St. Martin und das Licht der Laternen

Die Tage wurden spürbar kürzer, die Dämmerung kroch nun jeden Nachmittag ein Stück früher über die Dächer der Eisenbahnsiedlung, und mit strammen Schritten gingen wir auf die Weihnachtszeit zu. In den kleinen Schaufenstern der Geschäfte tauchten nach und nach die ersten festlichen Süßigkeiten auf. Ein ganz besonderer Zauber ging jedoch von den Spielwarengeschäften aus: Bei Hembach in Rheinhausen, bei Roskothen in Duisburg, Sonnen in Krefeld und Nibbeling in Uerdingen wurden die aufwendigen Welten der Kinderwünsche aufgebaut. Da sahen wir mit glänzenden Augen die prachtvollen Modelleisenbahnen von Märklin und Trix ihre Runden drehen, für die Mädchen gab es liebevoll eingerichtete Puppenstuben und Kaufläden zu bewundern, und überall lächelten uns die kuscheligen Steiff-Tiere entgegen – allen voran Mecki und der klassische Teddybär mit dem Knopf im Ohr, ohne den als treuen Begleiter ein Kinderleben wohl kaum denkbar war.

Der 30. Oktober war damals noch ein ganz normaler Herbsttag. Von Kürbissen, Geistern und Halloween hatte im Rheinland noch niemand etwas gehört – höchstens wusste man dunkel aus Erzählungen, dass es drüben im fernen Amerika so etwas geben sollte, genau wie all die anderen neuartigen Dinge, die es bei uns noch nicht gab. Für uns Kinder drehte sich in diesen Tagen nämlich alles nur um ein einziges großes Ereignis: Sankt Martin und die aufregenden Vorbereitungen darauf.

Schon Wochen vorher begann im Kindergarten das große Basteln. Unter fachkundiger Anleitung von Tante Henni entstanden aus schwarzem Tonkarton, buntem Transparentpapier, etwas Draht und einem kleinen Kerzenhalter aus Blech wunderschöne Laternen. Als stabiles Fundament für die runde Form diente die Schachtel von einer Schmelzkäsepackung. In den Karton wurden sorgfältig Motive geschnitten und von innen mit farbigem Papier beklebt. Je älter die Kinder wurden, desto aufwendiger und filigraner wurden die Kunstwerke. Begnügten wir uns im Kindergarten noch mit einfachen Kreisen, Dreiecken und Vierecken, folgten in den späteren Jahren Motive von Äpfeln, Birnen und Kirschen, bis wir schließlich den heiligen Sankt Martin auf seinem stolzen Pferd, den armen Bettler am Feuer und das scharf geschliffene Schwert ausschneiden konnten. Wenn dann im Dunkeln die kleine Wachskerze im Inneren entzündet wurde und das bunte Papier zum Leuchten brachte, entstand eine unvergleichliche, warme und feierliche Stimmung, die genau zu diesem Fest passte.

Und dann war er endlich da: der 11. November, der Tag des heiligen Sankt Martin!

Auf dem Schulhof der katholischen Volksschule an der Martinistraße formierte sich der große Zug. Wir Kindergartenkinder warteten aufgeregt vor der Kirche St. Laurentius, bis die Schulkinder an uns vorbeizogen. Ganz an der Spitze ritt Sankt Martin selbst – ein stolzer Römer im leuchtend roten Ornat, mit schimmerndem goldenem Helm und dem Schwert an der Seite, hoch zu Ross auf einem prächtigen Schimmel. Flankiert und geschützt wurde er von zwei Herolden auf edlen, dunklen Rappen. Direkt dahinter folgte die Magd mit einem hölzernen Leiterwagen. Darauf stand ein Käfig mit zwei lebenden Gänsen, die neugierig herausblinzelten, aufgeregt schnatterten und so ein ganz natürlicher Teil des Zuges waren.

