Mit dem Herannahen des Osterfestes veränderten sich der Takt und das Lebensgefühl in der Siedlung spürbar. Schon am Gründonnerstag lag eine feierliche Erwartung in der Luft – jener besondere Abend im Kirchenjahr, an dem man des letzten Abendmahls gedenkt. Bei uns zu Hause kam an diesem Tag ganz traditionell Spiegelei mit Spinat und Kartoffeln auf den Tisch.
Als tags darauf der Karfreitag anbrach, legte sich eine fast unwirkliche, tiefgreifende Stille über die Siedlung. Es schien, als stünde die Welt für einen Moment vollkommen still: Das gewohnte, laute Toben der Kinder war verstummt, in den Grünanlagen blieb es mäuschenstill, und man hätte meinen können, alle Mädchen und Jungen der Nachbarschaft seien wie vom Erdboden verschluckt. Einzig der gemeinsame Gang in die Kirche durchbrach die Ruhe – allen voran zur Nachmittagsstunde, der Überlieferung nach die Todesstunde Jesu, in der eine erhabene Andacht den Raum erfüllte.
Nach dem Karsamstag, der als seltsam stiller Zwischenraum voller Ausharren und Warten kaum stattzufinden schien, brach am Ostersonntag schließlich eine befreiende, überall spürbare Freude Bahn. Die Botschaft der Auferstehung füllte die festlich geschmückten Gotteshäuser mit hellem Orgelklang, und das Osterfest schenkte uns eine Zuversicht, die bis weit in den Alltag hineinstrahlte. In diesem Jahr fiel mein sechster Geburtstag am 6. April zwar nicht direkt auf die Feiertage – Ostern lag Ende März bereits eine Woche hinter uns –, doch die nachklingende Festtagsstimmung verlieh auch meinem Ehrentag einen ganz besonderen Glanz.
Für mich persönlich markierten diese Wochen des Frühjahrs 1959 jedoch noch einen ganz anderen, einschneidenden Wendepunkt. Mit dem Fest und meinem sechsten Geburtstag lag das vertraute Leben im Kindergarten nun endgültig hinter mir. Ein neuer, aufregender Lebensabschnitt kündigte sich an: Ich gehörte von jetzt an zu den „Großen“ und durfte mich fortan ein Schulkind nennen.
Schon Tage vor der eigentlichen Einschulung lag eine ganz eigene Spannung in der Luft. Meine Mutter hatte dafür gesorgt, dass ich für diesen feierlichen Anlass adrett eingekleidet war. Für diesen bedeutenden Tag war sogar Verstärkung aus der Verwandtschaft angereist: Oma Anna war extra aus Xanten gekommen, und auch ihre Schwester, Tante Käthe, war zusammen mit ihrem Mann, Onkel Albert, aus Kamp-Lintfort zu uns in die Eisenbahnsiedlung gereist.
Am Morgen dieses ersten Schultags stand ich stolz da – in meinen besten Sachen, die Schultüte fest in beide Hände geschlossen. Sie war prall gefüllt mit allerlei Nützlichem für den Schulranzen, aber vor allem mit Süßigkeiten, die in diesen Jahren noch keineswegs alltäglich waren und kostbar dufteten. Auf dem Rücken trug ich einen dunkelbraunen, ledernen Tornister, in dem sich all die nötigen Dinge für die Schule befanden: die Schiefertafel mit dem roten Holzrahmen, auf deren einer Seite die Buchstaben des Alphabets und auf der anderen Seite Zahlen standen, das kleine, runde Kunststoffdöschen mit dem – leicht angefeuchteten – Tafelschwamm sowie die hölzerne Griffeldose samt Griffel und Anspitzer. Und nicht zuletzt steckte darin meine Butterbrotdose – genau so eine, wie sie auch mein Vater hatte und mitnahm, wenn er seinen Dienst beim Bahnbetriebswerk antrat.
