Unser Etappenziel in Moers hatten wir pünktlich erreicht und warteten dort nun auf die Linie 4/5 nach Kamp-Lintfort, die bald kommen sollte. Während ich noch neugierig einen an der Ecke stehenden, weiß gestrichenen Wagen auf vier Rädern – einen Verkaufswagen mit geschlossenen Läden – von oben bis unten untersuchte, um herauszufinden, was sich wohl dahinter verbergen mochte, bog auch schon der O-Bus um die Ecke.
Doch was ich da sah, hatte ich bisher noch nie erlebt: Der Bus zog einen echten, zweiachsigen Anhänger hinter sich her! Sofort stand für mich felsenfest: Es gab nur eine einzige Möglichkeit, unsere Fahrt fortzusetzen – und zwar in diesem Anhänger, ganz vorne in der ersten Reihe, direkt an der Scheibe mit freiem Blick auf die Deichsel und den ziehenden Bus!
Als hätten meine Eltern meine Gedanken von den Augen ablesen können, stiegen wir tatsächlich genau dort ein und nahmen ganz vorne Platz. Augenblicklich fühlte ich mich wie der eigentliche Busfahrer. Ich nahm sogleich eine gewissenhafte Haltung ein, blickte hochkonzentriert nach vorn und bediente mit vollem Körpereinsatz die unsichtbare Technik: Türen schließen, Handbremse lösen, mit dem Fuß kräftig aufs Gaspedal treten, das imaginäre Lenkrad leicht nach links einschlagen und beim Anfahren wieder gerade ziehen. So steuerte ich meine Fahrgäste sicher, vorschriftsmäßig und absolut nach Fahrplan von Haltestelle zu Haltestelle durch mir völlig fremde Straßen und Orte. Vorbei am Königlichen Hof in Moers, durch Utfort und Repelen, bis hin zur Haltestelle am NIAG-Betriebshof in Kamp-Lintfort kurz hinter der Eyllerstraße, in der die Verwandten wohnten, stadtauswärts. Ich platzte beinahe vor Stolz und malte mir in Gedanken schon die Rückfahrt aus.
Onkel Albert und Tante Käthe empfingen uns überaus herzlich. Verlässlich wurde der „liebe Jung“ wieder fest in die Arme genommen und – so zumindest für mein kindliches Empfinden – auf der Wange feucht „abgeleckt“. Als wir anschließend alle nach oben in die Wohnung im ersten Stock des Zweifamilienhauses gingen, kam die Rückseite meiner Hand auf der Wange rasch wieder zum Einsatz.
Die Erwachsenen bewegten sich mit leichten Schritten durch die Räume, nur ich eben nicht. Sogleich erklang aus dem mittleren Vitrinenteil des großen Wohnzimmerschranks ein leises, feines Klirren wie die Ouvertüre zu einer großen Oper. Dort, wo die dünnen Wein-, Likör- und Biergläser sowie die Schnapspinnchen umrahmt von bunten Hummelfiguren standen, zitterte das Glas bei jedem meiner festen Schritte. Von da an wusste ich Bescheid: In dieser Wohnung tritt man leise auf, sonst lässt der alte Holzbohlenboden alles erzittern, spielt ein ungebetenes Musikstück – und das gäbe Ärger.

In der guten Stube stand mitten im Raum ein großer Tisch mit vier gepolsterten Stühlen, in der Ecke eine gemütliche Stehlampe neben einem kleinen Sofa. Meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich jedoch auf ein kleines Tischchen in der Ecke neben einem Sessel. Wie ich erfuhr, war es ein echter Rauchertisch: rund, mit einer edlen Glasplatte, auf der ein selbstgehäkeltes Deckchen lag. Das runde Glas ruhte auf einem quadratischen Holzunterbau mit kleinen Glasscheiben und einer kleinen Türe, hinter der sich sämtliche Utensilien für den Raucher verbargen – Tabak, Zigarrenkisten, Zigarillos, Weinbrandbohnen, eine Zigarrenzange, ein Kartenspiel und Streichhölzer. Am meisten faszinierte mich jedoch der große, schwere Aschenbecher aus Glas auf dem Häkeldeckchen. Eigentlich ein eher unspannendes Objekt, wurde er durch die ringsum aufgeklebten Banderolen von Zigarren aus fernen Ländern – oder vielleicht doch nur aus dem Kiosk um die Ecke – zu einem echten Kunstwerk. Während die Frauen in der Küchenzeile alles für Kaffee und Kuchen vorbereiteten, erklärte mir Onkel Albert stolz seine kleine Schatztruhe. Er führte mir das Vorbereiten und Anzünden einer Zigarre vor, lehnte sich zurück, zog daran, genoss und formte beim Ausatmen einen perfekten Ring aus Qualm, der durch das Zimmer zog und sich langsam auflöste. Ich war fasziniert.
