Das neue Jahr 1959 erwacht

An diesem letzten Tag des Jahres 1958 durfte ich abends etwas länger aufbleiben, aber nur etwas und bereits im Schlafanzug. Abmarschbereit, wie man zu sagen pflegte.

Während ich später selig in meinem Kinderbett schlummerte, feierten meine Eltern Addy und Franz zusammen mit Tante Hannelore und Onkel Hubert in unserem Wohnzimmer den Silvesterabend, um gemeinsam in das neue Jahr 1959 zu rutschen. Der Tisch war festlich und liebevoll dekoriert: Schälchen mit Erdnüssen, Salzstangen und Salzbrezeln standen bereit, dazu gab es appetitlich belegte Schnittchen und knackige Gewürzgürkchen. Tomaten, wie die Vier sie im vergangenen Sommer so gerne in Italien gegessen hatten, gab es nicht, dafür war schließlich nicht die Jahreszeit. Die Damen nippten an einem Gläschen Wein, für die Männer standen zwei, drei Flaschen Bier bereit – kein ganzer Kasten, sondern genau das richtige Maß für einen geselligen Abend im kleinen Kreis. Zum Anstoßen auf das fröhliche „Prost Neujahr!“ wartete ein kühler Sekt, den einer der Vier bei der letzten Tombola im Haus Rheindamm gewonnen hatte.

Es gab weder ein lautes Böllermeer vor der Haustür noch das Flimmern eines Fernsehers. Stattdessen verging die Zeit wie im Flug bei gemütlichen Runden Mau-Mau, getragen von lebhaften Gesprächen. Man schwelgte in Erinnerungen an die vergangenen, gemeinsamen Urlaubstage im fernen, sommerlichen Italien mit seinen Stränden, dem pulsierenden Rimini, dem mittelalterlichen San Marino und der traumhaften Riviera. Die Männer unterhielten sich über den Alltag und den Dienst bei der Eisenbahn. Die Frauen sprachen eifrig über ihre Handarbeiten – über Schnittmuster für die anstehenden Karnevalskostüme, über schöne Stoffe, Wolle fürs Stricken und Häkeln. Und wie es sich für einen Jahreswechsel gehörte, tauschte man Träume aus – vom Glück eines eigenen kleinen Gartens, von modernen elektrischen Haushaltsgeräten, die den Alltag erleichtern sollten, oder gar von einer prachtvollen Musiktruhe mit integriertem Radio, Plattenspieler , einem Zehnplattenwechsler und vielleicht eines Tages sogar einem echten Fernseher.

All das fand im warmen Licht des Leuchters im Wohnzimmer statt, ohne dass die Feiernden ahnen konnten, dass dieses Jahr 1959 draußen in der Welt gewaltige historische Schatten vorauswerfen sollte. In genau jener Silvesternacht eroberten Fidel Castro und seine Rebellentruppen die kubanische Hauptstadt Havanna, während auf der anderen Seite des Ozeans Heinrich Lübke im Laufe des Jahres zum Bundespräsidenten gewählt werden und der Bau der ersten Mondsonde das Zeitalter der Raumfahrt einläuten sollte. Die große, oft unruhige Weltgeschichte nahm draußen ihren Lauf – doch im heimischen Wohnzimmer in der Eisenbahnsiedlung zählte in jenen Stunden nur die Wärme der Familie und der Freunde.

Ich bekam von all dem gar nichts mit. Erst am späten Morgen des Neujahrstages erwachte ich glücklich in meinem neuen Schlafanzug. Ringsum im Haus herrschte eine wohltuende Stille; die Erwachsenen hatten sich irgendwann in der langen Nacht wohl doch noch zur Ruhe gelegt und schliefen aus. Nur aus der Ferne drang das feierliche Läuten der Glocken von St. Laurentius an mein Ohr.

Es war Neujahr 1959, ein Tag der absoluten Ruhe, der Wünsche, der Hoffnung, der Zuversicht. Draußen auf den Gleisen stand alles still – der Bahnhof, die wartenden Lokomotiven und die langen Reihen der Güterwagen ruhten in der feiertäglichen Winterluft. Einzig der O-Bus setzte sich pünktlich und fast lautlos in Bewegung, um seine Route in Richtung Moers aufzunehmen, ganz ohne Fahrgäste. Ihm kam auf der Straße der silberne NIAG-Dieselbus der Linie 27 entgegen, der von Rheinhausen nach Krefeld unterwegs war. An den Haltestellen stand kein Mensch, und im Bus saß nur ein einziger, verschlafener Fahrgast. Ohne in der Eisenbahnsiedlung anzuhalten, zog das Fahrzeug in Richtung Krefeld durch.

Ich trat auf leisen Sohlen ins Wohnzimmer, schlich an den ruhenden Schienen auf der Holzplatte meiner Eisenbahn vorbei und schaute aus dem Fenster in den friedlichen Neujahrsmorgen. Das Jahr 1959 hatte begonnen – und auf meiner Eisenbahn warteten schon die nächsten Fahrten.

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