Wer ist eigentlich der liebe Jung?

Aus der Reihe Gespräche unter Freunden

Das vertraute, monotone Summen der Elektromotoren vibriert unter unseren Füßen, während der Regionalexpress uns im Abendlicht vom Bahnhof Rheinhausen wegträgt. Motte und Rabe sitzen in den blauen Polstersitzen des modernen Doppelstockwagens. Draußen zieht die Industriekulisse des Ruhrgebiets vorbei, während der Zug über die Duisburger Rheinbrücke saust. Erst als sie den Duisburger Hauptbahnhof hinter sich lassen und der Zug Fahrt in Richtung Köln aufnimmt, dreht sich Rabe abrupt zu Motte um. Seine Stimme klingt ungewohnt ernst gegen das leise Rauschen der Klimaanlage.

„Weißt du, Motte“, bricht er das Schweigen. „Diese ganze Geschichte vorhin am Deich… das mit dem Mai Out-Festival, den Rockstars und vor allem die Sache mit der Gaststätte Schumachers. Das lässt mich einfach nicht los. Als du von deiner Zeit als Kegeljunge erzählt hast, da hast du nicht einfach nur eine Anekdote rausgehauen. Da war so ein ganz eigenes Leuchten in deinen Augen.“

Motte rückt seine Tasche auf dem Schoß zurecht und muss schmunzeln, während draußen die Lichter der Bahnhöfe im Vorbeifahren verschwimmen. Es hat wohl einiges in mir losgetreten. Als wir am Werthschen Hof standen, war das für mich, als hätte ich nach Jahrzehnten eine alte Kiste im Keller geöffnet. „Der Junge, der da im Staub am Ende der Kegelbahn stand und die schweren Holzkugeln zurückgerollt hat… das war keine Figur in einer Chronik. Das war ich.“

„Genau das ist es ja!“, hakt Rabe fasziniert nach und beugt sich im sanften Wiegen des Waggons zu Motte vor. „In unseren ‚Gesprächen unter Freunden‘ philosophieren wir meistens über die Welt, fliegen über die Dinge hinweg oder schauen uns die Geschichte von außen an. Aber das vorhin, das war echt. Ungefiltert. Ich will verdammt noch mal mehr davon hören! Wie war das damals wirklich, am Niederrhein aufzuwachsen? Wer warst du, bevor du zu dem Motte wurdest, den ich heute kenne?“

Später, beim Umsteigen im hell erleuchteten, geschäftigen Kölner Hauptbahnhof, jagen Motte die Gedanken weiter nach. Als die beiden schließlich in der S-Bahn Richtung Hennef sitzen und die Lichter des Doms hinter sich lassen, zieht die Nostalgie immer tiefere Kreise in Mottes Brust. Es liegt noch so viel mehr da hinten in der Vergangenheit. Die Kindheit, die Jahre vor dem großen Rock-Trubel… es war eine ganz andere Welt. „Meine Mutter hat mich damals oft so genannt, wenn ich mal wieder mit aufgeschlagenen Knien, staubigen Händen und voller Flausen im Kopf nach Hause kam. Aber nicht nur sie – bei allen Verwandten, ob bei Tanten, Onkeln oder Großeltern, war ich über Jahre hinweg einfach immer nur der liebe Jung.“

„Der liebe Jung…“, spricht Rabe den Namen leise nach, während die S-Bahn beschleunigt und dem Siegtal entgegenstrebt. Er blickt versonnen aus dem Fenster, wo die Konturen der Heimat langsam im Dunkeln auftauchen. „Das ist es. Genau so musst du es erzählen. Vergiss für einen Moment unsere Dialoge, vergiss die Maske des Beobachters. Erzähle, schlüpf ganz tief rein in diesen Jungen von damals. Erzähle – so, dass ich den Staub der Kegelbahn riechen kann.“

Als der Zug schließlich mit einem leisen Zischen der Bremsen im Bahnhof Hennef einläuft, blickt Motte hinaus auf den modernen, vertrauten Bahnsteig. Doch der Blick geht viel weiter zurück, dorthin, wo die Erinnerungen darauf warten, endlich geweckt zu werden. Ein befreites Lächeln legt sich auf mein Gesicht. Rabe hat recht. „Es ist an der Zeit. Ich werde meine Geschichte so erzählen, wie sie sich damals angefangen hat anzufühlen. Ganz von vorn.“

„Und wo ist ganz von vorn?“, fragt Rabe ungeduldig, während wir unsere Taschen greifen und durch die automatischen Schiebetüren auf den Bahnsteig treten.