Wenig später ließen sich die Erwachsenen den frischen Bohnenkaffee und den köstlichen Obstkuchen schmecken – der obligatorische Tortenboden mit selbst geschlagener Sahne. Der alltägliche Muckefuck war für diesen besonderen Tag komplett vergessen.
Nach dem Kaffeeschlabbern ging ich mit Onkel Albert hinaus in den Garten hinter dem Haus. Das war sein Reich, allen voran der mächtige Kirschbaum mit den süßen Kirschen, der im Sommer reichlich Früchte trug. Wir gingen gemeinsam durch die gepflegten Beete, die mit kleinen Buchsbaumhecken eingefasst waren. Er zeigte und erklärte mir alles, was dort so üppig wuchs, pflückte ein paar Liebstöckelblätter, die ich zwischen den Fingern reiben durfte, um daran zu riechen – „Maggi“! Auf unserem Weg durch seinen Garten zog er ganz beiläufig jedes Unkraut aus der Erde, das seinen scharfen Augen auffiel. Im Gartenhäuschen machte er mich mit all seinen Werkzeugen vertraut: dem Spaten, der Harke, der Schuffel, dem Kartoffelhäufler sowie der Rosen- und Heckenschere, während über unseren Köpfen die zum Trocknen aufgehängten Zwiebeln und Kräuter von der Decke baumelten und an einem Nagel sein Hut sowie eine Arbeitsjacke hingen.
Und plötzlich stand sie da: Anneliese. So begrüßte Onkel Albert die Enkeltochter der Familie aus der Parterrewohnung. Sie war in meinem Alter, hatte schwarzes, lockiges Haar, trug eine weiße Strickjacke, einen bunten Rock, weiße Kniestrümpfe und schwarze Riemchenschuhe. Wir sprachen kein einziges Wort miteinander, sondern schauten uns nur verlegen und schüchtern an. Dann kam auch schon der mich erlösende Satz von Onkel Albert: „So, lieber Jung, dann gehen wir mal wieder rauf zu Mama und Tante Käthe!“ Anneliese habe ich danach nie wiedergesehen.
Am späten Nachmittag traten wir schließlich den Heimweg an. Ich hatte ja wieder Dienst im O-Bus für die Rückfahrt nach Moers! Meinen Stammplatz und die unsichtbare Luft-Technik beherrschte ich von der Hinfahrt bereits wie ein Profi, und so steuerte ich unser Gespann gekonnt zurück nach Moers.
Dort angekommen mussten wir wieder umsteigen – und genau in diesem Moment lüftete sich für mich das Geheimnis um den mysteriösen weißen Wagen an der Ecke: Es war eine echte Pommesbude! Frittierte Kartoffelstäbchen waren damals noch eine ganz neuartige Errungenschaft, die gerade erst aus Belgien und den Niederlanden zu uns an den Niederrhein schwappte und die Straßen eroberte. Für mich war dieser Duft nach heißem Fett etwas völlig Neues und ungemein Verlockendes. Die hölzernen Laden des Verkaufswagens waren nun hochgeklappt, das Innere war hell erleuchtet, und hinter der Fritteuse stand eine freundliche Frau, die uns ein einladendes Lächeln schenkte, als wir aus dem Busanhänger stiegen.
„Eine kleine Portion Pommes mit Mayonnaise, bitte!“, bestellte mein Vater. Fünfzig Pfennig kostete das Tütchen Fritten, zehn Pfennig extra der dicke Klecks Mayonnaise oben drauf – sechzig Pfennig für ein kleines kulinarisches Wunderwerk. Nur kurze Zeit später hielt ich zum allerersten Mal in meinem Leben dieses dampfende Papiertütchen in den Händen, mittendrin ein kleiner Holzpicker. Die Fritten waren brühheiß und dampften noch so stark, dass ich kräftig pusten musste. Doch Eile war geboten, denn der O-Bus der Linie 2 zur Weiterfahrt in die Eisenbahnsiedlung konnte jeden Augenblick kommen. Und er war – wie immer – pünktlich.
Mit Essen im Bus mitzufahren, das gehörte sich nicht und wäre schlichtweg schlechtes Benehmen gewesen. So wurden die letzten heißen Fritten schnell noch auf dem Bürgersteig gekaut, das leere Tütchen samt Picker landete im Mülleimer neben der Bude, und die Mayonnaisereste an meinen Fingern leckte ich mir genüsslich ab. Köstlich! Dann zischten die Türen des Busses auf, wir stiegen ein und fuhren zufrieden nach Hause.