Unter dem einen Turm

Am Tag der Taufe lag eine feierliche, fast andächtige Nervosität in der Luft. Die Verwandtschaft kam in ihren besten Sonntagsanzügen und Kleidern an, die Hüte der Omas und der Tanten saßen akkurat, und selbst der herbe Geruch von Opas Zigarrentabak schien an diesem Morgen einer feinen Note von Kölnisch Wasser zu weichen. Mittendrin standen meine beiden Taufpaten, die an diesem Tag eine ganz besondere Rolle einnehmen sollten: Onkel Willy, der jüngere Bruder meiner Mutter, der mit seiner herzlichen Art für ein wenig Leichtigkeit sorgte, und Tante Marianne, die ältere Schwester meines Vaters, die für mein erstes großes Fest extra die weite Reise aus Osterath auf sich genommen hatte. Behutsam wurde ich in unseren kleinen Korbwagen gebettet, und so machte sich die kleine Prozession auf den Weg.

Als wir uns dem Xantener Dom näherten, bot sich uns ein Bild, das die tiefen Wunden der jüngsten Vergangenheit unübersehbar vor Augen führte. Wo einst die mächtige, zweitürmige Silhouette das Bild des Niederrheins beherrscht hatte, ragte nun – nach den verheerenden Luftangriffen von 1945 – nur noch ein einzelner, beschädigter Turm einsam in den Frühlingshimmel. Der Nordturm war damals völlig in sich zusammengestürzt, und sein Fehlen hinterließ eine klaffende Wunde an der Westfassade.

Der mühsame Wiederaufbau hatte vor einiger Zeit begonnen, doch das Innere der gewaltigen Basilika war noch immer zweigeteilt: Ein beachtlicher Teil des Raumes war durch eine provisorische, hohe Holzwand streng abgetrennt. Dahinter, im mühsam gesicherten und hergerichteten Bereich, fanden trotz der Trümmer ringsum bereits wieder die liturgischen Feiern der Gemeinde statt, während auf der anderen Seite der Wand Stein auf Stein das alte Gotteshaus neu erstand.

Genau dort, in dieser eigentümlichen Atmosphäre aus geschichtsträchtiger Ruine und unbändigem Neubeginn, empfing uns eine ganz eigene Welt. Der tosende Wind des Niederrheins verstummte schlagartig, abgelöst von einer kühlen, weihrauchgeschwängerten Stille. Das Licht brach sich in bunten Farben durch die verbliebenen und neu eingesetzten Glasfenster und tanzte auf den kalten Steinböden. Die Schritte der Taufgesellschaft hallten von den hohen Gewölben wider, während wir uns dem historischen Taufbecken näherten. Ich selbst lag, von all dem Prunk und den Provisorien völlig unbeeindruckt, als stilles, weißes Bündel im Arm meiner Mutter, fest schlafend und eingehüllt in den duftenden Kokon aus sauberer Wäsche und Kamillentee.

Der Pfarrer, eine imposante Erscheinung in seinem feierlichen Ornat, trat an das steinerne Becken und schlug das dicke, ledergebundene Kirchenbuch auf. Nun schlug die Stunde der Wahrheit, das feierliche Finale wochenlanger, flüsternder Debatten am Küchentisch über den richtigen Namen. Es war ein Kompromiss aus tiefem Respekt vor den Ahnen und dem Stolz einer neuen Generation. Der Geistliche erhob seine Stimme, die kraftvoll durch das weite Kirchenschiff hallte. Er nahm das geweihte Wasser, goss es mir sanft über die Stirn, während meine Paten Marianne und Willy schützend an unserer Seite standen, und die Worte besiegelten meinen Platz in dieser Welt:

„Ich taufe dich auf den Namen Franz Georg Friedrich Wilhelm.“

Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Großmütter und Tanten – jeder der vier Namen trug das Gewicht einer eigenen Geschichte, eine Verbeugung vor den Vätern, Großvätern und Urgroßvätern, die dieses Leben erst möglich gemacht hatten. Ich quittierte das kühle Wasser auf meinem Kopf mit einem kurzen, empörten Aufschrecken und einem leisen Wimmern, das jedoch sofort im tröstenden Gemurmel der Mutter, dem stolzen, festen Blick meines Vaters und dem liebevollen Lächeln meiner Paten unterging.

Wenn in späteren Jahren das Gespräch auf den Dom kam, erinnerte sich meine Mutter immer wieder gern an diesen Tag und erzählte voller Rührung davon. Es war für sie und meinen Vater ein zutiefst bewegendes Ereignis, meine Taufe in diesem geschichtsträchtigen Gotteshaus, in dem sie einst auch selbst geheiratet hatten – genau dort, wo das Taufbecken bis heute unverändert steht und die Brücke in jene bewegte Zeit schlägt.

Als frischgebackener Franz Georg Friedrich Wilhelm wurde ich schließlich zurück in die Kissen des Korbwagens gebettet. Draußen vor den Toren des Doms empfing uns der helle Sonntag, und während die Glocken den Mittag einläuteten, stand fest: Der Grundstein für meinen Weg war gelegt – das Leben und das kleine Fest unterm Dach konnten beginnen.

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