Ich trete hinaus in die kühle Hennefer Nachtluft, atme tief ein und bin ganz bei mir selbst. „Es beginnt an einem Tag, den ich selbst nur aus den warmen, leisen Erzählungen meiner Mutter kenne. Ein Tag voller Hoffnung und dem süßen Duft von frischem Frühlingserwachen… Ostermontag 1953, in Xanten.“

Rabe grinst, klopft mir auf die Schulter und geht den Bahnsteig hinunter. „Dann leg los, lieber Jung. Ich bin ganz Ohr.“

Hier endet die Reihe „Gespräche unter Freunden“ für diesen Moment und macht Platz für eine ganz persönliche Zeitreise„Der liebe Jung“

70er Jahre – Woodstock in Friemersheim

Aus der Reihe Gespräche unter Freunden – Der Sound von Freiheit – Erinnerungen

Der Rhein fließt an diesem Nachmittag so gemächlich dahin, als hätte er alle Zeit der Welt. Nur das leise Rascheln der Kopfweiden begleitet den Wind, der über die weiten Wiesen des Friemersheimer Rheinvorlandes streicht. Ein paar Radfahrer rollen gemächlich über den Deich. Auf der anderen Rheinseite verschwimmen die Silhouetten der Industrie im warmen Dunst des Frühsommers.

Es ist der Ort, an dem Motte seine Kindheit verbracht hat und den er heute seinem Freund Rabe zeigt. Unwillkürlich werden sie langsamer. Rabe bleibt stehen. Er blickt über die Wiese, die friedlich in der Sonne liegt, und versucht sich vorzustellen, was Motte ihm auf dem ganzen Weg hierher immer wieder angedeutet hat.

„Du Motte“, fragt er schließlich, „bist du sicher, dass du uns nicht an die falsche Stelle geführt hast?“ Motte lächelt. Er kennt diesen Blick. Immer dann, wenn sich Rabe etwas überhaupt nicht vorstellen kann, kneift er die Augen ein wenig zusammen und legt den Kopf schief. „Warum?“ „Hier passiert doch gar nichts.“

Motte schaut über den Rhein. Genau darin liegt der Zauber dieses Ortes. Heute erzählt nichts mehr davon, was sich hier einmal abgespielt hat. Keine Bühne. Keine Lautsprecher. Kein Gedränge. Nur Gras, Bäume und das stetige Fließen des Wassers. „Heute nicht“, antwortet er leise. Er lässt den Blick über die Wiesen schweifen. Für einen kurzen Moment scheint es, als würde die Zeit rückwärts laufen.

Plötzlich stehen dort wieder Tausende Menschen. Junge Leute mit langen Haaren, Schlaghosen und bunten Hemden sitzen auf Decken oder liegen in ihren Schlafsäcken. Andere balancieren auf alten Strohanhängern oder haben sich einen Platz in den Ästen der Bäume gesucht, um besser sehen zu können. Über allem liegt der Duft von Bratwurst, feuchtem Gras und einer Zeit, in der die Welt noch ein bisschen veränderbar erscheint. Die ersten Gitarren erklingen. Bassboxen lassen den Boden erzittern. „Das alles war hier?“, fragt Rabe ungläubig. „Genau hier.“ Es fällt schwer zu glauben, dass ausgerechnet das beschauliche Friemersheim Anfang der siebziger Jahre für einige Tage im Jahr zum Treffpunkt einer ganzen Generation wird. Doch genau das geschieht. Inspiriert vom Geist von Woodstock nehmen einige Jugendliche aus der Eisenbahnsiedlung ihren Mut zusammen. Sie warten nicht darauf, dass etwas passiert. Sie sorgen selbst dafür.

Sie schreiben Briefe an Konzertagenturen. Nacht für Nacht kleben sie Plakate, verteilen Handzettel und werben für eine Idee, an die außer ihnen zunächst kaum jemand glaubt. Und plötzlich wächst aus einer verrückten Idee ein Festival. Nicht irgendeines. Sondern eines mit Herz. Motte muss unwillkürlich lächeln. „Weißt du, was das Schönste daran ist?“ Rabe schüttelt den Kopf. „Dass das alles keine Profis organisieren.“ Er deutet auf den Werthschen Hof, der nur wenige Schritte entfernt ruhig zwischen den alten Bäumen liegt.

