Ein Fest kündigt sich an

Als Schauplatz für meinen feierlichen Einzug in die Kirchengemeinschaft hatte man sich keinen geringeren Ort ausgesucht als den altehrwürdig aufragenden Xantener Dom St. Viktor – jene gewaltige Kulisse, in der sich meine Eltern schon das Ja-Wort gegeben hatten.

Die Vorbereitungen für diesen Tag glichen allerdings einer logistischen Meisterleistung. Alles musste streng auf den unerbittlichen Schichtdienst meines Vaters bei der Bundesbahn abgestimmt werden. Zwischen seinen Fahrten auf der Dampflokomotive und den spärlichen freien Tagen wurden Einladungen ausgesprochen, Patenschaften verhandelt und die Festkleidung inspiziert.

Das Taufkleid selbst war ein kostbares Familienerbstück aus hauchdünner, weißer Baumwolle, über und über mit feiner Spitze besetzt, das schon Generationen vor mir getragen hatten. Die Mutter verbrachte die Abende im fahlen Schein der Stehlampe damit, letzte lose Fäden zu vernähen und das Kleidchen mit dem schweren Bügeleisen peinlich genau zu entkräuseln, während der Vater versuchte, für den großen Sonntag einen verlässlichen Kollegen für den Tausch seiner Schicht im fernen Kleve zu finden.

Neben all den organisatorischen Planungen beherrschten jedoch vor allem die intensiven Gespräche über den Namen des Kindes die Abende am Küchentisch. Wie es damals allgemein üblich war, sollte der Junge natürlich den Vornamen des Vaters tragen. Daraus ergaben sich als Basis bereits die Namen Franz Georg – beides stolze Namen, die wiederum auf den Urgroßvater und einen Urgroßonkel zurückgingen. Doch damit nicht genug: Für die väterliche Linie war zusätzlich der Vorname meines Opas gewünscht, also Friedrich. Und um der familiären Ausgewogenheit Genüge zu tun, durfte natürlich auch der Großvater mütterlicherseits nicht zu kurz kommen, weshalb noch ein Wilhelm angehängt wurde.

Im Ergebnis stand somit eine Namenskombination fest, die in späteren Jahrzehnten noch jedes bürokratische Formular an seine absoluten Grenzen bringen sollte: Franz Georg Friedrich Wilhelm. Gefragt hat mich bei dieser ganzen, generationenübergreifenden Diskussion im Vorfeld übrigens keiner – aber ich hätte ja ohnehin nicht mit Worten, sondern höchstens mit lautstarkem Schreien antworten können.

Auch für das leibliche Wohl bei der anschließenden Feier unterm Dach wurde bereits Tage vorher emsig gesorgt, denn eine Taufe ohne ordentliches Kaffeetrinken war am Niederrhein undenkbar. In der kleinen Küche wurde ein einfacher Tortenboden gebacken und üppig mit tiefroten Schattenmorellen aus dem Einmachglas belegt. Luxuriöser Bohnenkaffee war damals noch Mangelware, weshalb in der großen Kanne ein ehrlicher, dampfender Muckefuck aufgebrüht werden sollte, der mit seiner malzigen Note wunderbar zum süß-sauren Kuchen passte. Für die Erwachsenen stand außerdem schon ein Fläschchen selbstgemachter Aufgesetzter bereit – der niederrheinische Beez aus Beeren des vergangenen Sommers, der den festlichen Tag gebührend abrunden sollte.

Am Vorabend des großen Tages war schließlich alles bereit und die Namensliste besiegelt. Unser treuer Korbwagen aus Peddigrohr war auf Hochglanz poliert worden und stand abfahrbereit im engen Hausflur, die Decke mit dem Rüschenrand sauber umgeschlagen. Alles war durchgeplant, jede Eventualität bedacht. Nun hing alles nur noch daran, dass meine Taufpaten und die weitere Verwandtschaft am nächsten Tag rechtzeitig den Weg zum Dom finden würden.