Aufbruch ins Zillertal

Die ersten kleinen Lernerfolge in der Schule stellten sich schneller ein, als ich es selbst geahnt hätte. Die geheimnisvollen Zeichen, die Frau Schmitz uns Tag für Tag an der Wandtafel näherbrachte, verloren allmählich ihr Rätselhaftes und verwandelten sich in Wörter, die mir stolz ihre Bedeutung preisgaben.

Wie weit ich auf diesem neuen Weg schon gekommen war, zeigte sich an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag. Vater Franz kam von seinem Dienst auf der Dampflok nach Hause und hielt einen schlichten Briefumschlag in der Hand. Er hatte ihn von einem Arbeitskollegen bekommen – dem Vater meines Klassenkameraden Manfred aus der Henschelstraße. Mutter legte die Küchenarbeit beiseite, und gemeinsam öffneten sie das Papier. Als Vater das zweimal gefaltete Blatt aufschlug, schaute ich ihm neugierig über die Schulter. Und tatsächlich: Auf dem weißen Grund hoben sich klare, schwarze Buchstaben ab. Es war keine geschwungene Schreibschrift, sondern die akkuraten Typen einer Schreibmaschine, doch ich konnte bereits einzelne Wörter entziffern! Wie mir meine Eltern voller Freude erklärten, hielt Vater einen sogenannten Zimmernachweis aus Hippach im Zillertal in den Händen.

Das Blatt war nichts Weniger als der Auftakt für ein großes Abenteuer: ein zweiwöchiger gemeinsamer Urlaub in den Bergen mit meinen Eltern, Manfred und seinen Eltern. Schon der Name Zillertal klang in meinen Kinderohren nach Verheißung und weiter Welt. Eine Welle der Vorfreude erfasste mich, und die Sehnsucht nach dieser mir völlig unbekannten Ferne schlug fortan in jedem Herzschlag mit. Gemeinsam mit Manfreds Eltern studierten meine Eltern die Liste und wählten ein preiswertes Unterkunftsangebot aus: Keine zehn Mark sollte die Übernachtung mit Frühstück in einem einfachen Zimmer auf einem Bauernhof in Laimach kosten – einem idyllischen Ortsteil von Hippach, bewirtschaftet von der Familie Troppmair.

So schrieben meine Eltern einen höflichen Brief nach Österreich, um die Zimmerreservierung anzufragen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Antwort mit der Post ankam, doch als das Schreiben schließlich im Briefkasten lag, war die Erleichterung groß: Wir waren herzlich willkommen! Die Familie Troppmair ließ ausrichten, dass sie sich schon riesig auf die beiden Familien aus der Eisenbahnsiedlung freue. Die verbleibenden Schultage bis zu den ersten großen Sommerferien verflogen nun wie im Flug, getragen von der unbändigen Vorfreude auf die gemeinsamen Ferien mit Manfred.

Allmählich liefen die Reisevorbereitungen auf Hochtouren. Das gewissenhafte Kofferpacken überließ ich meinen Eltern, doch für mich persönlich gab es einen ganz eigenen, kleinen Rucksack, den ich stolz wie ein großer Bergsteiger hütete. Am Tag der Abreise herrschte in der Küche ein geschäftiges Treiben: Mutter strich duftende Brote, kochte Eier und füllte eine Thermoskanne mit heißem Tee für die lange Fahrt mit der Bahn. Vater bereitete derweil akribisch seine Ausrüstung vor: Er legte sorgfältig einen Agfa-Kleinbildfilm mit 36 Aufnahmen in seine neue Agfa Optima ein – ein treuer Begleiter, der all unsere Erinnerungen festhalten sollte –, während ein zweiter Film als wertvolle Reserve sicher im Koffer verstaut wurde.

Und dann war der große Moment endlich da. Manfred, seine Eltern, meine Eltern und ich brachen auf. Am frühen Abend stiegen wir in den vertrauten Pendelzug der Eisenbahnsiedlung und fuhren pünktlich ab Richtung Rheinhausen. Von dort ging es weiter mit dem „Hippeland-Express“, in dem bereits viele Kruppianer auf dem Weg zur Nachtschicht an ihrer Arbeitsstelle im Werk Rheinhausen-Ost saßen, bis zum Duisburger Hauptbahnhof.

