Familienbesuche und Zigarrenqualm

Die Heilige Nacht war für mich nur von kurzer Dauer. Am sehr frühen Morgen des ersten Feiertags begann für mich schon im Schlafanzug der Dienst auf meiner neuen Dampflok im Wohnzimmer. Der Zug stand abfahrbereit im Bahnhof, und alsbald setzte sich das kleine Gespann in Bewegung. Die winzigen Stirnlampen an der Lok schimmerten warm und gelblich im Dämmerlicht. Ich fuhr meine Kreise und rangierte unermüdlich auf dem Oval, bis das Frühstück auf dem Tisch stand und ich wohl oder übel eine Pause einlegen musste.

Für diesen ersten Weihnachtstag hatten sich Onkel Albert und Tante Käthe angekündigt. Heiligabend, die beiden Feiertage und das Neujahrsfest waren in der großen Familie meiner Mutter stets im Voraus für Onkel und Tante verplant. Schon Wochen vor Weihnachten fanden dazu lebhafte Diskussionen statt, wer an welchem Tag von den beiden besucht werden durfte – ein festes Ritual bei den jährlichen Vorbereitungen auf das Fest und den Jahreswechsel. An diesem ersten Weihnachtstag waren also wir an der Reihe.

Während Onkel Albert und Tante Käthe sich am Morgen in Kamp-Lintfort auf den Weg machten und mit einem der frühen O-Busse zu uns unterwegs waren, spazierten wir zuerst gemeinsam zur Heiligen Messe in die St.-Laurentius-Kirche. Der festliche Gottesdienst, der Kerzenschein und der feierliche Gesang stimmten uns auf den Feiertag ein. Nach der Messe trafen zu Hause auch schon bald unsere Gäste ein.

Tante Käthe hatte sich fein herausgeputzt; sie trug stolz ihren Pelzmantel und einen ihrer zauberhaften Hüte. Onkel Albert trug seinen besten Anzug, ein blütenweißes Hemd mit glänzenden Manschettenknöpfen, eine Krawatte, dazu Wintermantel, Schal und Hut. Sie hatten sich für diesen Tag sprichwörtlich in Schale geworfen.

Im engen Flur unserer Wohnung dauerte es gefühlt nur ein paar Sekunden, bis ich den unvermeidlichen, feuchten Kuss meiner Großtante auf der Wange spürte. „Frohe Weihnachten, liebe Jung!“, sagte sie. Sie konnte es einfach nicht lassen. Dann begann das gewohnte, wilde Geschnattere der Erwachsenen, der Austausch der neuesten Nachrichten und Gerüchte – und schließlich holten sie die Geschenke aus ihren Taschen hervor. Für meine Eltern gab es ein Fläschchen selbst gemachten Eierlikör, ein Päckchen Zigaretten und einen blütenweißen Briefumschlag, in dem sich, wie ich später erfuhr, ein großer Geldschein verbarg.

Für mich lag da ein Päckchen, sorgfältig in buntes Weihnachtspapier geschlagen und mit einem roten Band samt Schleife umwickelt. Ich hätte es eigentlich nur aufschneiden müssen, um den Inhalt freizulegen. Doch Onkel und Tante hatten sich beim Einpacken viel zu viel Mühe gegeben, um das Band einfach zu durchtrennen. Schon damals hatte ich Onkel Albert im Verdacht, dass er es war, der sich besonders viel Mühe beim Knüpfen der festen Schleife gemacht hatte. Das Band musste sorgfältig aufgeknotet werden, und so stramm, wie es gezogen war, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich das Papier behutsam aufschlagen konnte – es sollte schließlich hinterher noch einmal verwendet werden.

Das erhoffte Zubehör für meine Eisenbahn kam allerdings nicht zum Vorschein. Es war etwas unbarmherzig Praktisches: ein neuer Schlafanzug. Meine Enttäuschung stand mir vermutlich überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Ich legte das gute, für mich völlig nutzlose Stück reichlich achtlos beiseite, warf mich wieder auf den Bauch vor meine Holzplatte und ließ den Zug unverzagt weiter seine Runden drehen.

Die Frauen verkrümelten sich bald in die Küche, während es sich Onkel Albert und mein Vater in den Sesseln gemütlich machten. Der Onkel zog bedächtig eine Zigarre hervor, knipste das Ende ab und entzündete sie mit rollenden Bewegungen zwischen Zeigefinger und Daumen über dem Streichholz. Genüsslich lehnte er sich zurück und hüllte den Raum in dichte Rauchwolken, während mein Vater sich eine Zigarette ansteckte.

