Tante Käthes Kuss und die erste große Reise

Obwohl man dem Niederrheiner nachsagt, er sei eher wortkarg und nicht besonders gesprächig, hatte sich die Kunde vom Besuch Oma Annas bei ihrer ältesten Tochter, dem Schwiegersohn und dem „lieben Jung“ auf geheimnisvolle Weise wie ein Lauffeuer in der Verwandtschaft herumgesprochen. So dauerte es nicht lange, bis sich der nächste Besuch ankündigte: Tante Käthe, Omas Schwester, und ihr Mann Onkel Albert.

Sie kamen mitten in der Woche aus Kamp-Lintfort zu uns. Auch sie hatten die Reise quer durch den Niederrhein bis in die Eisenbahnsiedlung mit schwerem Gepäck angetreten: Mehrere prall gefüllte Taschen brachten sie mit, vollgepackt mit Einmachgläsern, frischem Gemüse aus dem eigenen Garten, Pflaumen, Mirabellen, hausgemachtem Johannisbeer-Gelee, Saftflaschen und selbst gebackenen Plätzchen. Da die beiden selbst keine eigenen Kinder hatten, ließ Tante Käthe ihre ganze mütterliche Zuneigung an mir aus. Schon bei der Begrüßung wurde ich nicht nur fest in die Arme genommen und gedrückt, sondern bekam obendrauf noch einen saftigen, dicken Kuss auf die Wange verpasst. Ich zog meinen Kopf instinktiv zurück, doch da sich die enge Begegnung nicht vermeiden ließ, wischte ich mir gleich darauf mit dem Handrücken heimlich die feuchte Wange ab.

Onkel Albert verhielt sich dagegen eher unauffällig und ruhig. Er interessierte sich jedoch sehr für meinen Kindergarten. Kurzerhand bot er an, mich für die Nachmittagsstunden dorthin zu bringen. Er verabschiedete mich am kleinen Eingangstörchen, und während ich die Treppenstufen hinunter an den Gärten vorbei zur Tür mit der Klingel des Kindergartens lief, drehte ich mich noch einmal um und winkte ihm zu.

Die Erwachsenen hatten die Zwischenzeit offensichtlich genutzt, um einen Gegenbesuch in Kamp-Lintfort zu verabreden. Und bald darauf war es tatsächlich so weit: Für mich stand die erste wirklich weite Reise meines Lebens an.

An der Breitenbachallee stiegen meine Eltern und ich in den O-Bus der Linie 2 Richtung Neukirchen-Vluyn. Endlich konnte ich das Gefährt, das ich schon so oft von außen bestaunt hatte, nicht nur von innen sehen – ich saß sogar mittendrin! Wir hatten einen Platz direkt hinter dem Busfahrer ergattert. Stolz saß er da in seiner dunkelgrauen Uniform mit dem prächtigen Schriftzug „NIAG“ und der passenden Mütze auf dem Kopf. Ich hatte freien Blick auf all die faszinierende Technik, die er zu bedienen hatte, und auf die Straße, die vor uns lag.

Bevor es losging, kauften meine Eltern die Fahrkarten beim Schaffner. Er trug dieselbe adrette Uniform wie der Fahrer und hatte an einem breiten Ledergurt um den Hals ein ganzes Arsenal an Werkzeugen vor der Brust hängen: einen metallenen Geldwechsler mit verschiedenen Schlitzen, Münzbehältern und Tasten, eine kleine silberne Zange zum Lochen der Fahrscheine und ein Klemmbrett – eine Kladde, auf der die Fahrkarten für die unterschiedlichen Tarife mit dicken Gummibändern gehalten wurden. Am Zeigefinger seiner rechten Hand trug er einen dunkelgrünen, genoppten Gummihut, um das hauchdünne Papier der einzelnen Fahrscheine zielsicher voneinander trennen zu können.

„Zwei Erwachsene und einmal für den Jungen bis Moers, bitte!“, sagte mein Vater. Der Schaffner schaute freundlich über seinen Brillenrand zu mir herunter, blätterte auf seiner Kladde und antwortete schmunzelnd: „Das macht sechzig Pfennig pro Person und dreißig Pfennig für den Nachwuchs – macht zusammen eine Mark fünfzig.“ Ich beobachtete zutiefst fasziniert jeden einzelnen Handgriff, wie er dank seines Fingerhuts die Fahrscheine mühelos griff, mit geübtem Schwung abriss, mit der silbernen Zange spürbar knipste und auf die Tasten seines Wechslers drückte. Mit einem metallischen Klackern fiel das Wechselgeld sonor aus dem Metallgerät direkt in seine Hand. Ich habe mir all diese Details ganz genau gemerkt.

Der Fahrer drückte auf einen kleinen, runden Knopf neben seinem großen Lenkrad, woraufhin sich die Türen mit einem Zischen schlossen. Dann legte er einen Hebel um, trat mit dem Fuß auf ein Pedal und hielt das Lenkrad fest in den Händen. Mit einem leisen, charakteristischen Summen fuhr der Bus fast geräuschlos an.

Die große Fahrt nach Kamp-Lintfort über Friemersheim, Hochemmerich, Homberg, Asberg und Moers hatte begonnen. Mit riesigen, erwartungsvollen Augen schaute ich aus dem Fenster, am Busfahrer vorbei auf all die fremden Orte, die nur so an mir vorbeiflogen und die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Der Fahrer steuerte das mächtige Fahrzeug mit stoischer Ruhe und Gelassenheit über die Straßen, hielt getreulich an den Haltestellen, wo Leute ein- und ausstiegen, und steuerte zielsicher unserem ersten großen Etappenziel entgegen: dem Umsteigepunkt in Moers an der Kreuzung Homberger Straße / Essenberger Straße.

Von dort sollte es mit der Linie 4/5 weitergehen nach Kamp-Lintfort. Und genau an diesem Umsteigepunkt wartete echtes Staunen auf mich…