Bunte Räder an Erntedank

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und die Ernte war eingeholt. Auf den Feldern der Bauern rund um die Siedlung sowie in den akkurat abgesteckten Parzellen der Schrebergärten war Ruhe eingekehrt. Die Blätter an den Bäumen verloren langsam ihr saftiges Grün und verfärbten sich nach und nach in allen erdenklichen Tönen von leuchtendem Gelb über warmes Rot bis hin zu tiefem Dunkelbraun, bevor sie sich von den Zweigen lösten und sanft auf die Straßen segelten. Die Breitbachallee war ein einziges Meer aus braunen Kastanienblättern. Herbstwind trieb dichte Wolken über das flache Land. Es war die Zeit, in der wir Kinder mit unseren selbst gebauten Drachen aus dünnen Holzleisten vom Schreiner und buntem Transparentpapier, an langen Leinen gehalten, oben auf dem Damm im Wind spielten.

Auf dem Bahngelände herrschte wie immer reger Betrieb. Nur sonntags kehrte verlässlich Stillstand ein: Die gewaltigen Dampflokomotiven gönnten sich eine wohlverdiente Atempause und schnauften leise vor sich hin. Auch der Vater hatte frei. Mit zügigen Schritten ging die Eisenbahnsiedlung auch in diesem Jahr dem Winter entgegen – begleitet von den traditionellen Festen, die das Gemeinschaftsleben so unverwechselbar machten.

Den stimmungsvollen Auftakt zum Ausklang des Jahres bildete das Erntedankfest mit seinem festlichen Gottesdienst, dem bunten Festumzug durch die Straßen und – für die Erwachsenen – dem ausgelassenen Tanzabend im Haus Rheindamm.

Am ersten Sonntag im Oktober war die kleine Kirche St. Laurentius an der Martinistraße festlich herausgeputzt. Als Symbole guter Ernte und tiefer Dankbarkeit standen reich gefüllte Körbe mit Obst und Gemüseschätzen aus den heimischen Gärten liebevoll dekoriert rund um den Altar. Das warme Licht der brennenden Wachskerzen spiegelte sich in den Fenstern, der würzige Duft von Weihrauch erfüllte den Raum und die Orgel stimmte mächtig an. In den vorderen Bankreihen saßen wir Kinder, dahinter die Erwachsenen – die Frauen adrett mit ihren Hüten auf dem Kopf –, während unter der Orgelempore einige Männer in kleinen Gruppen beisammenstanden. Mit dem feierlichen Glockenschlag zogen Pastor Klümpen und seine Messdiener aus der Sakristei ein. Die Gläubigen erhoben sich, schlugen die Gebetbücher auf und folgten andächtig dem Gottesdienst.

Nach der Messe teilte sich die Siedlung auf traditionelle Weise auf: Die Frauen gingen zügig nach Hause und zogen die Sonntagsschürze über, um das Festmahl vorzubereiten – eine dampfende Suppe, einen deftigen Braten mit Gemüse, Kartoffeln und einer leckeren dunklen Soße und als krönenden Abschluss den mit frischer Landmilch gekochten Pudding. Alles wurde festlich auf dem guten Geschirr und der schneeweißen Leinentischdecke serviert. Die Männer hingegen kehrten auf ein Glas Altbier und eine zünftige Skatrunde im Haus Rheindamm ein, wo eifrig gekloppt und diskutiert wurde, während am Nachbartisch die Mitglieder des Fotoclubs ihre nächste Ausstellung planten oder die Teilnahme an einem Wettbewerb vorbereiteten – bis es schließlich Zeit fürs Mittagessen war.

Wir Kinder vergnügten uns derweil in gewohnter Manier beim Spielen auf der Straße oder in den Grünanlagen. Andere erledigten die letzten Feinheiten an ihren Fahrzeugen, die für den großen Nachmittagsumzug geschmückt wurden. Hier wurde noch ein buntes Band aus Krepppapier in die Speichen geflochten, dort noch ein paar späte Blumen befestigt, und überall verteilten wir frisches Grün, Äpfel, Birnen, Kartoffeln, Möhren und Kohlrabi – eben alles, was Feld und Flur im Laufe des Jahres hergegeben hatten.

Am frühen Nachmittag war es endlich so weit. Die Vorfreude unter uns Kindern hatte ihren Höhepunkt erreicht! Auf der Breitbachallee versammelten sich die Mädchen und Jungen – die ganz kleinen wie die großen –, alle mit ihren vielseitig verzierten Rollern und Rädern. Dazu gesellten sich kleine Handwagen, schwere hölzerne Leiterwagen und von den Erwachsenen geschobene Schubkarren. Mitten im bunten Getümmel bezog der Spielmannszug der Eisenbahnsiedlung Aufstellung. Am Straßenrand standen dicht an dicht all jene Bewohner, ihre Verwandten und neugierige Besucher, die nicht mitgingen, sondern einfach nur zuschauen wollten. Aus den geöffneten Fenstern der Häuser lehnten sich Frauen und Männer, winkten dem frohen Treiben zu und sparten nicht mit Applaus.

Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, schritten Vertreter des Kleingartenvereins durch die immer länger und bunter werdende Schlange. Mit geschultem Blick hängten sie an jedes einzelne Fahrzeug ein Pappschild mit einer individuellen Nummer und machten sich eifrig Notizen. Und dann ging es endlich los!

Unter den schwungvollen Klängen des Spielmannszugs setzte sich der Tross langsam in Bewegung. Der Weg führte über die Turmstraße, die Uerdinger Straße und die Henschelstraße, vorbei am Haus Rheindamm, über die Roosstraße und die Lothfeldstraße bis zum Sportplatz, auf dem ansonsten der ESV Hohenbudberg 1910 e.V. Fußball trainierte und seine Spiele austrug. Dort reihten sich alle liebevoll geschmückten Roller, Fahrräder und Wagen nebeneinander auf. Eine Jury nahm noch einmal jedes Detail genau unter die Lupe: Welches Gefährt war am aufwendigsten, welches am originellsten geschmückt? Die schönsten Kreationen wurden schließlich feierlich prämiert und mit einem kleinen Preis belohnt. Sogar ein Foto der Gewinner erschien tags darauf im Lokalteil der Tageszeitungen, der WAZ und der NRZ. Wer es dorthin geschafft hatte, war hinterher verdammt stolz, dass er „in der Zeitung stand“ – so sagte man das damals.

Während der Tag für die Erwachsenen am Abend bei Musik, Bier und Tanz im Saal von Haus Rheindamm ausgelassen ausklang, lagen wir Kinder längst tief in unseren Betten. Wir lauschten vielleicht noch dem fernen Musizieren, bevor uns die Müdigkeit einholte – um im Schlaf neue Kräfte für die Abenteuer des nächsten Tages zu sammeln.