Ein neues Nest voller Wärme

Der unbarmherzige Winter unterm Ziegeldach und meine doppelte Lungenentzündung hatten den Eltern eines unmissverständlich vor Augen geführt: Ein Verbleib im kalten, feuchten „Taubenschlag“ war für ein junges Leben schlichtweg zu gefährlich. Eine neue Wohnung musste her, und zwar so schnell wie möglich. Nach wochenlangem Herumhorchen, intensivem Suchen und der tatkräftigen Mithilfe von Freunden und Bekannten tat sich schließlich eine Gelegenheit auf. In der Stadt, in der Scharnstraße, wurde eine Bleibe in einem soliden Mehrfamilienhaus frei. Die Wohnungen dort waren zwar klein und bescheiden, aber sie waren trocken, ließen sich vernünftig heizen und hatten als ganz großen Schatz sogar einen winzigen Balkon zur Hofseite hin.

Die Erleichterung bei Addy und Franz war riesig, bedeutete der Umzug doch das Ende der ständigen Angst um meine Gesundheit. Allerdings erkauften sie sich diese Sicherheit mit einer spürbar höheren finanziellen Belastung, die das ohnehin knappe Familienbudget arg strapazierte. Doch meine Eltern waren das Arbeiten und das harte Dazuzuverdienen von klein auf gewohnt; den Kopf in den Sand zu stecken, kam für sie nicht infrage.

In den neuen vier Wänden entwickelte sich rasch eine emsige Betriebsamkeit, um jeden Monat die Miete zusammenzukratzen. Addy besaß damals noch keine eigene Nähmaschine. Kleinere Näharbeiten erledigte sie geduldig und mit ruhiger Hand rein mit Nadel und Faden am Küchentisch. Wurde für eine Arbeit aber unbedingt eine Nähmaschine gebraucht, packte sie die Stoffe zusammen und machte sich mit mir auf den Weg zu ihrer Mutter – meiner Oma Anna in der Bahnhofstraße –, um dort die Stiche zu setzen. Für ein paar Groschen bügelte Addy außerdem körbeweise Hemden der Nachbarschaft, während sich mein Vater nach seinen langen Schichten auf der Lokomotive unermüdlich einspannte. Kam er aus dem Bahnbetriebswerk nach Hause, packte er bei anderen kräftig mit an – sei es auf dem Bau, bei Transporten oder wo auch immer gerade Not am Mann war. Jede verdiente Mark wanderte direkt in die Haushaltsspardose.

Von all diesen Sorgen, der harten Plackerei und dem ständigen Rechnen der Erwachsenen bekam ich selbst natürlich überhaupt nichts mit. Mein Radius war noch denkbar klein: Ich schlief friedlich in meinen Kissen, trank fleißig das Fläschchen oder schluckte Brei, quengelte ab und zu herum, wenn mir danach war, und ließ mich von der liebevollen Unruhe des Alltags treiben.

Als dann endlich der nächste Sommer über das Land zog und die Scharnstraße in warmes Licht tauchte, schlug meine große Stunde auf unserem kleinen Balkon zur Hofseite. Die Mutter stellte dort eine kleine, schwere Zinkwanne auf, füllte sie mit mühsam angewärmtem Wasser und setzte mich hinein. Da saß ich nun inmitten von spritzenden Wassertropfen, schaute auf die Wäscheleinen im Hof hinab und patschte vergnügt mit den Händen auf die Oberfläche.

In diesem Nest voller Wärme, unserem neuen Zuhause in der Scharnstraße, begann ich Schritt für Schritt, mein eigenes kleines Universum zu erobern. Meine Eltern, Addy und Franz, ließen keine Gelegenheit aus, mir geduldig und mit unendlicher Liebe die Welt zu erklären. Sie zeigten mir die Wunder der Natur im Garten, erklärten mir die Dinge des Alltags und machten mich schon früh ganz behutsam mit dem katholischen Glauben vertraut. Für sie war der Glaube kein abstraktes Regelwerk, sondern ein gelebtes Fundament, das sie mir mit einfachen Worten, Symbolen und kindgerechten Geschichten nahebrachten – ein erster Kompass für meine Seele.

Unter ihren schützenden Augen machte ich all die großen, kleinen Fortschritte, die ein junges Leben ausmachen. Ich lernte das Krabbeln, eroberte robbend die Holzböden unserer Stube, bis ich schließlich sicher aufrecht sitzen konnte, um alles ganz genau zu betrachten. Es dauerte nicht lange, da zog ich mich an den Stuhlkanten hoch, wagte die ersten freien Schritte und lernte schließlich das Laufen.

Dass meine ersten, noch etwas wackeligen Schritte auf festem Fundament standen, war dabei auch ein Verdienst jener Schienen, die einst das Glück meiner Eltern besiegelt hatten. An meinen kleinen Füßen trug ich stolz die ersten eigenen Lauflernschuhe – natürlich echte, robuste „Elefanten-Schuhe“ aus der berühmten Fabrik in Kleve. Genau dort, am anderen Ende der Bahnstrecke, hatte meine Mutter Addy vor ihrer Ehe gearbeitet und Tag für Tag gelernt, worauf es bei gutem Schuhwerk ankam. Nun schloss sich ein kleiner Kreis, als mich die blauen Schuhe mit dem kleinen, eingeprägten Elefanten sicher durch den Flur unserer neuen Wohnung trugen.

Mit der neu gewonnenen Bewegungsfreiheit erwachte auch mein Geist. Ich lernte sprechen, formte aus den ersten Silben stolz ganze Sätze und sog jedes Wort auf, das mir meine Eltern schenkten. Doch die Sprache brachte noch eine weitere, ganz neue Freiheit mit sich – eine, die meine eigene Persönlichkeit formen sollte: Ich lernte nicht nur zu sprechen, sondern mit wachsendem Selbstbewusstsein schon bald auch zu widersprechen. Es war der Beginn meines eigenen Kopfes, ein erstes Austesten von Grenzen in einem Zuhause, das mir genau dafür den sicheren Raum bot.

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