Neue Räder und der Wäschewagen

Zu Hause lief das Leben in seinem gewohnten Takt. Vater hatte seine unregelmäßigen Dienstzeiten bei der Bahn, während Mutter sich liebevoll um den Haushalt und um mich sorgte. Wenn noch etwas Zeit übrig blieb, nähte und bügelte sie für andere Leute, um den ein oder anderen Groschen für die Haushaltskasse dazuzuverdienen.

Von Tag zu Tag ging es unserer Familie finanziell ein Stückchen besser, sodass die Erfüllung lang gehegter Wünsche immer greifbarer rückte. Eines Tages war es schließlich so weit: Meine Eltern kauften sich nagelneue Fahrräder im Rhein-Kaufhaus Nibbeling in der Oberstraße in Krefeld-Uerdingen – ein blau-silbernes Damen- und ein entsprechendes Herrenrad mit großen 28er-Rädern. Rund 150 D-Mark kostete ein solches Rad damals, eine stolze Summe, für die lange und eisern gespart werden musste. Für mich gab es einen kleinen Kindersitz, mehr eine Blechschale, die über eine feste Halterung an Vaters Rad befestigt wurde. Der Sitz musste nur auf eine Metallzunge geschoben und mit einem kleinen Splint arretiert werden, schon konnte die Reise losgehen. Meine Füße hatte ich auf die an der Gabel des Vorderrads angeschraubten Fußrasten zu stellen, damit ich nicht in die Speichen kam und es ein Unglück gab.

So fuhren wir fortan zu dritt auf zwei Rädern über den Damm, durch das alte Dorf Friemersheim, nach Rheinhausen und Hochemmerich – und manchmal sogar über die große Rheinbrücke bis nach Duisburg-Hochfeld und weiter nach Wedau. Auf diese Weise lernte ich ganz schön viel von der Welt kennen, ohne mich selbst groß anstrengen zu müssen.

Genauso gern ging die Reise aber auch in die andere Richtung: über die Uerdinger Straße entlang der schier endlosen Gleise des Verschiebebahnhofs, durch Hohenbudberg, unmittelbar am Rhein, vorbei an den riesigen Bayer-Werken direkt am Ende des Weges, vorbei an der bekannten Schnapsbrennerei Dujardin und über den Marktplatz von Krefeld-Uerdingen. Hinter der duftenden Fischbratküche ging es weiter durch Lank-Latum bis nach Osterath zu Vaters Schwester, meiner Patentante Marianne.

Während diese Ausflüge Höhepunkte des Alltags bildeten, spielten sich die kleineren Besorgungen direkt vor unserer Haustür ab. Regelmäßig ging meine Mutter mit mir in den Tante-Emma-Laden an der Ecke Henschelstraße / Turmstraße. Die frische Milch bekamen wir dort noch lose abgefüllt und trugen sie vorsichtig in einer kleinen Milchkanne nach Hause. Wenn ich Glück hatte, gab mir die Verkäuferin an der Wursttheke ein Scheibchen feine Fleischwurst auf die Hand oder schenkte mir an der Kasse einen kleinen Lutscher, während meine Mutter gelegentlich eine der preiswerten Zeitschriften oder einen Groschenroman mitnahm.

Mittwochs ging es vormittags auf den kleinen Wochenmarkt gegenüber der Kirche St. Laurentius, mitten unter den mächtigen Kastanien der Breitenbachallee. Dort gab es einen Gemüsestand, einen Stand mit Geflügel, Wurst und Käse sowie einen Eierstand, neben dem ein großes Holzfass voller eingelegter Gurken stand. Auf dem hölzernen Deckel lag griffbereit eine große Holzzange, mit der die sauren Gurken knackig aus dem Sud gefischt wurden.

Nach solchen Erledigungen kehrten wir in unser stets peinlich sauber gehaltenes Zuhause zurück, wo der Tag festen Regeln folgte – angefangen bei mir selbst. Morgens und abends hieß es gewissenhaft Zähne putzen und waschen, und samstags folgte das große Baden. Anschließend schlüpfte ich in den frisch gewaschenen Schlafanzug, es gab Abendbrot, ein Märchen wurde erzählt, das Abendgebet gesprochen und dann ging es ab ins Bett.