Dort herrschte das geschäftige Treiben der großen Eisenbahnwelt. Wir wechselten den Bahnsteig und stiegen in einen D-Zug, der pünktlich in die aufziehende Nacht Richtung Süden fuhr. Wir sechs Reisenden eroberten ein eigenes Abteil. Während die Männer mit geübten Griffen das schwere Gepäck in den Ablagen über den Sitzen verstauten, sicherten Manfred und ich uns sofort die besten Plätze: direkt am Fenster mit den beiden Klapptischchen, einander gegenüber. Ein tiefes Rucken ging durch den Wagen, und schon rollte der Zug langsam aus dem Bahnhof hinaus, weiter über Düsseldorf, Köln, Koblenz und Mainz – unserem Ziel entgegen.

Die Augen von uns Kindern wurden von Stunde zu Stunde schwerer. Irgendwann wurden die Sitzflächen des Abteils ausgezogen, Manfred und ich streckten uns lang aus und trotz aller festen Absicht, unbedingt wach zu bleiben, schliefen wir im gleichmäßigen Takt des dahinrasenden Zuges schließlich tief und fest ein.

Der Zug fuhr durch die sternenklare Nacht. Als ich am frühen Morgen wach wurde, klang eine leise, aber bestimmte Stimme durch unser Abteil: „Guten Morgen zusammen! Die Pässe bitte. Haben Sie etwas zu verzollen?“ Die Erwachsenen händigten die erbetenen Dokumente aus. Nach einem flüchtigen Blick des österreichischen Gendarmen auf die Papiere erhielten die Eltern sie schon zurück, begleitet von einem freundlichen: „Ja dann noch eine gute Fahrt und einen schönen Urlaub bei uns in Österreich!“

Wenig später erreichten wir Jenbach, den Umsteigeort zur Zillertalbahn, von der mir in den Wochen vor der Reise schon so viel Einzigartiges erzählt worden war. Und da stand sie nun abfahrbereit auf dem Gleis: die kleine Dampflokomotive mit ihren schnuckeligen Personenwagen! Sie dampfte, zischte und verbreitete diesen vertrauten, herrlichen Geruch nach verbrannter Kohle, heißem Wasser und Öl, den ich aus der Heimat kannte. Bis zur Weiterfahrt blieb noch etwas Zeit, sodass wir die kleine Lok aus nächster Nähe ausgiebig inspizieren konnten. Mein Vater Franz hielt das Geschehen konzentriert im Sucher seiner Agfa Optima fest. Mit nur zwei Filmen für volle vierzehn Tage musste er zwar gut haushalten, aber dieser Anblick war mindestens ein Dia wert.

Wir setzten uns in einen der Schmalspurwaggons, und pünktlich zuckelte der Zug auf seinen kleinen Gleisen los. Langsam rollte er ins Tal hinein Richtung Mayrhofen – über klackernde Weichen und Bahnübergänge, entlang der rauschenden Ziller, über kleine Brücken, vorbei an beschaulichen Haltepunkten, Weilern und Dörfern, durch die weiten, saftigen Wiesen, tief eingebettet in die imposante Bergwelt der Zillertaler Alpen. Ich war fernab der Heimat in einer Welt gelandet, die mir wie ein wunderschönes Märchen erschien.

Schließlich erreichten wir unser Ziel Hippach. Der Zug hielt mit leichtem Quietschen an, und wir stiegen aus. Der tiefe, beruhigende Klang der Glocken von den Kühen auf den umliegenden Weiden begrüßte uns. Während die Erwachsenen sich um das Gepäck kümmerten und die schweren Koffer aus dem kleinen Waggon reichten, schauten Manfred und ich uns neugierig auf dem Bahnsteig um. Neben dem bescheidenen Bahnhofsgebäude stand ein knallroter Steyr-Traktor mit einem zweiachsigen Anhänger. Der Fahrer – ein Mann mit zünftigem Tirolerhut, einer abgewetzten Lederhose und einem schmucken Janker – wartete dort offensichtlich bereits auf jemanden.

Als er uns erblickte, kletterte er schwungvoll von seinem Fahrzeug herunter und kam freudestrahlend auf uns zu. Seine Wangen hatten eine so frische, gesunde Gesichtsfarbe, wie ich sie aus dem Schatten des Rangierbahnhofs in der Eisenbahnsiedlung überhaupt nicht kannte. Mit einem herzlichen Lächeln trat er auf uns zu und begrüßte uns mit den Worten: „Grüß Gott beinander im Zillertal, I bin der Franz, a recht herzliches Willkumm bei der Familie Troppmair aus Laimach!“ – und in diesem Augenblick begann unsere unvergessliche Zeit in den Alpen.

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