Und dann ist da unmittelbar am Damm mitten im Dorf (am linken Bildrand) die alte Dorfgaststätte Schumachers mit dem wunderschönen Biergarten unter alten Kastanien an der Friemersheimer Straße, gegenüber der Dorfkirche. Ein wunderschöner Ort.

© Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons

„Die Künstler sitzen dort drinnen. Zwischen dunklen Holztischen und frisch gezapftem Altbier werden Verträge unterschrieben und Gagen bar ausgezahlt. Internationale Rockstars kommen in einem kleinen Dorf am Niederrhein an und werden empfangen, als gehörten sie einfach dazu.“ Für Motte bekommt der Ort noch eine ganz andere Bedeutung.

Lange bevor hier Status Quo, UFO oder Birth Control ein und aus gehen, verbringt er selbst viele Abende in genau diesem Haus. Nicht als Musiker. Nicht als Veranstalter. Sondern als Kegeljunge. Die alte Kegelbahn besitzt noch keine automatische Aufstellung. Nach jedem Wurf springt er hinter die Bahn, richtet alle neun Kegel wieder auf und lässt die schwere Holzkugel zurückrollen. Vier Stunden lang. Dienstags. Alle vierzehn Tage. Anstrengend ist das. Aber als Jugendlicher fühlt sich der Lohn nach einem kleinen Vermögen an: ein paar D-Mark und freie Getränke. Manchmal muss Motte heute noch darüber schmunzeln.

Damals ahnt er nicht einmal im Traum, dass genau dort, wo er zwischen Holzstaub und Kegeln arbeitet, wenig später Musiker aus England ihre Instrumentenkoffer abstellen werden. Rabe hört aufmerksam zu. „Das Leben schreibt manchmal wirklich verrückte Geschichten.“ Motte nickt nur. Sie gehen langsam weiter.

Der Wind frischt auf. Er trägt das Rascheln der Bäume über die Wiese. Und während Motte erzählt, wird deutlich, dass das Festival viel mehr ist als nur ein Wochenende mit lauter Musik. Draußen verändert sich die Welt. Die Beatles trennen sich. Menschen fliegen zum Mond. Die Ölkrise lässt die Autobahnen verstummen. Der Vietnamkrieg endet. Hoffnung und Unsicherheit liegen dicht beieinander.

All das bringen die jungen Leute mit an den Rhein. Hier finden sie für ein paar Tage einen Ort, an dem Musik wichtiger ist als Sorgen und Gemeinschaft stärker wirkt als Angst. Doch selbst die schönsten Geschichten dauern nicht ewig. Im Frühjahr 1975 öffnet der Himmel seine Schleusen. Aus den Rheinwiesen wird eine Schlammlandschaft. Verstärker werden mit Planen geschützt, Musiker bangen um ihre Instrumente, Besucher frieren in durchnässten Schlafsäcken. Die Scorpions reisen unverrichteter Dinge wieder ab. Manfred Mann’s Earth Band beendet den Auftritt vorzeitig. Zum ersten Mal verliert das Festival seinen Zauber.

Lange stehen Motte und Rabe schweigend auf dem Deich. Der Rhein fließt weiter, als wäre nie etwas geschehen. „Schade“, sagt Rabe schließlich. Motte schaut noch einmal über die weite Wiese. „Nein.“ Rabe sieht ihn überrascht an. „Warum nein?“ „Weil manche Dinge nicht verschwinden.“ Der Wind fährt durch die Kronen der alten Bäume. „Musik endet.“ Motte lächelt. „Aber Erinnerungen spielen manchmal ein Leben lang weiter.“ Rabe sagt nichts mehr. Er schließt für einen Augenblick die Augen. Und irgendwo zwischen Wind, Wasser und den alten Bäumen glaubt auch er, für einen flüchtigen Moment eine E-Gitarre zu hören, die längst verstummt ist und doch bis heute nachklingt.

„Du Motte, hast Du vielleicht Bilder aus diesen alten Zeiten?“ „Leider nein, aber ich habe im Internet eine Seite gefunden, da sind auch viele Fotos zu sehen, schau Dich ruhig mal dort um, vielleicht findest Du ja auch mich wieder. Hier: https://www.friemersheim.eu/maiout.htm

Die Fotos vom Mai-Out auf dieser Seite wurden mit freundlicher Erlaubnis von der Copyrecht-Inhaberin veröffentlicht.

Einmal aufgeräumt

Aus der Reihe „Gespräche unter Freunden“.