Genau hinter den Gänsen reihten wir uns Kindergartenkinder mit Tante Henni ein – fein geordnet, immer vier oder fünf Kinder in einer Reihe, die leuchtenden Laternen voller Stolz und mit festem Griff in den Händen. Dahinter marschierte der Spielmannszug, sodass wir von den älteren Schülern der vier Volksschulklassen kaum noch etwas sahen.

Der Spielmannszug stimmte ohne Pause ein Martinslied nach dem anderen an: „Sankt Martin, Sankt Martin…“, „Ich geh mit meiner Laterne…“ oder „Durch die Straßen auf und nieder…“. Wir alle sangen mit hellen, frohen Stimmen aus vollem Herzen mit, während sich der leuchtende Wurm langsam durch die Dunkelheit schlängelte. Eltern, Großeltern und Verwandte waren nicht Teil des Zuges – es war ein reines Fest für uns Kinder. Erwachsene spielten kaum eine Rolle, außer sie musizierten im Spielmannszug mit oder begleiteten uns seitlich am Straßenrand mit brennenden Pechfackeln in den Händen, was wir Jungen stets mit ehrfürchtiger Neugier beäugten.

Nach einer großen Runde durch fast alle dunklen Straßen der Eisenbahnsiedlung, vorbei an den Häusern, deren Fenster liebevoll mit bunten Laternen und transparenten Bildern geschmückt waren, erreichten wir schließlich wieder den Schulhof unter den alten Kastanienbäumen. Sankt Martin und seine Herolde ritten voran und blieben mitten auf dem Platz etwas abgesetzt stehen. Alle folgten: der Spielmannszug, wir Kindergartenkinder, die vier Schulklassen und ganz außen der breite Kreis der Erwachsenen.

Im grellen Gegenlicht des flackernden Martinsfeuers erblickten wir plötzlich die Schattenrisse einer Gestalt. Nur mit einem spärlichen Fell bekleidet kniete ein Mann im kalten Wind, an den nackten Füßen nur einfache Lederschnüre als Sandalen. Er hielt die gefalteten Hände flehend zu Sankt Martin empor: „Bitte, b-bitte, edler Mann … so hilf mir doch in meiner Not!“

Die Musiker schwiegen augenblicklich. Es war mäuschenstill auf dem Hof, nur das Knistern des Feuers war zu hören und ein paar Funken stiegen in den Nachthimmel auf. Entschlossen griff Sankt Martin nach seinem Schwert, zog es spitz klingend aus der Scheide, spannte seinen prachtvollen roten Umhang auf und teilte ihn mit einem einzigen kräftigen Hieb. Er reichte die eine Hälfte dem frierenden Bettler: „Hier, nimm! Damit kannst du dich wärmen.“

Kaum hatte der arme Mann sich dankend verneigt und den warmen Stoff um seine Schultern gelegt, setzte der Spielmannszug wieder ein und alle – Kinder wie Erwachsene – stimmten gemeinsam in das große Lied ein:

„Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind. Sankt Martin ritt mit leichtem Mut, sein Mantel deckt ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann, hatt Kleider nicht, hatt Lumpen an. „Oh, helft mir doch aus meiner Not, sonst ist der bitt´re Frost mein Tod!“

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an, sein Ross stand still beim armen Mann. Sankt Martin mit dem Schwerte teilt´ den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still, der Bettler rasch ihm danken will. Sankt Martin aber ritt in Eil’ hinweg mit seinem Mantelteil.“

Es dauerte einen Moment, bis wir Kinder, zutiefst berührt von diesem Schauspiel, wieder den Blick für das Drumherum fanden. Die jüngeren Schulkinder wurden von ihren Eltern an die Hand genommen und gingen nach und nach in das Schulgebäude, um sich dort ihre begehrten Martinstüten abzuholen. Die älteren stürmten allein in die Schule.