Damit der Qualm nicht überhandnahm, öffnete meine Mutter kurz unauffällig das Fenster, bevor das Festmahl aufgetragen wurde. Es gab heiße Suppe, gefolgt von einer ganzen, zart gebackenen Pute mit Gemüse und Kartoffeln, und zum krönenden Abschluss Schokoladenpudding mit Mandelsplittern sowie leuchtend grüne Waldmeister-Götterspeise – ein Festessen im warmen Kerzenschein unseres Tannenbaums! Ein Schlückchen Cognac für die Herren und frischer Bohnenkaffee für die Damen rundeten das Essen ab.

Während Mutter und Tante Käthe hinterher das Geschirr klappern ließen und das Nachmittagsgedeck vorbereiteten, vertraten sich die Männer mit mir bei einem kleinen Verdauungsspaziergang die Beine. Ihr Weg führte uns über den Damm zum Wasserturm, vorbei an meinem Kindergarten und dem Haus Rheindamm. Über all den lebhaften Gesprächen der Erwachsenen ging der Nachmittagskaffee fast nahtlos ins abendliche Schnittchen-Essen über. Ich bekam von alledem kaum etwas mit; mein Universum bestand an diesem Tag einzig aus Gleisen, Weichen und meiner Lok.

Als Onkel Albert und Tante Käthe schließlich wieder zum Bus gebracht worden waren, warteten der neue Schlafanzug, mein warmes Bett und das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen auf mich. Beschützt von den Engeln meiner kindlichen Fantasie schlief ich tief und selig ein – voller Vorfreude auf den nächsten Tag und unseren Besuch meiner Großeltern in Xanten.

Am zweiten Feiertag ging es bei Oma Anna gewohnt trubelig zu, denn auch Onkel Albert und Tante Käthe machten auf ihrer Verwandtschaftsreise dort wieder Station und waren schon da. Gemeinsam spazierten alle zum Xantener Dom, um das feierliche Hochamt zu besuchen. Bei der anschließenden Bescherung vor dem Mittagessen glaubte Oma Anna, mir mit frischer Unterwäsche und dicken Strümpfen eine Riesenfreude zu machen – meine Begeisterung hielt sich naturgemäß in engen Grenzen.

Umso schöner wurde es am Nachmittag, als wir zum Kaffee und Kuchen hinüber zu Opa Fritz und Oma Auguste in den Holzweg gingen. Die Tafel war bereits festlich gedeckt, und im kleinen Wohnzimmer erstrahlte ein wunderschöner Weihnachtsbaum. Nach den bisherigen Woll-Geschenken hielt ich meine Erwartungen lieber niedrig – doch diesmal hatte das Christkind ein Einsehen gehabt! Unter dem Baum lagen zwei brandneue Waggons für meine Modelleisenbahn: ein vierachsiger Flachwagen und ein leuchtend roter Kippwagen!

Ich war im siebten Himmel. Den restlichen Tag war ich gedanklich nur noch bei meiner Eisenbahn, die nun stolze vier Waggons hinter sich herziehen konnte.

Viel zu spät für meinen Geschmack traten wir am frühen Abend mit dem Hippeland-Express die Heimreise an. Zuhause angekommen, durfte ich vor dem Schlafengehen zur Belohnung noch eine kleine Ehrenrunde drehen und die neuen Waggons ausprobieren. Wo die geschenkte Unterwäsche und die Strümpfe von Oma Anna schlussendlich gelandet sind, weiß ich bis heute nicht – sie traten vermutlich still und leise ihren Dienst tief hinten in meinem Wäscheschrank an. Nach ihnen habe ich auch in den verbleibenden Tagen des Jahres nicht mehr gesucht, denn schließlich hatte ich viel Wichtigeres zu tun.

Der Zauber des heiligen Abends

Nun waren sie alle geöffnet – alle dreiundzwanzig Türchen am Adventskalender über meinem Bett. Und heute, an diesem unvergleichlichen 24. Dezember 1958, war endlich das allerletzte, das vierundzwanzigste Tor an der Reihe: das große Doppeltürchen mit den zwei Flügeln aus festem Papier.

