Ein Fest kündigt sich an

Die Wochen nach meiner Geburt vergehen wie im Flug, und ehe wir uns versahen, wich das kühle Aprilwetter den ersten echten Frühlingstagen des Jahres 1953. Im „Taubenschlag“ unterm Dach hatte sich inzwischen eine gewisse Routine eingespielt, doch die friedliche Ruhe war nur von kurzer Dauer. Ein neues Großereignis brachte die Familie in helle Aufregung: Die Taufe stand an. Als Schauplatz für diesen feierlichen Einzug in die Kirchengemeinschaft hatte man sich keinen geringeren Ort ausgesucht als den altehrwürdig aufragenden Xantener Dom St. Viktor, in dem meine Eltern auch geheiratet hatten.

Die Vorbereitungen glichen einer logistischen Meisterleistung, die natürlich eng auf den unerbittlichen Dienstplan meines Vaters bei der Bundesbahn abgestimmt werden musste. Zwischen Schichten auf der Lokomotive und den spärlichen freien Tagen wurden Einladungen ausgesprochen, Patenschaften verhandelt und die Festkleidung inspiziert. Das Taufkleid selbst war ein kostbares Familienerbstück aus hauchdünner, weißer Baumwolle, über und über mit feiner Spitze besetzt, das schon Generationen vor mir getragen hatten. Die Mutter verbrachte die Abende im fahlen Schein der Stehlampe damit, letzte lose Fäden zu vernähen und das Kleidchen mit dem schweren Bügeleisen peinlich genau zu entkräuseln, während der Vater versuchte, für den großen Sonntag einen verlässlichen Kollegen für den Tausch seiner Schicht im fernen Kleve zu finden.

Neben all den organisatorischen Planungen beherrschten jedoch vor allem die intensiven Gespräche über den Namen des Kindes die Abende am Küchentisch. Wie es damals allgemein üblich war, sollte der Junge natürlich den Vornamen des Vaters tragen. Daraus ergaben sich als Basis bereits die Namen Franz Georg – beides stolze Namen, die wiederum auf den Urgroßvater und einen Urgroßonkel zurückgingen. Doch damit nicht genug: Für die väterliche Linie war zusätzlich der Vorname meines Opas gewünscht, also Friedrich. Und um der familiären Ausgewogenheit Genüge zu tun, durfte natürlich auch der Großvater mütterlicherseits nicht zu kurz kommen, weshalb noch ein Wilhelm angehängt wurde.

Im Ergebnis stand somit eine Namenskombination fest, die in späteren Jahrzehnten noch jedes bürokratische Formular an seine absoluten Grenzen bringen sollte: Franz Georg Friedrich Wilhelm. Gefragt hat mich bei dieser ganzen, generationenübergreifenden Diskussion im Vorfeld übrigens keiner – aber ich hätte ja ohnehin nicht mit Worten, sondern höchstens mit lautstarkem Schreien antworten können.

Auch für das leibliche Wohl bei der anschließenden Feier unterm Dach wurde bereits Tage vorher emsig gesorgt, denn eine Taufe ohne ordentliches Kaffeetrinken war am Niederrhein undenkbar. In der kleinen Küche wurde ein einfacher Tortenboden gebacken und üppig mit tiefroten Schattenmorellen aus dem Einmachglas belegt. Luxuriöser Bohnenkaffee war damals noch Mangelware, weshalb in der großen Kanne ein ehrlicher, dampfender Muckefuck aufgebrüht werden sollte, der mit seiner malzigen Note wunderbar zum süß-sauren Kuchen passte. Für die Erwachsenen stand außerdem schon ein Fläschchen selbstgemachter Aufgesetzter bereit – der niederrheinische Beez aus Beeren des vergangenen Sommers, der den festlichen Tag gebührend abrunden sollte.

Am Vorabend des großen Tages war schließlich alles bereit und die Namensliste besiegelt. Unser treuer Korbwagen aus Peddigrohr war auf Hochglanz poliert worden und stand abfahrbereit im engen Hausflur, die Decke mit dem Rüschenrand sauber umgeschlagen. Alles war durchgeplant, jede Eventualität bedacht. Nun hing alles nur noch daran, dass die Verwandtschaft und vor allem meine Taufpaten am nächsten Tag rechtzeitig den Weg zum Dom finden würde.

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