Für uns Kindergartenkinder ging die Aufregung jedoch erst jetzt so richtig los: Wir zogen nicht in die Schule, sondern machten uns gemeinsam auf den Weg zurück in unseren Kindergarten. Dort warteten wir voller Vorfreude und mit Klopfendem Herzen, bis uns der heilige Sankt Martin höchstpersönlich besuchte. Er schritt würdevoll durch die Tür, trat an jedes einzelne Kind heran und überreichte uns unsere Tüte mit dem duftenden Weckmann, einem knackigen Apfel, einer Mandarine, drei Aachener Printen und ein paar knusprigen Spekulatius. Wenn er einem dann sanft mit seinen feinen Handschuhen über den Kopf streichelte, war das ein erhabener Augenblick. Zum Dank stimmten wir alle gemeinsam noch einmal aus vollem Herzen das Lied an: „Sankt Martin, Sankt Martin…“

Müde, aber unendlich glücklich stapften wir Schützlinge schließlich mit unseren Eltern nach Hause. Währenddessen zogen die größeren Kinder noch von Tür zu Tür, um zu „singen“. Sie trugen an den Haustüren voller Erwartung auf Süßigkeiten ihre Lieder vor, und so hallte noch bis spät in die Nacht hinein immer wieder die altbekannte Zeile durch die Straßen der Siedlung: „Hier wohnt ein reicher Mann, der uns was geben kann. Lass uns nicht so lange stehn, denn wir wollen weitergehn…“

Reich an Geld waren die Menschen in der Eisenbahnsiedlung nicht. Aber sie waren unendlich reich an Hoffnung, an Kraft, Mut, festem Zusammenhalt, einer tiefen Liebe zu ihren Kindern und einem einfachen, ehrlichen, christlichen Glauben.

Bunte Räder an Erntedank

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und die Ernte war eingeholt. Auf den Feldern der Bauern rund um die Siedlung sowie in den akkurat abgesteckten Parzellen der Schrebergärten war Ruhe eingekehrt. Die Blätter an den Bäumen verloren langsam ihr saftiges Grün und verfärbten sich nach und nach in allen erdenklichen Tönen von leuchtendem Gelb über warmes Rot bis hin zu tiefem Dunkelbraun, bevor sie sich von den Zweigen lösten und sanft auf die Straßen segelten. Die Breitbachallee war ein einziges Meer aus braunen Kastanienblättern. Herbstwind trieb dichte Wolken über das flache Land. Es war die Zeit, in der wir Kinder mit unseren selbst gebauten Drachen aus dünnen Holzleisten vom Schreiner und buntem Transparentpapier, an langen Leinen gehalten, oben auf dem Damm im Wind spielten.

Auf dem Bahngelände herrschte wie immer reger Betrieb. Nur sonntags kehrte verlässlich Stillstand ein: Die gewaltigen Dampflokomotiven gönnten sich eine wohlverdiente Atempause und schnauften leise vor sich hin. Auch der Vater hatte frei. Mit zügigen Schritten ging die Eisenbahnsiedlung auch in diesem Jahr dem Winter entgegen – begleitet von den traditionellen Festen, die das Gemeinschaftsleben so unverwechselbar machten.

Den stimmungsvollen Auftakt zum Ausklang des Jahres bildete das Erntedankfest mit seinem festlichen Gottesdienst, dem bunten Festumzug durch die Straßen und – für die Erwachsenen – dem ausgelassenen Tanzabend im Haus Rheindamm.

Am ersten Sonntag im Oktober war die kleine Kirche St. Laurentius an der Martinistraße festlich herausgeputzt. Als Symbole guter Ernte und tiefer Dankbarkeit standen reich gefüllte Körbe mit Obst und Gemüseschätzen aus den heimischen Gärten liebevoll dekoriert rund um den Altar. Das warme Licht der brennenden Wachskerzen spiegelte sich in den Fenstern, der würzige Duft von Weihrauch erfüllte den Raum und die Orgel stimmte mächtig an. In den vorderen Bankreihen saßen wir Kinder, dahinter die Erwachsenen – die Frauen adrett mit ihren Hüten auf dem Kopf –, während unter der Orgelempore einige Männer in kleinen Gruppen beisammenstanden. Mit dem feierlichen Glockenschlag zogen Pastor Klümpen und seine Messdiener aus der Sakristei ein. Die Gläubigen erhoben sich, schlugen die Gebetbücher auf und folgten andächtig dem Gottesdienst.

