Neue Gesichter und ein schöner Empfang

So wie ich nach und nach die Straßen, die Verstecke und die Orte späterer Abenteuer entdeckte, so lernte ich mit der Zeit auch die Menschen in meiner neuen Heimat kennen. Die Eisenbahnsiedlung füllte sich für mich mit Gesichtern, Geschichten und Vertrautheit. Das begann schon in unserem eigenen Haus: In der Wohnung über uns lebten Tante Hannelore und Onkel Hubert. Verwandt waren wir zwar nicht – in der Siedlung war es damals fest verankert, dass enge Freunde und gute Bekannte der Eltern ehrfurchtsvoll mit „Tante“ und „Onkel“ angeredet wurden –, aber die beiden freundeten sich schnell eng mit Addy und Franz an. Hubert und Hannelore hatten selbst keine Kinder und gingen mit mir schon bald so liebevoll um, als wäre ich ein eigener Familienangehöriger. Für mich, den „lieben Jung“, war diese zusätzliche Zuneigung im Haus natürlich ein riesiger Vorteil.

Doch mein Radius endete nicht an der Haustür. Nach und nach lernte ich andere Kinder kennen. Mein kleiner Lebenskreis wuchs schnell über den Rand des Sandkastens hinterm Haus hinaus und dehnte sich auf die Häuser der unmittelbar angrenzenden Straßen aus. Uschi, Wolfgang, Lothar,Rolf und Manfred gehörten zu den ersten Gefährten dieser Tage, und viele andere sollten später noch dazustoßen. Es war eine eingeschworene, aber auch bunt gemischte Kinderschar. Einzig am Sonntag trennten sich unsere Wege kurzzeitig: Die katholischen Familien, zu denen auch wir gehörten, strömten in die nahe Kirche St. Laurentius an der Martinistraße, während die evangelischen Kinder einen deutlich weiteren Fußweg vor sich hatten, um zu der alten Dorfkirche im Friemersheimer Dorf zu gelangen. Doch abseits der Sonntagsgottesdienste wurden mir diese Welt, die Erwachsenen und die vielen Kinder zunehmend vertraut.

Und so kam schließlich wie für alle anderen auch für mich der Tag, an dem ich den katholischen Kindergarten in der Turmstraße besuchte, der so markant zwischen dem Wasserturm und dem Damm eingebettet lag. Für diesen ersten Tag hatte meine Mutter mich ganz besonders herausgeputzt. Meine dunklen Haare wurden ordentlich gekämmt und ein schnurgerader Scheitel gezogen. Die etwas längeren Haare, die mir sonst immer so störend in die Stirn fielen, wurden mit einer kleinen Klammer aus dem Gesicht gehalten – eine Maßnahme, die mir insgeheim ziemlich unangenehm war. Stolz trug ich eine neue, dunkelbraune kleine Kindergartentasche aus Leder, die an einem langen Lederband um meinen Hals hing und vor meinem Oberkörper baumelte. Darin befand sich mein Frühstück: ein sorgsam in Staniolpapier – wie man die glänzende Folie damals nannte – gewickeltes Butterbrot.

So ausgestattet machten wir uns auf den Weg. Er führte uns von unserem Zuhause an der Uerdinger Straße 62 zuerst über die Henschelstraße, vorbei an der langgestreckten „Übernachtung“. Wir gingen an der Werkstatt des Schusters und dem kleinen Spiel- und Schreibwarenladen seiner Frau vorbei, passierten das Haus Rheindamm und bogen schließlich in die Turmstraße ein. Hier ging es vorbei an dem kleinen Tante-Emma-Laden und dem Waschhaus.

Doch je weiter wir vorankamen, desto schwerer lastete ein unwohles Gefühl auf meinem kleinen Herzen. Die Erinnerung an das bittere, tränenreiche Fiasko im Schatten des Xantener Doms war noch allgegenwärtig. Ich befürchtete insgeheim genau dasselbe Elend wie an jenem ungeliebten Ort zuvor. Meine Schritte wurden mit jedem Meter schwerfälliger, ich zögerte und versuchte instinktiv, die Zeit zu dehnen. Doch ich spürte genau, dass ich letztlich chancenlos war, meinem vermeintlichen Schicksal zu entgehen – an der Hand meiner Mutter gab es kein Zurück. Begleitet vom wachsamen Anblick des mächtigen Wasserturms stieg der Weg nun in Richtung des Rheindamms leicht an, bis wir schließlich vor dem Jägerzaun standen, dessen kleines Törchen den Eingang zum Kindergarten bildete.

Hinter dem Törchen führte der kurze Weg zum Eingang ein paar Stufen aus rustikalen Natursteinplatten hinab. Es war eine malerische Kulisse: Rechts ragte mächtig der Wasserturm in den Himmel, während sich zur Linken zwei iebevoll angelegte Kleingärten erstreckten. Mein Blick fiel auf gepflegte Beete mit Gemüse und Blumen, auf Beerensträucher, Obstbäume und sorgsam aufgehängte Nistkästen. An einer gemütlichen Holzbank lehnte griffbereit das spärliche Gartengerät.

Und dann stand ich mit meiner Mutter an der Tür unseres Ziels. An der schlichten, weiß lackierten Holztür mit ihrer kleinen Messingklingel wurde ich bereits erwartet. „Tante Henni“, wie die Kinder die Erzieherin nannten, nahm mich in ihrem sauberen, weißen Leinenkittel mit einer tiefen Herzlichkeit in Empfang. Sie gab mir ihre Hand und führte mich geduldig durch die hellen Räume, machte mich mit den anderen Kindern bekannt und erklärte mir ganz behutsam die täglichen Abläufe. Uschi, Wolfgang, Lothar, Manfred und Rolf waren auch schon da. Nach den schmerzhaften Erfahrungen im Schatten des Xantener Doms war die Erleichterung bei meinen Eltern und mir riesig: Ich fühlte mich vom ersten Moment an rundum gut aufgenommen und geborgen.

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