Heute sollte sich entscheiden, ob sich mein allergrößter Weihnachtswunsch erfüllen würde. Es war ein gewaltiger Wunsch, und ich war mir ehrlich gesagt bis zuletzt nicht sicher, ob ich das ganze Jahr über brav genug gewesen war. Die echte Rute, die am Nikolausmorgen in meinem glänzend geputzten Schuh gesteckt hatte, ließ schließlich nichts Gutes erahnen. So dehnte sich der Tag in einer schier unerträglichen Mischung aus nagender Ungewissheit, riesiger Spannung und zappeliger Vorfreude.

Das Mittagessen fiel an diesem Tag bescheiden aus. Meine Mutter hatte schließlich alle Hände voll mit den eigentlichen Vorbereitungen für das Fest zu tun. Die Tür zum Wohnzimmer war schon seit dem Morgen fest verschlossen, das Schlüsselloch von innen sorgfältig mit Klebestreifen abgeklebt. Spingsen, so nannte man das Gucken durch das Schlüsselloch in der Türe, war absolut zwecklos; der Raum war gehüllt in ein einziges, unendlich tiefes Geheimnis. Ich weiß noch, wie ich mich an diesem Nachmittag zum ersten Mal in meinem Leben so richtig quälend gelangweilt habe – voller Erwartung und Ungeduld tigerte ich durch die Wohnung, um die Stunden irgendwie herumzubringen.

Am späten Nachmittag wurde ich schließlich gründlich gebadet und musste meine besten Sachen anziehen. Auch das kleine Haarklämmerchen durfte natürlich nicht fehlen. Ich spürte bis in die Fußspitzen: Es wurde langsam ernst. Meinen Vater bekam ich kaum zu Gesicht. Wenn er doch einmal kurz im Flur an mir vorbeihuschte, wirkte er tief beschäftigt und in Gedanken versunken. Mir war klar: Jetzt bloß nicht stören!

Als sich die Dunkelheit schließlich wie ein schwerer, samtener Schleier über die Eisenbahnsiedlung legte, meinte meine Mutter plötzlich, wir sollten noch eine kleine Runde „um den Block“ gehen. In all meiner kindlichen Ungeduld willigte ich um des lieben Friedens willen ein. Schuhe an, dicke Jacke zugeknöpft, Mütze auf den Kopf, Schal umgewickelt und die Handschuhe übergestreift – und schon traten wir hinaus in die klirrend kalte Luft dieser Heiligen Nacht des Jahres 1958.

Mir schien, als wären wir die Einzigen draußen an der frischen Luft. Wir spazierten durch die dunklen Straßen und stillen Gassen der Siedlung. Überall erblickte ich hell erleuchtete Fenster. Dahinter glänzte hier und da schon der festlich geschmückte Tannenbaum in den Wohnstuben. Das Christkind schien eindeutig schon unterwegs zu sein! Voller Unruhe versuchte ich unauffällig, meine Mutter an der Hand wieder in Richtung unserer Haustür zu führen.

Als wir vor unserem Haus ankamen und hinaufblickten, war unsere Wohnung vollkommen dunkel. Nur aus einem einzigen Fenster drang ein warmer, geheimnisvoller Schein – aus dem Wohnzimmer.

„Vielleicht ist das Christkind ja gerade da“, flüsterte meine Mutter leise und legte mahnend den Zeigefinger an die Lippen. „Sei ganz leise, sonst erschrickt es und ist schnell wieder weg!“

Wir schlichen auf Zehenspitzen durch das Treppenhaus und öffneten leise die Wohnungstür. Und tatsächlich: Die Wohnzimmertür stand bereits einen Spalt weit offen! Ein wärmender, goldener Lichtschein ergoss sich in den engen Flur. Schritt für Schritt, mit klopfendem Herzen, traten wir näher.

Als wir die Schwelle erreichten, traute ich meinen Augen kaum: Uns strahlte ein wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum entgegen, an dessen Fichtenzweigen die echten Wachskerzen sanft und feierlich flackerten – geschmückt mit silbernen Kugeln, einer glänzenden silbernen Spitze und zwei dazu passenden kleinen Vögeln, die keck auf den Zweigen saßen. Darunter stand die kleine, von meinem Vater selbst aus Holz gebastelte Krippe mit der Heiligen Familie, dem Jesuskind im Stroh sowie Ochs und Esel, die dem Neugeborenen ihre Wärme schenkten.

