Himmlische Wächter

Hatte mich der Anblick des kleinen Viktor in seiner glänzenden Rüstung auf den Straßen Xantens noch tief ins Staunen versetzt, so wartete das eigentliche Gefühl von absolutem Schutz und Geborgenheit zu Hause in der Scharnstraße auf mich. Was mir die Billekerls und ihr kleiner Patron draußen als großes, mächtiges Symbol für die ganze Stadt vorlebten, holten meine Eltern Tag für Tag im Kleinen in unser Zuhause. Für Addy und Franz waren die Rituale des katholischen Glaubens das unsichtbare, aber unerschütterliche Fundament unseres Alltags. Sie gaben unseren Tagen, jedem Monat und dem ganzen Jahr eine feste, verlässliche Struktur und mir von klein auf ein tiefes Gefühl von Sicherheit.

Das zeigte sich schon bei den gemeinsamen Mahlzeiten am Küchentisch. Ich war noch klein, konnte aber immerhin schon sicher im Stuhl sitzen. Während ich gefüttert wurde, nahm ich an den Tischgebeten teil – anfangs noch rein passiv, aber als fester Teil der Gemeinschaft. Es war ein tägliches Ritual des Innehaltens: Erst wurde gemeinsam gebetet, Gott gedankt und dann ein guter Appetit gewünscht.

Das schönste Ritual des Tages hoben sich meine Eltern jedoch für das Ende auf. Wenn die Dämmerung über Xanten hereinbrach und die Lichter in der Stadt erloschen, setzten sich meine Mutter, mein Vater oder manchmal auch beide zusammen an mein Bettchen. Im schwachen Schein des Nachtlichts sprachen sie mit mir das Abendgebet. Zu dieser Zeit konnte ich die Worte natürlich noch gar nicht selbst sprechen; ich gab lediglich babytypische Laute von mir, gluckste oder brabbelte vor mich hin. Doch ich lauschte ganz gebannt dem von meinen Eltern laut gesprochenen Text. Es war ein uralter Abendsegen, dessen Zeilen sich wie eine wärmende Decke über mich legten:

Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel bei mir stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei, die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich weisen zu Himmelsparadeisen.

Nachdem die letzten Zeilen des Gebets verklungen waren, schenkten mir meine Eltern noch ihren ganz persönlichen Segen. Mit dem Daumen zeichneten sie mir sanft ein kleines Kreuz auf die Stirn – ein lautloses, zärtliches Ritual, das den Tag liebevoll besiegelte und mir das tiefe Gefühl gab, vollkommen sicher und behütet zu sein.

So klein ich damals auch noch war – ich fand diese Zeremonie unendlich schön, allein schon durch den beruhigenden Klang ihrer Stimmen. Erst viel später sollte ich erfahren, dass dieser zu Herzen gehende Segen auch Teil eines weltberühmten Musikstücks ist: In der spätromantischen Märchenoper Hänsel und Gretel wird genau dieses Lied als „Abendsegen“ von den beiden Kindern im tiefen, dunklen Wald gesungen, bevor sie sich schlafen legen und die Schutzengel zu ihnen herabsteigen.

Dass ausgerechnet diese Melodie uns begleitete, verlieh dem Ganzen eine ganz besondere, Xantener Note. Denn der Komponist Engelbert Humperdinck war eng mit unserer Stiftsstadt verbunden: Seine Familie war 1877 aus Siegburg – Humperdincks Geburtsstadt, in der sein Vater Gustav bereits im Schuldienst tätig gewesen war – hierhergezogen. In Xanten wurde der Vater Direktor des staatlichen Lehrerinnenseminars, und die Eltern lebten direkt im heutigen Rathaus, dem damaligen Seminargebäude. Engelbert selbst war dort zwischen 1877 und 1886 ebenfalls gemeldet und kehrte in diesen Jahren regelmäßig in das elterliche Heim zurück, um an seinen Kompositionen zu feilen.

Während die Worte des Gebets leise im Raum verhallten, formte sich in meiner kindlichen Vorstellung die unendlich schöne Idee von den vierzehn kleinen Engeln, die rund um mein Bett Wache hielten. Ähnlich wie der kleine Viktor an der Spitze des Schützenzuges, besaß dieses Bild für mich einen ganz besonderen Zauber. Ich stellte mir vor, wie sie mit ihren leuchtenden Flügeln im Zimmer standen, mich vor der Dunkelheit und jedem bösen Traum beschützten und mich sanft in den Schlaf wiegten.

In einer Welt, die sich draußen im rasenden Tempo des Wiederaufbaus veränderte, schenkten mir diese einfachen, von den Eltern vorgetragenen Worte das unerschütterliche Urvertrauen, dass ich niemals tiefer fallen konnte als in Gottes Hand – behütet von Addy und Franz auf Erden und den unsichtbaren Wächtern an meiner Seite.

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