Nach der Messe teilte sich die Siedlung auf traditionelle Weise auf: Die Frauen gingen zügig nach Hause und zogen die Sonntagsschürze über, um das Festmahl vorzubereiten – eine dampfende Suppe, einen deftigen Braten mit Gemüse, Kartoffeln und einer leckeren dunklen Soße und als krönenden Abschluss den mit frischer Landmilch gekochten Pudding. Alles wurde festlich auf dem guten Geschirr und der schneeweißen Leinentischdecke serviert. Die Männer hingegen kehrten auf ein Glas Altbier und eine zünftige Skatrunde im Haus Rheindamm ein, wo eifrig gekloppt und diskutiert wurde, während am Nachbartisch die Mitglieder des Fotoclubs ihre nächste Ausstellung planten oder die Teilnahme an einem Wettbewerb vorbereiteten – bis es schließlich Zeit fürs Mittagessen war.

Wir Kinder vergnügten uns derweil in gewohnter Manier beim Spielen auf der Straße oder in den Grünanlagen. Andere erledigten die letzten Feinheiten an ihren Fahrzeugen, die für den großen Nachmittagsumzug geschmückt wurden. Hier wurde noch ein buntes Band aus Krepppapier in die Speichen geflochten, dort noch ein paar späte Blumen befestigt, und überall verteilten wir frisches Grün, Äpfel, Birnen, Kartoffeln, Möhren und Kohlrabi – eben alles, was Feld und Flur im Laufe des Jahres hergegeben hatten.

Am frühen Nachmittag war es endlich so weit. Die Vorfreude unter uns Kindern hatte ihren Höhepunkt erreicht! Auf der Breitbachallee versammelten sich die Mädchen und Jungen – die ganz kleinen wie die großen –, alle mit ihren vielseitig verzierten Rollern und Rädern. Dazu gesellten sich kleine Handwagen, schwere hölzerne Leiterwagen und von den Erwachsenen geschobene Schubkarren. Mitten im bunten Getümmel bezog der Spielmannszug der Eisenbahnsiedlung Aufstellung. Am Straßenrand standen dicht an dicht all jene Bewohner, ihre Verwandten und neugierige Besucher, die nicht mitgingen, sondern einfach nur zuschauen wollten. Aus den geöffneten Fenstern der Häuser lehnten sich Frauen und Männer, winkten dem frohen Treiben zu und sparten nicht mit Applaus.

Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, schritten Vertreter des Kleingartenvereins durch die immer länger und bunter werdende Schlange. Mit geschultem Blick hängten sie an jedes einzelne Fahrzeug ein Pappschild mit einer individuellen Nummer und machten sich eifrig Notizen. Und dann ging es endlich los!

Unter den schwungvollen Klängen des Spielmannszugs setzte sich der Tross langsam in Bewegung. Der Weg führte über die Turmstraße, die Uerdinger Straße und die Henschelstraße, vorbei am Haus Rheindamm, über die Roosstraße und die Lothfeldstraße bis zum Sportplatz, auf dem ansonsten der ESV Hohenbudberg 1910 e.V. Fußball trainierte und seine Spiele austrug. Dort reihten sich alle liebevoll geschmückten Roller, Fahrräder und Wagen nebeneinander auf. Eine Jury nahm noch einmal jedes Detail genau unter die Lupe: Welches Gefährt war am aufwendigsten, welches am originellsten geschmückt? Die schönsten Kreationen wurden schließlich feierlich prämiert und mit einem kleinen Preis belohnt. Sogar ein Foto der Gewinner erschien tags darauf im Lokalteil der Tageszeitungen, der WAZ und der NRZ. Wer es dorthin geschafft hatte, war hinterher verdammt stolz, dass er „in der Zeitung stand“ – so sagte man das damals.