Die Sauberkeit im Haus verlangte Mutter jedoch einiges an Arbeit ab. Die schmutzige Wäsche sammelte sich im Laufe der Woche im Wäschekorb, und war er erst einmal voll, ging es hinüber in das zentrale Waschhaus der Eisenbahnsiedlung. Dort standen die großen Waschmaschinen, deren Wasser noch mit Gas erhitzt werden musste. Dafür hing über jeder Maschine eine eigene Gasuhr mit Münzeinwurf: Ein Groschen wurde oben in den Schlitz gesteckt, das kleine Rad gedreht, woraufhin die Münze mit einem Klacken durchfiel und das Gas für eine bestimmte Zeit strömte. War das Wasser noch nicht heiß genug, war der nächste Groschen fällig. Da es damals noch keine Wäschetrockner gab, wurde die klatschnasse Wäsche nach dem Waschgang aus der Trommel gehoben, wieder in den Korb gelegt und zum Trocknen nach Hause befördert – im Winter auf Leinen im Keller oder unter dem Dach, in den warmen Monaten draußen im sogenannten Wäschekäfig hinter dem Haus.

Der Korb mit der nassen Wäsche und dem schweren Waschpulver wäre für meine Mutter allein viel zu schwer gewesen. Um den Transport zwischen Wohnung und Waschküche zu erleichtern, hatten Onkel Hubert und mein Vater in Gemeinschaftsarbeit einen kleinen Handwagen für unsere beiden Familien gebaut. Er bestand aus Holzlatten, alten Kinderwagenrädern, einer drehbaren Vorderachse sowie einer Deichsel – und war stolz in Dunkelrot angestrichen. Mir machte es riesige Freude, beim Ziehen dieses Wagens tatkräftig mitzuhelfen.

Sobald die Wäsche schließlich getrocknet war, mussten die großen Teile wie Tischdecken, Bettlaken und Bettbezüge zu zweit auf Länge gestreckt werden. Ich durfte mich dabei immer an einer Seite versuchen. Wenn meine Mutter dann mit einem kräftigen Ruck das Wäschestück straff zog, streckte ich mich fast mehr als die Wäsche selbst – was uns beiden jedes Mal großen Spaß machte und wir herzlich lachten.

So vorbereitet wanderten die Wäschestücke wieder in den Korb, und wir machten uns auf den vertrauten Weg zurück ins Waschhaus – diesmal in den Raum mit den zwei riesigen Mangeln. Auch diese schweren Geräte wurden mit Gas auf Temperatur gebracht und fraßen unersättlich Groschen. Mich faszinierten die blauen Flammen unter der Mangel und der kleine Hebel mit dem schwarzen Knopf, der drei Stellungen hatte: In der Mitte stand die Null für Stillstand, V bedeutete, dass sich die Mangel vorwärts drehte, und R ließ sie rückwärts laufen. Die glattgemangelten Teile liefen auf eine lange Tischfläche noch leicht dampfend aus. Meine Mutter faltete sie mit geübten, flinken Handgriffen zusammen, legte alles ordentlich zurück in den Korb, und zufrieden machten wir uns wieder auf den Heimweg.

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Anneliese und die ersten Pommes

Unser Etappenziel in Moers hatten wir pünktlich erreicht und warteten dort nun auf die Linie 4/5 nach Kamp-Lintfort, die bald kommen sollte. Während ich noch neugierig einen an der Ecke stehenden, weiß gestrichenen Wagen auf vier Rädern – einen Verkaufswagen mit geschlossenen Läden – von oben bis unten untersuchte, um herauszufinden, was sich wohl dahinter verbergen mochte, bog auch schon der O-Bus um die Ecke.

Doch was ich da sah, hatte ich bisher noch nie erlebt: Der Bus zog einen echten, zweiachsigen Anhänger hinter sich her! Sofort stand für mich felsenfest: Es gab nur eine einzige Möglichkeit, unsere Fahrt fortzusetzen – und zwar in diesem Anhänger, ganz vorne in der ersten Reihe, direkt an der Scheibe mit freiem Blick auf die Deichsel und den ziehenden Bus!

Als hätten meine Eltern meine Gedanken von den Augen ablesen können, stiegen wir tatsächlich genau dort ein und nahmen ganz vorne Platz. Augenblicklich fühlte ich mich wie der eigentliche Busfahrer. Ich nahm sogleich eine gewissenhafte Haltung ein, blickte hochkonzentriert nach vorn und bediente mit vollem Körpereinsatz die unsichtbare Technik: Türen schließen, Handbremse lösen, mit dem Fuß kräftig aufs Gaspedal treten, das imaginäre Lenkrad leicht nach links einschlagen und beim Anfahren wieder gerade ziehen. So steuerte ich meine Fahrgäste sicher, vorschriftsmäßig und absolut nach Fahrplan von Haltestelle zu Haltestelle durch mir völlig fremde Straßen und Orte. Vorbei am Königlichen Hof in Moers, durch Utfort und Repelen, bis hin zur Haltestelle am NIAG-Betriebshof in Kamp-Lintfort kurz hinter der Eyllerstraße, in der die Verwandten wohnten, stadtauswärts. Ich platzte beinahe vor Stolz und malte mir in Gedanken schon die Rückfahrt aus.