Doch direkt daneben – der Sessel war in dem engen Raum extra beiseitegeschoben worden – lag auf einer großen Holzplatte im schimmernden Kerzenlicht das absolute Wunder meines jungen Lebens: mein großer Wunsch! Eine echte elektrische Eisenbahn!

Sie war liebevoll in eine kleine Landschaft eingebettet, mit einem schmucken Bahnhof, kleinen Häuschen, Bäumen und einem Gleisoval mit zwei Weichen. Und auf den Schienen stand sie: eine kleine schwarze Dampflok mit zwei grünen Personenwagen – genau solche zweiachsigen „Donnerbüchsen“, wie ich sie vom Pendel kannte, den sonst die Köf zog! Ich war vollkommen starr vor Staunen und konnte meinen Blick nicht mehr von diesem Kunstwerk wenden.

Selbst als wir uns gemeinsam an den Baum stellten, um zuerst ein Weihnachtslied zu singen, schielten meine Augen ununterbrochen zu den Schienen hinüber. Text und Melodie kannte ich gut aus dem Kindergarten, und so sang ich aus voller Brust und heller Freude mit – nicht zuletzt aus der heimlichen Angst heraus, mein Geschenk könnte sich sonst in letzter Sekunde wieder in Luft auflösen.

Dann schaltete mein Vater den Trafo ein. Während die kleine Dampflok leise schnurrend ihre allerersten Runden drehte, wies er mich fachmännisch in die Geheimnisse einer elektrischen Eisenbahn ein und machte mich stolz mit den grundlegenden Dienstvorschriften des Modellbetriebs vertraut.

Derweil deckte meine Mutter den Esstisch für das Abendessen. Es gab die traditionellen Brühwürstchen mit Kartoffelsalat und heißen Tee. Nach dem gemeinsamen Tischgebet wünschten wir uns einen guten Appetit und ließen es uns schmecken. Zumindest ich aß in absolutem Rekordtempo – den Blick unentwegt fest auf meine Eisenbahn gerichtet. Kaum war der letzte Bissen heruntergeschluckt, durfte ich ausnahmsweise sofort vom Tisch aufstehen, obwohl Addy und Franz noch gar nicht fertig waren.

Augenblicklich legte ich mich vor der Holzplatte auf den Bauch. Das Kinn in die Hände gestützt, beobachtete ich aus nächster Nähe aus der Froschperspektive jede einzelne Fahrt des kleinen Zuges ganz genau – oder vielleicht sogar noch genauer: wie er präzise aus dem Bahnhof anfuhr, sich elegant in die Kurve legte, sanft über die Weichen klackerte, vorwärts und rückwärts rangierte und wie die Waggons an- und abgekuppelt wurden.

Ich vergaß die Welt um mich herum. Endlich, endlich hatte ich meine eigene Eisenbahn!

Weihnachtszeit

Die Tage wurden unaufhaltsam kürzer, und eine spürbare Kälte legte sich über die Siedlung. Winter lag in der Luft. Die Weihnachtszeit stand vor der Tür, und in den Geschäften erweiterte sich das Warenangebot von Tag zu Tag um festliche Köstlichkeiten und Geschenke.

In den großen Kaufhäusern der umliegenden Städte bot sich uns Kindern ein schier zauberhafter Anblick: Dekorateure, die auf weißen Stofflappen über den Schuhen durch die Schaufenster schlichen, um die Böden nicht zu verschmutzen, schufen dort ganze Weihnachtswelten. Es entstanden magische Landschaften voller Leben – mit Stofftieren aller Art, manche ruhig sitzend, andere sich mechanisch bewegend, mit edlen Puppen, gemütlichen Puppenecken, reich bestückten Kaufläden, ratternden Eisenbahnen, glänzenden Autos und bunten Kasperletheatern samt den passenden Handpuppen, alles eingehüllt in ein Meer aus leuchtenden Sternen. Wir Kinder drückten uns an den kalten Fensterscheiben die Nasen platt und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Dann war er endlich da: der erste Dezember! An der Wand über meinem Bett hing der Adventskalender aus festem Papier in drei Lagen mit seinen vierundzwanzig kleinen Türchen. Voller Spannung wurde jeden Morgen ein neues Tor geöffnet: Was für ein schönes Bildchen mochte sich wohl diesmal dahinter verbergen? Mal war es ein kleiner Ball, eine Trommel, ein Schaukelpferd oder ein Kasperle, am Nikolaustag natürlich der heilige Nikolaus selbst, dazu Adventskerzen – erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier – und schließlich am 24. Dezember das große Doppeltürchen mit dem Bild der Heiligen Familie rund um das Jesuskind in der Krippe.