Während der Tag für die Erwachsenen am Abend bei Musik, Bier und Tanz im Saal von Haus Rheindamm ausgelassen ausklang, lagen wir Kinder längst tief in unseren Betten. Wir lauschten vielleicht noch dem fernen Musizieren, bevor uns die Müdigkeit einholte – um im Schlaf neue Kräfte für die Abenteuer des nächsten Tages zu sammeln.

Ausgesperrt und der Schmiss

Im Sommer 1958 – ich war gerade fünf Jahre alt geworden – stand für mich die erste ganz große Reise bevor. Meine Eltern hatten nicht nur einen kleinen Koffer für mich gepackt, sondern auch mein geliebtes Rädchen dabei, als sie mich gemeinsam mit dem Zug zu Oma Anna nach Xanten in die Bahnhofstraße brachten. Zwei ganze Wochen sollte ich bei Oma und ihren beiden jüngsten Kindern, Tante Gertrud und Onkel Gerd, die noch bei ihr wohnten, verbringen. Erst danach stiegen meine Eltern zusammen mit Tante Hannelore und Onkel Hubert voller Vorfreude in den Zug nach Italien, um die Strände von Rimini an der Adria, den Zwergstaat San Marino und schließlich die malerische Riviera zu entdecken. Es war für meine Eltern der allererste gemeinsame Urlaub – und, wie sich später herausstellen sollte, für lange Zeit auch der letzte.

Während meine Eltern im fernen Süden das Dolce Vita spürten, erlebte ich mein ganz eigenes Sommerabenteuer in der Stadt, in der ich wenige Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Morgens saß ich am liebsten im Wohnzimmer in der obersten Etage des Hauses auf dem breiten Fensterbrett. Von dort oben hatte man den perfekten Aussichtsplatz auf das rege Treiben auf der anderen Seite der Bahnhofstraße: die Molkerei.

Es war ein faszinierendes Schauspiel! Mit knatternden Treckern und voll beladenen Anhängern fuhren die Bauern an der Rampe vor. Kanne für Kanne – schwer und aus glänzendem Metall – nahmen sie vom Hänger und stellten sie auf ein langes Laufband. Wie von Geisterhand bewegten sich die Milchkannen hintereinander im Gänsemarsch vorwärts, machten auf dem Band eine kleine Kurve und verschwanden schließlich durch ein kleines Tor in der Gebäudewand. Was drinnen passierte, blieb für mich ein großes, geheimnisvolles Rätsel. Umso erstaunlicher war es, wenn an einer anderen Stelle der Fassade die leeren Kannen auf dieselbe Weise wieder herausgefahren kamen und von den Landwirten auf die Wagen gepoltert wurden. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen, ein stetiges Tuckern der Motoren und ein metallisches Scheppern und Klappern der Kannen erfüllte die Morgenstunden, bis am späten Vormittag auf einmal Ruhe einkehrte.

Nachmittags ging es dann hinaus in die Welt. Tante Gertrud setzte sich auf ihr großes Fahrrad, ich trat auf meinem Rädchen kräftig hinterher, und gemeinsam erkundeten wir die Niederrheinlandschaft. Es ging hinaus in die saftigen Wiesen, vorbei an urigen Kopfweiden, nach Birten zum alten Amphitheater, an das breite Ufer des Rheins, nach Sonsbeck und nach Labbeck auf einen Bauernhof, auf dem eine Freundin von Tante Gertrud lebte und es für mich viel zu entdecken gab: Scheunen, Ställe, Kühe, Schweine, Hühner, Pferde und beeindruckende Landmaschinen.