Bevor wir jedoch den Weg zur Schule antraten, führte uns unser erster Gang gemeinsam mit vielen anderen Familien aus der Siedlung zur katholischen Kirche St. Laurentius. Über den Wegen lag das gewohnte Hintergrundgeräusch der Siedlung: Das Zischen der Dampflokomotiven vom nahen Rangierbahnhof Hohenbudberg und das dunkle Rumpeln der Güterwagen, die über die Ablaufberge rollten. Es war die vertraute Kulisse meiner Kindheit, doch an diesem Morgen nahm ich sie kaum wahr – zu groß war die Ehrfurcht vor dem, was mich erwarten sollte. Das Portal von St. Laurentius stand weit offen, und das helle Geläut der Glocken rief uns I-Dötzchen zusammen. Drinnen empfing uns Pastor Klümpen mit den Messdienern und dem vertrauten, feierlichen Duft von Weihrauch und Kerzenwachs. Durch die bunten Glasfenster fiel das morgendliche Sonnenlicht in farbigen Bahnen auf die voll besetzten Bankreihen.
Wir Kinder saßen mit unseren voll gepackten Schultüten auf den vorderen Bänken, die kleinen Hände fest um die bunten Pappen geschlossen. Pastor Klümpen richtete feierliche und zugleich herzliche Worte an uns. Er sprach davon, dass nun ein neuer, aufregender Lebensabschnitt für uns beginne, auf dem Gott uns stets beschützen und begleiten werde. Als er schließlich den Segen über uns I-Dötzchen sprach und uns ein gutes Gelingen für die Schulzeit wünschte, wich auch die letzte Befangenheit. Ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und Stolz breitete sich in mir aus.
Nach dem Gottesdienst strömte die festliche Gesellschaft wieder hinaus ins Freie. Die Sonne stand bereits etwas höher am Himmel, und ein Stimmengewirr aus fröhlichen Glückwünschen und freudiger Aufregung erfüllte den kleinen Platz vor der Kirche. Gemeinsam mit den Eltern und den Verwandten machten wir uns auf den kurzen Weg zur nahegelegenen Volksschule an der Martinistraße.

Vor dem zweigeschossigen Gebäude der Volksschule, auf dem Schulhof unter dem dichten, tiefgrünen Dach der alten Kastanien – wo im November St. Martin den armen Mann am Feuer getroffen hatte –, herrschte ein buntes Treiben. Dicht an dicht standen wir I-Dötzchen mit unseren prallen Schultüten und den ledernen Ranzen auf dem Rücken, die noch viel zu groß für unsere schmalen Kinderschultern wirkten. Auch mein Ranzen saß stramm auf den Schultern, die Schultüte hielt ich stolz und fest im Arm.
Herr Eulerich, der Schulleiter, und Frau Schmitz, unsere Lehrerin, hatten sich bereits unauffällig unter die Wartenden gemischt und sprachen mit einzelnen Kindern. Und dann ertönte das helle Schrillen der Schulglocke. Nach und nach trat Ruhe ein. Frau Schmitz und Herr Eulerich traten vor den Schuleingang und begrüßten die Schülerschar, die Eltern und die Gäste: „Guten Morgen zusammen an diesem wunderschönen Tag!“
Wir Kinder konnten es kaum erwarten, nun endlich in unseren Klassenraum zu kommen, um all die Geheimnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens zu ergründen. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis wir alle drinnen auf unseren Plätzen saßen. Die Eltern, Omas und Opas standen dicht an dicht an den Wänden und folgten aufmerksam den ersten Worten von Frau Schmitz – obwohl dieser Unterricht doch eigentlich ganz allein uns Kindern gehörte. Schließlich verabschiedeten sich die Großen, und wir waren endlich mit Frau Schmitz allein. Wir lauschten gebannt ihren Worten, ihren Geschichten und stimmten gemeinsam unser erstes Schullied an.
Doch schon viel zu schnell schrillte die Glocke zum Schulschluss. Gelernt hatte ich an diesem ersten Tag noch nicht viel – Lesen, Schreiben und Rechnen konnte ich immer noch nicht, und so fiel ich vor der Schultür mit einer leisen Dosis Enttäuschung in die Arme meiner Eltern.
Als ich schließlich im Kreise der Familie mit meiner Schultüte und all den ersten Eindrücken stolz nach Hause ging, wusste ich dennoch ganz genau: Die Kindergartenzeit war nun endgültig Geschichte. Vier prägende Jahre an der katholischen Volksschule der Eisenbahnsiedlung lagen vor mir – eine Zeit voller neuer Freundschaften, wichtiger Lektionen fürs Leben und unvergesslicher Kindheitstage im wachsamen Schatten des Rangierbahnhofs.