Bis ich eines Tages eine bahnbrechende Entdeckung machte: Wenn ich den Kalender heimlich von der Wand nahm und ihn ganz dicht vor das helle Licht des Fensters hielt, konnte ich von der Rückseite her die leicht durchscheinenden Bildchen hinter den noch verschlossenen Türchen erkennen! Meine kleine Geheimwissenschaft behielt ich natürlich streng für mich – nur meinen allerbesten Freunden habe ich dieses große Rätsel verraten.

Aus heutiger Sicht war es der einfachste Adventskalender der Welt: keine Schokolade, keine Spielsachen, keine Ablenkung. Er reduzierte sich vollkommen auf das Wesentliche und führte uns Tag für Tag Schritt für Schritt dem absoluten Höhepunkt des Jahres entgegen – dem Heiligen Abend und den Festtagen.

Am Abend vor dem Nikolaustag stellte ich, genau wie alle anderen Kinder in der Siedlung, einen meiner hohen Schuhe vor die Wohnungstür. Er war zuvor ordentlich geputzt und auf Hochglanz gewienert worden – in der großen Hoffnung, dass der heilige Nikolaus mich bei seinem Weg durch die Eisenbahnsiedlung nicht vergessen würde. Und das tat er glücklicherweise nicht! Am nächsten Morgen war der Schuh reichlich mit Süßigkeiten gefüllt, und ein duftender Weckmann hielt daneben treu Wache. Allerdings steckte – als direkte Quittung für all meine kleinen Schandtaten im Laufe des Jahres – auch eine echte Rute im Stiefel. Zu meinem Trost waren an ihren Zweigen aber immerhin ein paar kleine Schokoladentäfelchen festgebunden.

Doch damit nicht genug: Ich sollte dem heiligen Nikolaus in diesen Tagen sogar noch persönlich gegenüberstehen! Die große Nikolausfeier für die Kinder der Siedlung fand im Saal von Haus Rheindamm statt – jenem großen Saal, in dem über das Jahr verteilt das abwechslungsreiche Gemeinschaftsleben pulsierte, wo man gelegentlich Filme auf einer riesigen Leinwand vorführte, Tanzabende für die Erwachsenen veranstaltete oder feucht-fröhlich Silvester feierte.

Nun aber saßen wir Kinder zusammen mit unseren Eltern an den langen, festlich eingedeckten Tischen, auf denen Saft, Kakao, Kaffee und Gebäck bereitstanden. Auf der Bühne erklang Weihnachtsmusik vom Klavier, alle sangen mit, und von Minute zu Minute wurden wir Kinder unruhiger. Bis schließlich das entscheidende Lied angestimmt wurde: „Nikolaus, komm in unser Haus…“

Und da kam er! Von der Seite, hinter dem tiefroten Bühnenvorhang hervor, trat er ins Licht – in seinem prächtigen roten Gewand, mit der spitzen Bischofsmütze auf dem Kopf, dem glänzenden Bischofsstab in der Hand und zwei dicken Büchern unter dem Arm: dem goldenen Buch und dem bedrohlichen schwarzen Buch. Er setzte sich aufmerksam in einen großen Sessel und sprach uns alle mit tiefer, freundlicher Stimme an, so wie ich mir den heiligen Mann immer vorgestellt hatte.

Dann zog er ein weißes Tuch beiseite, unter dem bisher verborgen gelegen hatte, worauf wir alle gebannt starrten: ein riesiger Berg von Geschenkpaketen in den unterschiedlichsten Größen, jedes einzeln in buntes Papier gewickelt. Nach und nach rief der Nikolaus die Kinder beim Namen nach vorne. Wer aufgerufen wurde – und das wurden wir natürlich alle –, trat aufgeregt an die Bühne heran und nahm sein Paket entgegen. Bei manchen Kindern schlug der Nikolaus vorher bedeutungsvoll das goldene Buch auf, blickte hinein und sagte lobend: „Ich habe gehört, du…“

Spätestens da wusste ich ganz genau, für wen er das zweite, das schwarze Buch mitgebracht hatte: für mich! Ein ziemlich mulmiges Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Als schließlich mein Name durch den Saal schallte, schlug mein Herz bis zum Hals. Mit weichen Knien ging ich nach vorne.