Onkel Albert und Tante Käthe empfingen uns überaus herzlich. Verlässlich wurde der „liebe Jung“ wieder fest in die Arme genommen und – so zumindest für mein kindliches Empfinden – auf der Wange feucht „abgeleckt“. Als wir anschließend alle nach oben in die Wohnung im ersten Stock des Zweifamilienhauses gingen, kam die Rückseite meiner Hand auf der Wange rasch wieder zum Einsatz.

Die Erwachsenen bewegten sich mit leichten Schritten durch die Räume, nur ich eben nicht. Sogleich erklang aus dem mittleren Vitrinenteil des großen Wohnzimmerschranks ein leises, feines Klirren wie die Ouvertüre zu einer großen Oper. Dort, wo die dünnen Wein-, Likör- und Biergläser sowie die Schnapspinnchen umrahmt von bunten Hummelfiguren standen, zitterte das Glas bei jedem meiner festen Schritte. Von da an wusste ich Bescheid: In dieser Wohnung tritt man leise auf, sonst lässt der alte Holzbohlenboden alles erzittern, spielt ein ungebetenes Musikstück – und das gäbe Ärger.

In der guten Stube stand mitten im Raum ein großer Tisch mit vier gepolsterten Stühlen, in der Ecke eine gemütliche Stehlampe neben einem kleinen Sofa. Meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich jedoch auf ein kleines Tischchen in der Ecke neben einem Sessel. Wie ich erfuhr, war es ein echter Rauchertisch: rund, mit einer edlen Glasplatte, auf der ein selbstgehäkeltes Deckchen lag. Das runde Glas ruhte auf einem quadratischen Holzunterbau mit kleinen Glasscheiben und einer kleinen Türe, hinter der sich sämtliche Utensilien für den Raucher verbargen – Tabak, Zigarrenkisten, Zigarillos, Weinbrandbohnen, eine Zigarrenzange, ein Kartenspiel und Streichhölzer. Am meisten faszinierte mich jedoch der große, schwere Aschenbecher aus Glas auf dem Häkeldeckchen. Eigentlich ein eher unspannendes Objekt, wurde er durch die ringsum aufgeklebten Banderolen von Zigarren aus fernen Ländern – oder vielleicht doch nur aus dem Kiosk um die Ecke – zu einem echten Kunstwerk. Während die Frauen in der Küchenzeile alles für Kaffee und Kuchen vorbereiteten, erklärte mir Onkel Albert stolz seine kleine Schatztruhe. Er führte mir das Vorbereiten und Anzünden einer Zigarre vor, lehnte sich zurück, zog daran, genoss und formte beim Ausatmen einen perfekten Ring aus Qualm, der durch das Zimmer zog und sich langsam auflöste. Ich war fasziniert.

Wenig später ließen sich die Erwachsenen den frischen Bohnenkaffee und den köstlichen Obstkuchen schmecken – der obligatorische Tortenboden mit selbst geschlagener Sahne. Der alltägliche Muckefuck war für diesen besonderen Tag komplett vergessen.

Nach dem Kaffeeschlabbern ging ich mit Onkel Albert hinaus in den Garten hinter dem Haus. Das war sein Reich, allen voran der mächtige Kirschbaum mit den süßen Kirschen, der im Sommer reichlich Früchte trug. Wir gingen gemeinsam durch die gepflegten Beete, die mit kleinen Buchsbaumhecken eingefasst waren. Er zeigte und erklärte mir alles, was dort so üppig wuchs, pflückte ein paar Liebstöckelblätter, die ich zwischen den Fingern reiben durfte, um daran zu riechen – „Maggi“! Auf unserem Weg durch seinen Garten zog er ganz beiläufig jedes Unkraut aus der Erde, das seinen scharfen Augen auffiel. Im Gartenhäuschen machte er mich mit all seinen Werkzeugen vertraut: dem Spaten, der Harke, der Schuffel, dem Kartoffelhäufler sowie der Rosen- und Heckenschere, während über unseren Köpfen die zum Trocknen aufgehängten Zwiebeln und Kräuter von der Decke baumelten und an einem Nagel sein Hut sowie eine Arbeitsjacke hingen.

