St. Martin und das Licht der Laternen

Die Tage wurden spürbar kürzer, die Dämmerung kroch nun jeden Nachmittag ein Stück früher über die Dächer der Eisenbahnsiedlung, und mit strammen Schritten gingen wir auf die Weihnachtszeit zu. In den kleinen Schaufenstern der Geschäfte tauchten nach und nach die ersten festlichen Süßigkeiten auf. Ein ganz besonderer Zauber ging jedoch von den Spielwarengeschäften aus: Bei Hembach in Rheinhausen, bei Roskothen in Duisburg, Sonnen in Krefeld und Nibbeling in Uerdingen wurden die aufwendigen Welten der Kinderwünsche aufgebaut. Da sahen wir mit glänzenden Augen die prachtvollen Modelleisenbahnen von Märklin und Trix ihre Runden drehen, für die Mädchen gab es liebevoll eingerichtete Puppenstuben und Kaufläden zu bewundern, und überall lächelten uns die kuscheligen Steiff-Tiere entgegen – allen voran Mecki und der klassische Teddybär mit dem Knopf im Ohr, ohne den als treuen Begleiter ein Kinderleben wohl kaum denkbar war.

Der 30. Oktober war damals noch ein ganz normaler Herbsttag. Von Kürbissen, Geistern und Halloween hatte im Rheinland noch niemand etwas gehört – höchstens wusste man dunkel aus Erzählungen, dass es drüben im fernen Amerika so etwas geben sollte, genau wie all die anderen neuartigen Dinge, die es bei uns noch nicht gab. Für uns Kinder drehte sich in diesen Tagen nämlich alles nur um ein einziges großes Ereignis: Sankt Martin und die aufregenden Vorbereitungen darauf.

Schon Wochen vorher begann im Kindergarten das große Basteln. Unter fachkundiger Anleitung von Tante Henni entstanden aus schwarzem Tonkarton, buntem Transparentpapier, etwas Draht und einem kleinen Kerzenhalter aus Blech wunderschöne Laternen. Als stabiles Fundament für die runde Form diente die Schachtel von einer Schmelzkäsepackung. In den Karton wurden sorgfältig Motive geschnitten und von innen mit farbigem Papier beklebt. Je älter die Kinder wurden, desto aufwendiger und filigraner wurden die Kunstwerke. Begnügten wir uns im Kindergarten noch mit einfachen Kreisen, Dreiecken und Vierecken, folgten in den späteren Jahren Motive von Äpfeln, Birnen und Kirschen, bis wir schließlich den heiligen Sankt Martin auf seinem stolzen Pferd, den armen Bettler am Feuer und das scharf geschliffene Schwert ausschneiden konnten. Wenn dann im Dunkeln die kleine Wachskerze im Inneren entzündet wurde und das bunte Papier zum Leuchten brachte, entstand eine unvergleichliche, warme und feierliche Stimmung, die genau zu diesem Fest passte.

Und dann war er endlich da: der 11. November, der Tag des heiligen Sankt Martin!

Auf dem Schulhof der katholischen Volksschule an der Martinistraße formierte sich der große Zug. Wir Kindergartenkinder warteten aufgeregt vor der Kirche St. Laurentius, bis die Schulkinder an uns vorbeizogen. Ganz an der Spitze ritt Sankt Martin selbst – ein stolzer Römer im leuchtend roten Ornat, mit schimmerndem goldenem Helm und dem Schwert an der Seite, hoch zu Ross auf einem prächtigen Schimmel. Flankiert und geschützt wurde er von zwei Herolden auf edlen, dunklen Rappen. Direkt dahinter folgte die Magd mit einem hölzernen Leiterwagen. Darauf stand ein Käfig mit zwei lebenden Gänsen, die neugierig herausblinzelten, aufgeregt schnatterten und so ein ganz natürlicher Teil des Zuges waren.

Genau hinter den Gänsen reihten wir uns Kindergartenkinder mit Tante Henni ein – fein geordnet, immer vier oder fünf Kinder in einer Reihe, die leuchtenden Laternen voller Stolz und mit festem Griff in den Händen. Dahinter marschierte der Spielmannszug, sodass wir von den älteren Schülern der vier Volksschulklassen kaum noch etwas sahen.

Der Spielmannszug stimmte ohne Pause ein Martinslied nach dem anderen an: „Sankt Martin, Sankt Martin…“, „Ich geh mit meiner Laterne…“ oder „Durch die Straßen auf und nieder…“. Wir alle sangen mit hellen, frohen Stimmen aus vollem Herzen mit, während sich der leuchtende Wurm langsam durch die Dunkelheit schlängelte. Eltern, Großeltern und Verwandte waren nicht Teil des Zuges – es war ein reines Fest für uns Kinder. Erwachsene spielten kaum eine Rolle, außer sie spielten im Spielmannszug mit oder begleiteten uns seitlich am Straßenrand mit brennenden Pechfackeln in den Händen, was wir Jungen stets mit ehrfürchtiger Neugier beäugten.