Doch der Nikolaus reichte mir völlig überraschend ganz freundlich seine Hand, die in einem schneeweißen Handschuh steckte. Er überreichte mir genau wie den anderen mein Geschenk – und griff dann tatsächlich nach dem schwarzen Buch! Mein Atem stockte. Aber er schlug es zum Glück nicht auf, sondern legte es einfach behutsam zur Seite. Hatte er von all meinen Schandtaten nichts mitbekommen oder wollte er einfach liebevoll darüber hinwegsehen? Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen! Das Lächeln kehrte auf mein Gesicht zurück, und unendlich erleichtert trat ich mit meinem Geschenk den Rückweg zu den Eltern an den Tisch an.

Als der Nikolaustag vorüber war, senkte sich vollends die besinnliche Ruhe der Adventswochen über unser Zuhause. Sonntags wurde die nächste Kerze auf dem Adventskranz entzündet. Es war ein schlichtes Exemplar aus duftenden Fichtenzweigen vom Wochenmarkt, geschmückt mit breiten roten Schleifen und Tannenzapfen. Die vier roten Kerzen thronten auf einem großen Teller mitten auf dem Wohnzimmertisch. Das Anzünden war ein kleines, feierliches Ritual: Zum gemeinsamen Frühstück mit den Eltern brannte das Licht, und wir stimmten voller Andacht ein Adventslied an.

Noch eindrucksvoller erlebten wir diese Zeit im Kindergarten. Dort hing in diesen Wochen ein noch viel größerer Adventskranz: An vier breiten roten Bändern schwebte er mitten in der Eingangshalle von der hohen Decke herab. Bis heute hat mich dieser Anblick fasziniert! Ich liebte es, wenn Tante Henni vor dem Frühstück eine Holzleiter holte, behutsam hinaufstieg, um die Kerzen zu entzünden, und wir anschließend alle gemeinsam im Kreis unter dem Kranz Adventslieder sangen. So steuerten wir voller Frieden, froh und munter auf das große Fest zu.

Am späten Nachmittag ging die Sonne unter. Manchmal erstreckte sich über dem Horizont ein glühend rotes Band, als stünde das ganze Firmament in Flammen. „Guck mal“, hieß es dann immer, „das Christkind backt Plätzchen für Weihnachten!“

Derweil liefen die Vorbereitungen auch bei uns zu Hause auf Hochtouren: Es duftete im ganzen Haus nach frischem Gebäck, wenn Plätzchen gebacken wurden, und aus Stroh bastelten wir feine Sterne für den Baum. Mein Wunschzettel wurde von den Eltern aufgeschrieben, auf die Fensterbank gelegt und sorgfältig mit etwas Zucker bestreut – in der festen Hoffnung, dass das Christkind den Zettel auf seiner Reise mitnehmen würde, um mir meinen Wunsch zu erfüllen.

Am Abend ging es dann ins Bett, begleitet von einer Geschichte aus Peterchens Mondfahrt – von dem Maikäfer Sumsemann, dem sein sechstes Beinchen verloren gegangen war, und seiner abenteuerlichen Reise mit den Menschenkindern Peter und Anneliese hinauf zum Mond.

In der Nacht, nachdem der Zettel ans Fenster gelegt worden war, konnte ich vor lauter Aufregung kaum schlafen. Ich wartete voller Neugierde auf das Christkind. Ich wollte es unbedingt sehen oder zumindest das leise Rascheln seiner Flügel hören! Jeder Lichtschein, der draußen durch das Fenster huschte, und jedes kleine Knacken der hölzernen Fensterrahmen weckte meine gesamte Aufmerksamkeit. Als ich am nächsten Morgen aus dem Bett huschte und zum Fenster lief, war der Wunschzettel tatsächlich verschwunden und nur ein paar Zuckerkrümel zeugten noch von dem geheimen Besuch. Gesehen hatte ich das Christkind allerdings nicht.

Und so blieben die Tage bis zum Heiligen Abend von einer wunderbaren, schier unerträglichen Spannung erfüllt: Würde sich mein großer Wunsch am Ende wirklich erfüllen?