Und plötzlich stand sie da: Anneliese. So begrüßte Onkel Albert die Enkeltochter der Familie aus der Parterrewohnung. Sie war in meinem Alter, hatte schwarzes, lockiges Haar, trug eine weiße Strickjacke, einen bunten Rock, weiße Kniestrümpfe und schwarze Riemchenschuhe. Wir sprachen kein einziges Wort miteinander, sondern schauten uns nur verlegen und schüchtern an. Dann kam auch schon der mich erlösende Satz von Onkel Albert: „So, lieber Jung, dann gehen wir mal wieder rauf zu Mama und Tante Käthe!“ Anneliese habe ich danach nie wiedergesehen.

Am späten Nachmittag traten wir schließlich den Heimweg an. Ich hatte ja wieder Dienst im O-Bus für die Rückfahrt nach Moers! Meinen Stammplatz und die unsichtbare Luft-Technik beherrschte ich von der Hinfahrt bereits wie ein Profi, und so steuerte ich unser Gespann gekonnt zurück nach Moers.

Dort angekommen mussten wir wieder umsteigen – und genau in diesem Moment lüftete sich für mich das Geheimnis um den mysteriösen weißen Wagen an der Ecke: Es war eine echte Pommesbude! Frittierte Kartoffelstäbchen waren damals noch eine ganz neuartige Errungenschaft, die gerade erst aus Belgien und den Niederlanden zu uns an den Niederrhein schwappte und die Straßen eroberte. Für mich war dieser Duft nach heißem Fett etwas völlig Neues und ungemein Verlockendes. Die hölzernen Laden des Verkaufswagens waren nun hochgeklappt, das Innere war hell erleuchtet, und hinter der Fritteuse stand eine freundliche Frau, die uns ein einladendes Lächeln schenkte, als wir aus dem Busanhänger stiegen.

„Eine kleine Portion Pommes mit Mayonnaise, bitte!“, bestellte mein Vater. Fünfzig Pfennig kostete das Tütchen Fritten, zehn Pfennig extra der dicke Klecks Mayonnaise oben drauf – sechzig Pfennig für ein kleines kulinarisches Wunderwerk. Nur kurze Zeit später hielt ich zum allerersten Mal in meinem Leben dieses dampfende Papiertütchen in den Händen, mittendrin ein kleiner Holzpicker. Die Fritten waren brühheiß und dampften noch so stark, dass ich kräftig pusten musste. Doch Eile war geboten, denn der O-Bus der Linie 2 zur Weiterfahrt in die Eisenbahnsiedlung konnte jeden Augenblick kommen. Und er war – wie immer – pünktlich.

Mit Essen im Bus mitzufahren, das gehörte sich nicht und wäre schlichtweg schlechtes Benehmen gewesen. So wurden die letzten heißen Fritten schnell noch auf dem Bürgersteig gekaut, das leere Tütchen samt Picker landete im Mülleimer neben der Bude, und die Mayonnaisereste an meinen Fingern leckte ich mir genüsslich ab. Köstlich! Dann zischten die Türen des Busses auf, wir stiegen ein und fuhren zufrieden nach Hause.

Tante Käthes Kuss und die erste große Reise

Obwohl man dem Niederrheiner nachsagt, er sei eher wortkarg und nicht besonders gesprächig, hatte sich die Kunde vom Besuch Oma Annas bei ihrer ältesten Tochter, dem Schwiegersohn und dem „lieben Jung“ auf geheimnisvolle Weise wie ein Lauffeuer in der Verwandtschaft herumgesprochen. So dauerte es nicht lange, bis sich der nächste Besuch ankündigte: Tante Käthe, Omas Schwester, und ihr Mann Onkel Albert.

Sie kamen mitten in der Woche aus Kamp-Lintfort zu uns. Auch sie hatten die Reise quer durch den Niederrhein bis in die Eisenbahnsiedlung mit schwerem Gepäck angetreten: Mehrere prall gefüllte Taschen brachten sie mit, vollgepackt mit Einmachgläsern, frischem Gemüse aus dem eigenen Garten, Pflaumen, Mirabellen, hausgemachtem Johannisbeer-Gelee, Saftflaschen und selbst gebackenen Plätzchen. Da die beiden selbst keine eigenen Kinder hatten, ließ Tante Käthe ihre ganze mütterliche Zuneigung an mir aus. Schon bei der Begrüßung wurde ich nicht nur fest in die Arme genommen und gedrückt, sondern bekam obendrauf noch einen saftigen, dicken Kuss auf die Wange verpasst. Ich zog meinen Kopf instinktiv zurück, doch da sich die enge Begegnung nicht vermeiden ließ, wischte ich mir gleich darauf mit dem Handrücken heimlich die feuchte Wange ab.