Nach einer großen Runde durch fast alle dunklen Straßen der Eisenbahnsiedlung, vorbei an den Häusern, deren Fenster liebevoll mit bunten Laternen und transparenten Bildern geschmückt waren, erreichten wir schließlich wieder den Schulhof unter den alten Kastanienbäumen. Sankt Martin und seine Herolde ritten voran und blieben mitten auf dem Platz etwas abgesetzt stehen. Alle folgten: der Spielmannszug, wir Kindergartenkinder, die vier Schulklassen und ganz außen der breite Kreis der Erwachsenen.

Im grellen Gegenlicht des flackernden Martinsfeuers erblickten wir plötzlich die Schattenrisse einer Gestalt. Nur mit einem spärlichen Fell bekleidet kniete ein Mann im kalten Wind, an den nackten Füßen nur einfache Lederschnüre als Sandalen. Er hielt die gefalteten Hände flehend zu Sankt Martin empor: „Bitte, b-bitte, heiliger Mann … so hilf mir doch in meiner Not!“

Die Musiker schwiegen augenblicklich. Es war mäuschenstill auf dem Hof, nur das Knistern des Feuers war zu hören und ein paar Funken stiegen in den Nachthimmel auf. Entschlossen griff Sankt Martin nach seinem Schwert, zog es spitz klingend aus der Scheide, spannte seinen prachtvollen roten Umhang auf und teilte ihn mit einem einzigen kräftigen Hieb. Er reichte die eine Hälfte dem frierenden Bettler: „Hier, nimm! Damit kannst du dich wärmen.“

Kaum hatte der arme Mann sich dankend verneigt und den warmen Stoff um seine Schultern gelegt, setzte der Spielmannszug wieder ein und alle – Kinder wie Erwachsene – stimmten gemeinsam in das große Lied ein:

„Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind. Sankt Martin ritt mit leichtem Mut, sein Mantel hielt ihn warm und gut.

Im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an. O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der kalte Tod mein Lot! Sankt Martin zog die Zügel an, sein Ross stand still beim armen Mann.

Sankt Martin mit dem Schwerte teilt den warmen Mantel unverweilt. Sankt Martin gab den halben Teil, der arme Mann wollt’ ihm kein Heil. Sankt Martin aber ritt in Eil’ hinweg mit seinem Mantelteil.“

Es dauerte einen Moment, bis wir Kinder, zutiefst berührt von diesem Schauspiel, wieder den Blick für das Drumherum fanden. Die jüngeren Schulkinder wurden von ihren Eltern an die Hand genommen und gingen nach und nach in das Schulgebäude, um sich dort ihre begehrten Martinstüten abzuholen. Die älteren strümten allein in die Schule.

Für uns Kindergartenkinder ging die Aufregung jedoch erst jetzt so richtig los: Wir zogen nicht in die Schule, sondern machten uns gemeinsam auf den Weg zurück in unseren Kindergarten. Dort warteten wir voller Vorfreude und mit Klopfendem Herzen, bis uns der heilige Sankt Martin höchstpersönlich besuchte. Er schritt würdevoll durch die Tür, trat an jedes einzelne Kind heran und überreichte uns unsere Tüte mit dem duftenden Weckmann, einem knackigen Apfel, einer Mandarine, drei Aachener Printen und ein paar knusprigen Spekulatius. Wenn er einem dann sanft mit seinen feinen Handschuhen über den Kopf streichelte, war das ein erhabener Augenblick. Zum Dank stimmten wir alle gemeinsam noch einmal aus vollem Herzen das Lied an: „Sankt Martin, Sankt Martin…“

Müde, aber unendlich glücklich stapften wir Schützlinge schließlich mit unseren Eltern nach Hause. Währenddessen zogen die größeren Kinder noch von Tür zu Tür, um zu „singen“. Sie trugen an den Haustüren voller Erwartung auf Süßigkeiten ihre Lieder vor, und so hallte noch bis spät in die Nacht hinein immer wieder die altbekannte Zeile durch die Straßen der Siedlung: „Hier wohnt ein reicher Mann, der uns was geben kann. Lass uns nicht so lange stehn, denn wir wollen weitergehn…“

Reich an Geld waren die Menschen in der Eisenbahnsiedlung nicht. Aber sie waren unendlich reich an Hoffnung, an Kraft, Mut, festem Zusammenhalt, einer tiefen Liebe zu ihren Kindern und einem einfachen, ehrlichen, christlichen Glauben.

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