Unvergesslich und höchst spannend waren für mich die Tage, an denen Oma Anna Waschtag hatte. Wenn bei Oma Waschtag war, dann gab es wirklich nichts anderes als Wäsche. Schon am frühen Morgen wurden die vollgepackten Weidenkörbe aus der obersten Etage Stufe für Stufe hinab in den tiefen Keller getragen. Vielleicht war auch der Korb dabei, in dem ich in meinen ersten Lebenswochen im Erprather Weg gelegen hatte – weggeworfen wurde schließlich so gut wie nichts. In der Mitte der Waschküche thronte eine gewaltige Bottichwaschmaschine. Das Wasser im Kessel wurde mühsam mit Kohle aufgeheizt. Ein im Bottich angebrachtes Holzkreuz, das über einen Keilriemen von einem schnurrenden Elektromotor angetrieben wurde, drehte sich unermüdlich hin und her und hielt die Wäsche im Seifenwasser in Bewegung. Am Rand war eine mechanische Auswringvorrichtung angeklemmt – zwei schwere Rollen, die mit einer Handkurbel gedreht werden mussten, um das Wasser aus den Stoffen zu pressen.

Hier gab es keine Knöpfe für Schon- oder Feinwaschgang, fürs Schleudern oder Abpumpen! Das Wasser wurde mit einem Schlauch eingefüllt, Kernseife dazugegeben und stark verschmutzte Teile vorab auf dem hölzernen Waschbrett geschrubbt. Nach dem Anzünden von Papier, Holz und Kohle im Ofen hieß es warten, bis das Wasser kochend heiß war. Sobald der Elektromotor eingeschaltet wurde, begann das eigentliche Waschprogramm mit rhythmisch schlagenden Geräuschen, während der weiße Schaum im Bottich langsam nach oben stieg.

Wenn die schwere, nasse Wäsche schließlich durch die Wringrollen gedreht war, wanderte sie zurück in die Körbe. Dann folgte der beschwerlichste Teil: Mühsam trug Oma die Körbe über zahllose Treppenstufen ganz nach oben auf den Dachboden, wo jedes Stück auf den Leinen zwischen den mächtigen Dachbalken und unter den heißen Dachziegeln aufgehängt wurde. Und kaum war das erledigt, ging es mit dem nächsten Korb wieder hinunter in den Keller. Solch eine Plackerei hatte ich zu Hause noch nie gesehen, und ich war heilfroh, dass meine Mutter im zentralen Waschhaus der Eisenbahnsiedlung nicht ganz so schwer schuften musste. Aber Oma Anna kannte es eben nicht anders und verlor kein einziges Wort des Klagens darüber.

Dann kam jedoch ein Tag, der für immer in unsere Familiengeschichte eingehen sollte. Ich war allein im Wohnzimmer zurückgeblieben, saß auf der Fensterbank und schaute den Treckern an der Molkerei zu, während Oma Anna und Tante Gertrud oben auf dem Speicher die getrocknete Wäsche abnahmen. Auf dem Tisch entdeckte ich das kleine Reh aus Ton – ein niedliches Bambi, das Onkel Gerd seiner Mutter geschenkt hatte und das von Oma wie ein Schatz gehütet wurde.

Für mich war das die perfekte Gelegenheit, mich in einem völlig neuen Handwerk auszuprobieren. Busfahrer konnte ich ja schließlich schon! Ich beschloss spontan, Steinmetz zu werden. Entschlossen griff ich mir mein Rädchen, drehte es mitten im Raum auf den Kopf, sodass die Räder in die Luft ragten, und nahm das Ton-Bambi in die Hand. Mit der einen Hand kurbelte ich die Pedale kräftig an. Das Hinterrad drehte sich folgsam wie ein echter Schleifstein – und voller Eifer hielt ich ein Bein des kleinen Rehs an die rotierende Gummidecke.

Der Erfolg stellte sich augenblicklich ein – allerdings völlig ohne Rücksicht auf meine handwerklichen Ambitionen oder das arme Reh: Knack! Das Beinchen war glatt abgetrennt.

Am liebsten wäre ich auf der Stelle davongelaufen. Aber wohin? In meiner Not entschied ich mich für eine andere Lösung: Schnell versteckte ich das verletzte Rehkitz hinter der schweren Übergardine auf dem Boden, stellte mein Rädchen unauffällig wieder auf die Reifen und schloss aus lauter Panik vor der wohlverdienten Tracht Prügel die Wohnungstür von innen zu. Den Schlüssel drehte ich einmal fest um – sicher war sicher!

