Ostermontag 1953

Wäre der Zug an diesem Tag nur fünf Minuten später angekommen, hätte mein Vater meinen ersten Atemzug vermutlich verpasst und mich erst kennengelernt, als ich schon sauber gewaschen auf dem Küchentisch lag. Doch das Schicksal hielt sich an den Fahrplan.

Es gibt Tage, die beginnen so still, als würde die Welt kurz den Atem anhalten, bevor sie sich für immer dreht. Der Ostermontag des Jahres 1953 war für eine kleine, junge Familie in Xanten so ein Tag. Es war der 6. April, der Winter lag in den letzten Zügen, und über der Landschaft schwebte die kühle, feuchte Verheißung des nahenden Frühlings.

Der Morgen war noch jung und die Straßen lagen vollkommen verlassen da, als der schwere Takt der Schienen die Stille durchschnitt. Der Zug aus Kleve – der gute alte Hippeland-Express – schnaufte in den Bahnhof ein. Mit einem lauten Zischen der Bremsen entließ er die wenigen Passagiere in den erwachenden Feiertag. Unter ihnen war ein junger Mann, dessen Schritte fest und rhythmisch auf dem Bahnsteig klangen. Mein Vater.

Er kam gerade von seiner Schicht als angehender Lokführer. Die Müdigkeit der Nacht steckte ihm in den Knochen, doch seine Haltung verriet den Stolz auf seinen Beruf. Er trug seine Dienstkleidung wie eine Rüstung gegen die Kälte des frühen Morgens: einen langen, schweren Wollmantel aus tiefschwarzem Tuch, besetzt mit einer Doppelreihe glänzender Knöpfe, die das spärliche Licht des Tagesanfangs reflektierten. Auf dem Kopf saß akkurat die Schirmmütze. In seiner linken Hand hielt er den treuen Begleiter eines jeden Eisenbahners – die schwere Lederaktentasche, in der die leere Thermoskanne und die Butterbrotdose aus Aluminium leise klapperten. In der rechten Hand hielt er seine Pfeife, an der er in gleichmäßigen Abständen zog. Der süßlich-herbe Tabakrauch mischte sich mit der kalten Morgenluft und zog wie eine kleine Wolke hinter ihm her, während er den Bahnhof verließ und sich auf den Heimweg machte.

Sein Ziel lag ein Stück außerhalb der historischen Stadtmauern, im Erprather Weg, nahe dem Klever Tor und im Schatten der alten Kriemhildmühle. Ein kleines, bescheidenes Haus, in dem das Leben noch eng und einfach war. Mit jedem Schritt, den er dem Backsteingebäude näherkam, beschleunigte sich sein Atem – nicht vor Erschöpfung, sondern vor einer leisen, klopfenden Vorahnung, die ihn schon die ganze Bahnfahrt über begleitet hatte.

Er war fast am Haus angekommen, als die Stille des Ostermorgens jäh durchbrochen wurde. Hoch oben im Dachgiebel öffnete sich mit einem hölzernen Klappern ein kleines Fenster. Eine Frau im weißen Kittel – die Hebamme – lehnte sich weit über die Brüstung, den Blick fest auf den herankommenden Mann im schwarzen Mantel gerichtet. Sie formte die Hände zu einem Trichter und rief laut, mit aller Kraft und ungebremster rheinischer Direktheit in die vorstädtische Verschlafenheit hinein:

„Franz, mach vöran, et es geliek sowiet!“

Mein Vater zuckte unwillkürlich zusammen. Die Worte hallten von den Häuserwänden wider. Ihm kam es in diesem Moment so vor, als wären mit diesem einen Ruf alle geweckt worden und als wüsste nun auf einen Schlag ganz Xanten, was in diesem winzigen Haus unmittelbar bevorstand. Die Vögel in den Hecken schwiegen für einen Herzschlag, und die Zeit schien einzufrieren. Franz wartete nicht lange. Er klopfte die Pfeife aus, steckte sie weg, nahm die Aktentasche fest in den Griff und stürmte die Stufen hinauf ins Dachgeschoss.

Viel Platz war dort oben nicht. Die Wohnung war eng, die Decken niedrig und die Dachschrägen drückten gemütlich, aber unerbittlich in den Raum. Es gab keinen Luxus, keinen Kreißsaal, keine sterile Atmosphäre. Das große Wunder des Lebens suchte sich den bodenständigsten Ort aus, den man sich vorstellen konnte: die kleine Küche. Zwischen dem Küchentisch, dem Geruch von Kernseife und dem leisen Knistern des Herdes kam Bewegung in die Enge. Hier, wo sonst das tägliche Brot geschnitten und der Kaffee aufgesetzt wurde, lag meine Mutter in den Wehen.

Und dann, mitten in dieser schmalen Küche außerhalb der Stadtmauer, geschah es. Ein erster, lauter Schrei durchschnitt das Gemurmel der Erwachsenen und vertrieb die Müdigkeit endgültig aus den Knochen des jungen Lokführers. Es war exakt 06.50 Uhr. Genau jene frühe Morgenzeit, zu der meine Mutter mir später im Leben verlässlich zu jedem Geburtstag gratulieren sollte.

Ich war da. Geboren in Xanten, Erprather Weg, Dachgeschoss, mitten in der Küche an einem Ostermontag. Der liebe Jung hatte das Licht der Welt erblickt.