Onkel Albert verhielt sich dagegen eher unauffällig und ruhig. Er interessierte sich jedoch sehr für meinen Kindergarten. Kurzerhand bot er an, mich für die Nachmittagsstunden dorthin zu bringen. Er verabschiedete mich am kleinen Eingangstörchen, und während ich die Treppenstufen hinunter an den Gärten vorbei zur Tür mit der Klingel des Kindergartens lief, drehte ich mich noch einmal um und winkte ihm zu.

Die Erwachsenen hatten die Zwischenzeit offensichtlich genutzt, um einen Gegenbesuch in Kamp-Lintfort zu verabreden. Und bald darauf war es tatsächlich so weit: Für mich stand die erste wirklich weite Reise meines Lebens an.

An der Breitenbachallee stiegen meine Eltern und ich in den O-Bus der Linie 2 Richtung Neukirchen-Vluyn. Endlich konnte ich das Gefährt, das ich schon so oft von außen bestaunt hatte, nicht nur von innen sehen – ich saß sogar mittendrin! Wir hatten einen Platz direkt hinter dem Busfahrer ergattert. Stolz saß er da in seiner dunkelgrauen Uniform mit dem prächtigen Schriftzug „NIAG“ und der passenden Mütze auf dem Kopf. Ich hatte freien Blick auf all die faszinierende Technik, die er zu bedienen hatte, und auf die Straße, die vor uns lag.

Bevor es losging, kauften meine Eltern die Fahrkarten beim Schaffner. Er trug dieselbe adrette Uniform wie der Fahrer und hatte an einem breiten Ledergurt um den Hals ein ganzes Arsenal an Werkzeugen vor der Brust hängen: einen metallenen Geldwechsler mit verschiedenen Schlitzen, Münzbehältern und Tasten, eine kleine silberne Zange zum Lochen der Fahrscheine und ein Klemmbrett – eine Kladde, auf der die Fahrkarten für die unterschiedlichen Tarife mit dicken Gummibändern gehalten wurden. Am Zeigefinger seiner rechten Hand trug er einen dunkelgrünen, genoppten Gummihut, um das hauchdünne Papier der einzelnen Fahrscheine zielsicher voneinander trennen zu können.

„Zwei Erwachsene und einmal für den Jungen bis Moers, bitte!“, sagte mein Vater. Der Schaffner schaute freundlich über seinen Brillenrand zu mir herunter, blätterte auf seiner Kladde und antwortete schmunzelnd: „Das macht sechzig Pfennig pro Person und dreißig Pfennig für den Nachwuchs – macht zusammen eine Mark fünfzig.“ Ich beobachtete zutiefst fasziniert jeden einzelnen Handgriff, wie er dank seines Fingerhuts die Fahrscheine mühelos griff, mit geübtem Schwung abriss, mit der silbernen Zange spürbar knipste und auf die Tasten seines Wechslers drückte. Mit einem metallischen Klackern fiel das Wechselgeld sonor aus dem Metallgerät direkt in seine Hand. Ich habe mir all diese Details ganz genau gemerkt.

Der Fahrer drückte auf einen kleinen, runden Knopf neben seinem großen Lenkrad, woraufhin sich die Türen mit einem Zischen schlossen. Dann legte er einen Hebel um, trat mit dem Fuß auf ein Pedal und hielt das Lenkrad fest in den Händen. Mit einem leisen, charakteristischen Summen fuhr der Bus fast geräuschlos an.

Die große Fahrt nach Kamp-Lintfort über Friemersheim, Hochemmerich, Homberg, Asberg und Moers hatte begonnen. Mit riesigen, erwartungsvollen Augen schaute ich aus dem Fenster, am Busfahrer vorbei auf all die fremden Orte, die nur so an mir vorbeiflogen und die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Der Fahrer steuerte das mächtige Fahrzeug mit stoischer Ruhe und Gelassenheit über die Straßen, hielt getreulich an den Haltestellen, wo Leute ein- und ausstiegen, und steuerte zielsicher unserem ersten großen Etappenziel entgegen: dem Umsteigepunkt in Moers an der Kreuzung Homberger Straße / Essenberger Straße.

Von dort sollte es mit der Linie 4/5 weitergehen nach Kamp-Lintfort. Und genau an diesem Umsteigepunkt wartete echtes Staunen auf mich…