Die Wochen vergingen im Flug, und der Sommer 1953 tat uns allen unendlich gut. Schritt für Schritt, wenn auch mühsam, besserten sich die Zeiten. Es ging spürbar aufwärts im Land, und mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zogen auch eine neue Hoffnung und unverfälschte Lebensfreude in den „Taubenschlag“ ein. Die junge Familie war voller Stolz auf ihr kleines Glück unterm Dach, und wo immer Not am Mann war, halfen die Verwandten und Freunde, wo sie nur konnten, mit Rat und Tat. Es war ein Sommer des Aufatmens.
Doch das unbeschwerte Glück unterm Ziegeldach war von den Jahreszeiten diktiert. Allzu schnell wurden die Tage wieder kürzer, die ersten Herbststürme fegten über den Niederrhein, und ehe wir uns versahen, stand auch schon der Winter vor der Tür. Nun zeigte die kleine Dachgeschosswohnung ihre unbarmherzige Seite. Es wurde bitterkalt in den Zimmern, durch die dünnen Ritzen der Fenster zog unaufhörlich der eisige Wind, und die Feuchtigkeit kroch in jede Ecke des Raumes. Unter diesen kargen Bedingungen war es im Nachhinein wohl nicht wirklich überraschend, dass es mich im Alter von gerade einmal neun Monaten schwer erwischte. Aus einem anfänglichen Husten entwickelte sich rasch eine schwere Lungenentzündung.
Die Sorge der Eltern war riesig, und so wurde ich mitten im Winter ins Krankenhaus nach Wesel gebracht. Dort, in den Händen der Ordensschwestern und Ärzte, war ich zum Glück bestens versorgt. Die Medikamente schlugen an, die Gesundheit besserte sich Tag für Tag. Und dann erhielten die Eltern die Nachricht, die erlösende Gewissheit: Der Junge hatte es überstanden und durfte endlich wieder nach Hause.
Franz und Addy machten sich überglücklich auf den Weg nach Wesel, um ihr kleines Wunder endlich wieder in die Arme zu schließen. Doch im Krankenhaus wartete eine dramatische Wendung, die als eine der kuriosesten Anekdoten in unsere Familiengeschichte eingehen sollte.
Als eine der Krankenschwestern schließlich mit einem schlafenden Bündel aus dem Säuglingszimmer kam und meiner Mutter das vermeintliche Kind in den Arm legte, trat Addy einen Schritt zurück und erschrak zutiefst.

Sie blickte auf das kleine Gesichtchen, schüttelte den Kopf und sagte mit fester, aber vor Schreck zitternder Stimme: „Das ist nicht mein Kind!“
In der Hektik des Stationsalltags hatte man mich schlichtweg verwechselt und meiner Mutter einen völlig fremden Jungen in die Hände gedrückt. Erst nach einigem Hin und Her, eiligem Suchen in den Krankenbetten und dem Abgleichen der Namensbändchen wurde der echte Franz Georg Friedrich Wilhelm gefunden und seiner sichtlich erleichterten Mutter übergeben.
Nachdem der Junge glücklich wieder zu Hause im Taubenschlag angekommen war, war das grundlegende Problem der kalten und feuchten Wohnung damit aber natürlich noch lange nicht gelöst. Der eisige Wind pfiff weiterhin durch die Ritzen, und so dauerte es im unbarmherzigen Winterwetter nur ein paar Tage, bis die Lungenentzündung zurückkehrte und ich erneut den Weg nach Wesel ins Krankenhaus antreten musste. Bei diesem zweiten Aufenthalt gab es beim Abschied allerdings kein langes Suchen oder Vertauschen mehr: Die Schwestern und Ärzte kannten den kleinen Patienten mit dem stolzen, vierteiligen Namen inzwischen nur zu gut, sodass ich bei der endgültigen Entlassung ohne weitere Zwischenfälle in die richtigen Hände übergeben wurde.
Ob sich die Geschichte damals exakt so dramatisch abgespielt hat oder ob der Schrecken der jungen Mutter die Erinnerung im Laufe der Jahrzehnte etwas ausschmückte, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären. Fest steht jedoch: Diese Erzählung über meine Beinahe-Verwechslung im Weseler Krankenhaus verfolgte und begleitete mich über viele Jahre hinweg auf jedem größeren Familienfest und sorgte immer wieder für ungläubiges Kopfschütteln und herzhaftes Lachen.