Wenige Minuten später hörte ich Schritte im Treppenhaus. Durch die dicke Milchglasscheibe der Wohnungstür konnte ich die Umrisse von Oma und Tante Gertrud genau erkennen. Es folgte eine kurze Stille, dann das Klappern der Klinke und ein Klopfen. „Franz-Georg?“, rief es durch das Holz. Schon an der Wortwahl spürte ich den Ernst der Lage – kein liebevolles „lieber Jung“ weit und breit. Pause. Wieder Klopfen: „Franz-Georg, mach bitte auf!“, Lautes Klopfen: „Franz-Georg, mach sofort auf!“

Ich verharrte mäuschenstill im Flur. Mir wurde von Sekunde zu Sekunde mulmiger zumute. Als die Aufforderungen draußen immer strenger klangen, nahm ich schließlich all meinen Mut zusammen und versuchte, den Schlüssel wieder zurückzudrehen. Aber meinen aufgeregten Kinderhänden gelang das nicht, das Schloss hakte, die Tür ging nicht auf! Verzweiflung machte sich in mir breit. Draußen merkte man schnell meine Not, die Stimmen wurden behutsamer und erklärten mir geduldig, in welche Richtung ich den Schlüssel drehen musste. Mit einem erlösenden Klack sprang die Tür endlich auf. Durchatmen! … Was dann folgte, als das dreibeinige Bambi entdeckt wurde, erspare ich mir an dieser Stelle lieber zu erzählen.

Die zwei Wochen vergingen trotz allem wie im Flug. Schließlich bogen meine Eltern wieder in die Bahnhofstraße ein – erholt, tiefbraun gebrannt und voller Geschichten über Italien. Sie schlossen mich überglücklich in die Arme, und auch ich war selig, meine Eltern wiederzuhaben. Als Mitbringsel überreichten sie mir eine kleine, glänzende Trompete aus goldenem Kunststoff.

Während Oma Anna und Tante Gertrud bei einer Tasse Kaffee ausführlich von ihrem „lieben Jung“ und den Erlebnissen der letzten zwei Wochen berichteten, musste ich dringend auf die Toilette. Dort angekommen, fiel mein Blick auf die Ablage über dem Waschbecken, wo Onkel Gerds Rasierzeug lag: die Seifendose, der weiche Rasierpinsel und das blitzblanke, zusammengeklappte Rasiermesser.

Mutig und ganz als Mann von Welt beschloss ich spontan, es den Großen gleichzutun. Ich griff nach der Rasierseife, hielt sie unter den Wasserhahn, schäumte sie mit dem Pinsel kräftig auf und verteilte den dichten, weißen Schaum großzügig über meine Wangen. Im Spiegel konnte ich mich kaum sehen – er hing viel zu hoch, sodass nur meine Haarspitzen drüberragten. Doch das hielt mich nicht ab. Entschlossen klappte ich das Rasiermesser auf und schabte den Schaum mitsamt meinem gar nicht vorhandenen Bart ab. Kurz das Gesicht mit kaltem Wasser abgespült, mit dem Handtuch trocken getupft – und stolz wie ein König marschierte ich als frisch rasierter Mann zurück ins Wohnzimmer.

Statt Anerkennung schlug mir jedoch augenblicklich entsetztes Kreischen entgegen! Mutter schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, Oma rief nach einem Tuch. Ich wusste überhaupt nicht, woher diese plötzliche Aufregung kam – bis ich spürte, wie mir etwas Warmes über die Wange lief. Ich hatte mich mit der scharfen Klinge auf der rechten Seite geschnitten. Ein langer, roter Schnitt zog sich quer über meine Wange – ein echter Schmiss, den man übrigens bis heute sehen kann, wenn man ganz genau hinschaut!

Das Blut lief herunter, aber gemerkt hatte ich rein gar nichts. Denn Schmerzen schüchterten mich nicht ein – Indianer kennen schließlich keinen Schmerz. So war er eben, der liebe Jung: wie er leibt und lebt!