Es ist einer dieser Nachmittage, an denen Motte und Rabe vor dem Computer sitzen. Eigentlich wollen sie nur noch einmal schnell nachsehen, wie damals der Bau der kleinen Grunau begonnen hat. Oder war es doch der Land Cruiser? Vielleicht auch der Bericht vom ersten Crawler-Ausflug? So genau wissen sie das selbst nicht mehr.

Rabe beugt sich vor und betrachtet den Bildschirm. „Du Motte?“ „Ja?“ „Hier ist irgendetwas anders.“

Motte lächelt. „Das soll auch so sein.“ Rabe schaut genauer hin. Die vertraute Welt des Sternfahrers ist noch immer da, und doch wirkt alles aufgeräumter. Heller. Klarer. Die neue Startseite empfängt den Besucher nicht mehr mit einer langen Reihe einzelner Beiträge, sondern öffnet den Weg in die verschiedenen Welten des Modellbaus.

„Das sieht ja aus, als hätte jemand die Werkstatt gefegt.“ „Nicht nur gefegt.“ Motte lehnt sich zurück. „Eher so, als hätte endlich jedes Werkzeug seinen festen Platz bekommen.“ Rabe nickt langsam. Das Bild gefällt ihm. Er kennt Werkstätten, in denen man erst eine halbe Stunde nach dem passenden Schraubendreher sucht, bevor man überhaupt anfangen kann zu arbeiten. Hier ist das anders.

Von der Startseite aus führen die Wege dorthin, wo jeder Besucher gerade hin möchte. Wer Flugmodelle mag, folgt den Flugzeugen. Wer lieber mit dem Crawler über Felsen klettert oder sich für RetroCars interessiert, findet genauso schnell sein Ziel wie die Freunde der Eisenbahn oder der Schiffsmodelle. „Das ist praktisch.“ „War auch die Idee.“

Als Rabe neugierig eines der Themen öffnet, fällt ihm sofort auf, dass überall dieselbe Ordnung herrscht. Fast so, als hätte jemand in allen Räumen des Hauses die Möbel nach dem gleichen Plan gestellt. Tagebücher. Videothek. Projekte. Downloads. Alles dort, wo man es vermutet. „Da muss ich gar nicht überlegen.“ „Eben.“

Motte beobachtet zufrieden, wie Rabe sich durch die Seiten bewegt. Mal hierhin, mal dorthin. Ohne Umwege. Plötzlich bleibt Rabe stehen. „Moment mal…“ „Was denn?“ „Unsere Gespräche!“ Motte lacht. „Die verschwinden doch nicht.“ Das Magazin bleibt. Dort wohnen weiterhin all die kleinen Geschichten, die im Laufe der Jahre entstehen. Mal lustig, mal nachdenklich, manchmal ein bisschen verrückt, aber immer so, wie Motte und Rabe eben miteinander reden. Rabe wirkt erleichtert. „Gut.“

Eine Weile klicken beide schweigend weiter. Immer wieder tauchen Erinnerungen auf. Ein altes Bauprojekt. Ein Video vom Erstflug. Ein längst vergessenes Foto. Es ist fast so, als würde man eine Kiste öffnen, die viele Jahre auf dem Dachboden gestanden hat – nur dass diesmal alles fein säuberlich beschriftet ist.

„Und wenn ich etwas suche?“ „Dann suchst du.“ „So einfach?“ „Ja.“ Die Suchfunktion erledigt den Rest. Und wenn selbst die Erinnerung nicht mehr helfen will, wartet dahinter noch ein großes Archiv. Jahr für Jahr sind dort die Geschichten gesammelt, die den Sternfahrer zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Rabe lehnt sich zurück. „Weißt du…“ „Hm?“ „Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert.“ Motte schaut ihn fragend an. „Die Geschichten sind dieselben.“ „Ja.“ „Die Modelle auch.“ „Natürlich.“ „Und die Menschen sowieso.“ Motte nickt. „Genau darum geht es.“

Rabe schaut noch einmal auf die neue Startseite. Sie wirkt wie der Eingang zu einem Haus, dessen Zimmer man schon lange kennt und in dem doch jedes Mal etwas Neues zu entdecken ist. „Eigentlich“, sagt er schließlich, „ist das gar kein Neubau.“ „Nein?“ „Nein.“ Er lächelt. „Es ist einfach nur endlich aufgeräumt.“ Motte muss schmunzeln.

„Und jetzt ist wieder Platz für neue Geschichten.“