Der Zauber des heiligen Abends

Nun waren sie alle geöffnet – alle dreiundzwanzig Türchen am Adventskalender über meinem Bett. Und heute, an diesem unvergleichlichen 24. Dezember 1958, war endlich das allerletzte, das vierundzwanzigste Tor an der Reihe: das große Doppeltürchen mit den zwei Flügeln aus festem Papier.

Heute sollte sich entscheiden, ob sich mein allergrößter Weihnachtswunsch erfüllen würde. Es war ein gewaltiger Wunsch, und ich war mir ehrlich gesagt bis zuletzt nicht sicher, ob ich das ganze Jahr über brav genug gewesen war. Die echte Rute, die am Nikolausmorgen in meinem glänzend geputzten Schuh gesteckt hatte, ließ schließlich nichts Gutes erahnen. So dehnte sich der Tag in einer schier unerträglichen Mischung aus nagender Ungewissheit, riesiger Spannung und zappeliger Vorfreude.

Das Mittagessen fiel an diesem Tag bescheiden aus. Meine Mutter hatte schließlich alle Hände voll mit den eigentlichen Vorbereitungen für das Fest zu tun. Die Tür zum Wohnzimmer war schon seit dem Morgen fest verschlossen, das Schlüsselloch von innen sorgfältig mit Klebestreifen abgeklebt. Spingsen, so nannte man das Gucken durch das Schlüsselloch in der Türe, war absolut zwecklos; der Raum war gehüllt in ein einziges, unendlich tiefes Geheimnis. Ich weiß noch, wie ich mich an diesem Nachmittag zum ersten Mal in meinem Leben so richtig quälend gelangweilt habe – voller Erwartung und Ungeduld tigerte ich durch die Wohnung, um die Stunden irgendwie herumzubringen.

Am späten Nachmittag wurde ich schließlich gründlich gebadet und musste meine besten Sachen anziehen. Auch das kleine Haarklämmerchen durfte natürlich nicht fehlen. Ich spürte bis in die Fußspitzen: Es wurde langsam ernst. Meinen Vater bekam ich kaum zu Gesicht. Wenn er doch einmal kurz im Flur an mir vorbeihuschte, wirkte er tief beschäftigt und in Gedanken versunken. Mir war klar: Jetzt bloß nicht stören!

Als sich die Dunkelheit schließlich wie ein schwerer, samtener Schleier über die Eisenbahnsiedlung legte, meinte meine Mutter plötzlich, wir sollten noch eine kleine Runde „um den Block“ gehen. In all meiner kindlichen Ungeduld willigte ich um des lieben Friedens willen ein. Schuhe an, dicke Jacke zugeknöpft, Mütze auf den Kopf, Schal umgewickelt und die Handschuhe übergestreift – und schon traten wir hinaus in die klirrend kalte Luft dieser Heiligen Nacht des Jahres 1958.

Mir schien, als wären wir die Einzigen draußen an der frischen Luft. Wir spazierten durch die dunklen Straßen und stillen Gassen der Siedlung. Überall erblickte ich hell erleuchtete Fenster. Dahinter glänzte hier und da schon der festlich geschmückte Tannenbaum in den Wohnstuben. Das Christkind schien eindeutig schon unterwegs zu sein! Voller Unruhe versuchte ich unauffällig, meine Mutter an der Hand wieder in Richtung unserer Haustür zu führen.

Als wir vor unserem Haus ankamen und hinaufblickten, war unsere Wohnung vollkommen dunkel. Nur aus einem einzigen Fenster drang ein warmer, geheimnisvoller Schein – aus dem Wohnzimmer.

„Vielleicht ist das Christkind ja gerade da“, flüsterte meine Mutter leise und legte mahnend den Zeigefinger an die Lippen. „Sei ganz leise, sonst erschrickt es und ist schnell wieder weg!“

Wir schlichen auf Zehenspitzen durch das Treppenhaus und öffneten leise die Wohnungstür. Und tatsächlich: Die Wohnzimmertür stand bereits einen Spalt weit offen! Ein wärmender, goldener Lichtschein ergoss sich in den engen Flur. Schritt für Schritt, mit klopfendem Herzen, traten wir näher.

Als wir die Schwelle erreichten, traute ich meinen Augen kaum: Uns strahlte ein wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum entgegen, an dessen Fichtenzweigen die echten Wachskerzen sanft und feierlich flackerten – geschmückt mit silbernen Kugeln, einer glänzenden silbernen Spitze und zwei dazu passenden kleinen Vögeln, die keck auf den Zweigen saßen. Darunter stand die kleine, von meinem Vater selbst aus Holz gebastelte Krippe mit der Heiligen Familie, dem Jesuskind im Stroh sowie Ochs und Esel, die dem Neugeborenen ihre Wärme schenkten.

Doch direkt daneben – der Sessel war in dem engen Raum extra beiseitegeschoben worden – lag auf einer großen Holzplatte im schimmernden Kerzenlicht das absolute Wunder meines jungen Lebens: mein großer Wunsch! Eine echte elektrische Eisenbahn!

Sie war liebevoll in eine kleine Landschaft eingebettet, mit einem schmucken Bahnhof, kleinen Häuschen, Bäumen und einem Gleisoval mit zwei Weichen. Und auf den Schienen stand sie: eine kleine schwarze Dampflok mit zwei grünen Personenwagen – genau solche zweiachsigen „Donnerbüchsen“, wie ich sie vom Pendel kannte, den sonst die Köf zog! Ich war vollkommen starr vor Staunen und konnte meinen Blick nicht mehr von diesem Kunstwerk wenden.

Selbst als wir uns gemeinsam an den Baum stellten, um zuerst ein Weihnachtslied zu singen, schielten meine Augen ununterbrochen zu den Schienen hinüber. Text und Melodie kannte ich gut aus dem Kindergarten, und so sang ich aus voller Brust und heller Freude mit – nicht zuletzt aus der heimlichen Angst heraus, mein Geschenk könnte sich sonst in letzter Sekunde wieder in Luft auflösen.

Dann schaltete mein Vater den Trafo ein. Während die kleine Dampflok leise schnurrend ihre allerersten Runden drehte, wies er mich fachmännisch in die Geheimnisse einer elektrischen Eisenbahn ein und machte mich stolz mit den grundlegenden Dienstvorschriften des Modellbetriebs vertraut.

Derweil deckte meine Mutter den Esstisch für das Abendessen. Es gab die traditionellen Brühwürstchen mit Kartoffelsalat und heißen Tee. Nach dem gemeinsamen Tischgebet wünschten wir uns einen guten Appetit und ließen es uns schmecken. Zumindest ich aß in absolutem Rekordtempo – den Blick unentwegt fest auf meine Eisenbahn gerichtet. Kaum war der letzte Bissen heruntergeschluckt, durfte ich ausnahmsweise sofort vom Tisch aufstehen, obwohl Addy und Franz noch gar nicht fertig waren.

Augenblicklich legte ich mich vor der Holzplatte auf den Bauch. Das Kinn in die Hände gestützt, beobachtete ich aus nächster Nähe aus der Froschperspektive jede einzelne Fahrt des kleinen Zuges ganz genau – oder vielleicht sogar noch genauer: wie er präzise aus dem Bahnhof anfuhr, sich elegant in die Kurve legte, sanft über die Weichen klackerte, vorwärts und rückwärts rangierte und wie die Waggons an- und abgekuppelt wurden.

Ich vergaß die Welt um mich herum. Endlich, endlich hatte ich meine eigene Eisenbahn!

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