle –, trat aufgeregt an die Bühne heran und nahm sein Paket entgegen. Bei manchen Kindern schlug der Nikolaus vorher bedeutungsvoll das goldene Buch auf, blickte hinein und sagte lobend: „Ich habe gehört, du…“

Spätestens da wusste ich ganz genau, für wen er das zweite, das schwarze Buch mitgebracht hatte: für mich! Ein ziemlich mulmiges Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Als schließlich mein Name durch den Saal schallte, schlug mein Herz bis zum Hals. Mit weichen Knien ging ich nach vorne.

Doch der Nikolaus reichte mir völlig überraschend ganz freundlich seine Hand, die in einem schneeweißen Handschuh steckte. Er überreichte mir genau wie den anderen mein Geschenk – und griff dann tatsächlich nach dem schwarzen Buch! Mein Atem stockte. Aber er schlug es zum Glück nicht auf, sondern legte es einfach behutsam zur Seite. Hatte er von all meinen Schandtaten nichts mitbekommen oder wollte er einfach liebevoll darüber hinwegsehen? Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen! Das Lächeln kehrte auf mein Gesicht zurück, und unendlich erleichtert trat ich mit meinem Geschenk den Rückweg zu den Eltern an den Tisch an.

Als der Nikolaustag vorüber war, senkte sich vollends die besinnliche Ruhe der Adventswochen über unser Zuhause. Sonntags wurde die nächste Kerze auf dem Adventskranz entzündet. Es war ein schlichtes Exemplar aus duftenden Fichtenzweigen vom Wochenmarkt, geschmückt mit breiten roten Schleifen und Tannenzapfen. Die vier roten Kerzen thronten auf einem großen Teller mitten auf dem Wohnzimmertisch. Das Anzünden war ein kleines, feierliches Ritual: Zum gemeinsamen Frühstück mit den Eltern brannte das Licht, und wir stimmten voller Andacht ein Adventslied an.

Noch eindrucksvoller erlebten wir diese Zeit im Kindergarten. Dort hing in diesen Wochen ein noch viel größerer Adventskranz: An vier breiten roten Bändern schwebte er mitten in der Eingangshalle von der hohen Decke herab. Bis heute hat mich dieser Anblick fasziniert! Ich liebte es, wenn Tante Henni vor dem Frühstück eine Holzleiter holte, behutsam hinaufstieg, um die Kerzen zu entzünden, und wir anschließend alle gemeinsam im Kreis unter dem Kranz Adventslieder sangen. So steuerten wir voller Frieden, froh und munter auf das große Fest zu.

Am späten Nachmittag ging die Sonne unter. Manchmal erstreckte sich über dem Horizont ein glühend rotes Band, als stünde das ganze Firmament in Flammen. „Guck mal“, hieß es dann immer, „das Christkind backt Plätzchen für Weihnachten!“

Derweil liefen die Vorbereitungen auch bei uns zu Hause auf Hochtouren: Es duftete im ganzen Haus nach frischem Gebäck, wenn Plätzchen gebacken wurden, und aus Stroh bastelten wir feine Sterne für den Baum. Mein Wunschzettel wurde von den Eltern aufgeschrieben, auf die Fensterbank gelegt und sorgfältig mit etwas Zucker bestreut – in der festen Hoffnung, dass das Christkind den Zettel auf seiner Reise mitnehmen würde, um mir meinen Wunsch zu erfüllen.

Am Abend ging es dann ins Bett, begleitet von einer Geschichte aus Peterchens Mondfahrt – von dem Maikäfer Sumsemann, dem sein sechstes Beinchen verloren gegangen war, und seiner abenteuerlichen Reise mit den Menschenkindern Peter und Anneliese hinauf zum Mond.

In der Nacht, nachdem der Zettel ans Fenster gelegt worden war, konnte ich vor lauter Aufregung kaum schlafen. Ich wartete voller Neugierde auf das Christkind. Ich wollte es unbedingt sehen oder zumindest das leise Rascheln seiner Flügel hören! Jeder Lichtschein, der draußen durch das Fenster huschte, und jedes kleine Knacken der hölzernen Fensterrahmen weckte meine gesamte Aufmerksamkeit. Als ich am nächsten Morgen aus dem Bett huschte und zum Fenster lief, war der Wunschzettel tatsächlich verschwunden und nur ein paar Zuckerkrümel zeugten noch von dem geheimen Besuch. Gesehen hatte ich das Christkind allerdings nicht.

Und so blieben die Tage bis zum Heiligen Abend von einer wunderbaren, schier unerträglichen Spannung erfüllt: Würde sich mein großer Wunsch am Ende wirklich erfüllen?

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