Holzklötze, Kakao und ein Pflaster auf dem Mund

Wenn ich morgens durch die schlichte, weiß lackierte Holztür in den Kindergarten trat, in dessen Eingangshalle ein großes Holzkreuz hing, waren meist schon einige andere Kinder da, während die nächsten erst nach und nach eintrudelten. Zuerst hieß es: Jacken, Mützen und Schuhe ausziehen. Die eigene Kindergartentasche wurde abgelegt und alles an der langen Garderobe an bunten Haken aufgehängt. Die Straßenschuhe stellten wir ordentlich in kleine Holzkästen, denn drinnen trugen wir alle Pantoffeln. Die Kinderschar teilte sich auf zwei gemischte Gruppenräume auf. Hier verbrachten wir die Vormittage von acht bis zwölf Uhr. Wer wollte, konnte nach der Mittagspause für weitere zweieinhalb Stunden von vierzehn Uhr bis halb fünf wiederkommen, doch nachmittags waren es meist deutlich weniger Kinder als am Morgen.

In den Gruppenräumen spielten wir an den kleinen Holztischen, saßen auf Holzstühlchen oder rutschten direkt auf dem Parkettboden herum. Es gab eine Bauecke mit Holzklötzen, hier waren die Jungen, während die Mädchen sich meist in der Puppenecke aufhielten und Mutter und Kind spielten. Andere wiederum flitzten mit einem kleinen Rutsch-Lastwagen kreuz und quer durch den Raum rund um die Tische. Kräne und Trecker aus Holz mit Anhängern standen zum ausgiebigen Spiel bereit. Wir malten viel mit Buntstiften, Wachsmalstiften oder Wasserfarben und bastelten fleißig: Geschenke zum Muttertag, kleine Männchen aus Kastanien, bunte Laternen für den Martinszug, Weihnachtssterne und glitzernden Christbaumschmuck.

Zu den Höhepunkten drinnen gehörten die gemeinsamen Singspiele: Ein Riesenspaß war jedes Mal die wilde „Reise nach Jerusalem“, wenn wir um die Stühle sausten und bangten, ob man beim Stoppen der Musik noch einen freien Platz ergattern würde. Genauso begeistert stellten wir uns hintereinander auf, fassten den Vordermann an den Schultern und tuckerten als langer Zug durch den Raum, während wir lautstark sangen: „Tuff, tuff, tuff, die Eisenbahn, wer will mit nach Kölle fahren?“

Unvergesslich bleibt auch der besondere Tag, an dem der Fotograf in den Kindergarten kam. Für diesen Anlass hatte mich meine Mutter wieder einmal ganz besonders fein herausgeputzt: Ich trug einen von ihr selbst gestrickten, quer gestreiften Pullover, der auf der Schulter mit drei kleinen Knöpfen verziert war, und – zu meinem bedauerlichen Leidwesen – natürlich wieder das verhasste Klämmerchen in den Haaren. Jedes Kind wurde einzeln porträtiert: Man stellte sich einfach hinter einen Stuhl, hielt die kleine Holzente fest, die auf der Lehne wartete, und versuchte, möglichst gewinnend in die Linse zu lächeln. Zum Abschluss schoss der Fotograf noch ein großes Gruppenbild von uns allen zusammen mit Tante Henni. Als die fertig entwickelten Abzüge einige Tage später den Eltern angeboten wurden, wanderten sie stolz von Hand zu Hand und irgendwann in einen Bilderrahmen an der Wand oder in den Schuhkarton zu den vielen anderen Fotos der Familiengeschichte.

Jeden Tag um zehn Uhr schlug schließlich die ersehnte Frühstückszeit. Dann saßen wir alle zusammen in einem Raum. Jeder hatte seinen eigenen Teller und seine eigene Tasse, warmes Cremeweiß mit dunkelgrünen Rändern und kleinen Abbildungen von Hahn und Henne – Zeller Keramik. Alle holten ihre Kindergartentasche, aus der das in Staniolpapier gewickelte Brot ausgepackt wurde. Dazu bekamen wir warme Milch oder Kakao, manchmal mit einer dünnen Milchhaut auf der Oberfläche, die ich nicht mochte. Das Frühstück war als feste Zeit der Ruhe gedacht; Laufen, Rennen, Springen oder Schreien waren strengstens untersagt. Wir sollten stillsitzen und essen. Wenn einer von uns jedoch einmal zu viel quatschte und die Ruhe störte – so wie es mir immer wieder passierte –, griffen die Erzieherinnen in ihrer Not auch schon mal zu einer drastischen Maßnahme: Man klebte mir kurzerhand ein Pflaster auf den Mund, damit endlich Ruhe war. Als meine Mutter später davon erfuhr, regte sie sich mächtig über diesen Vorfall auf. Sie ging schnurstracks zum Kindergarten und machte den Erzieherinnen unmissverständlich klar, dass sie sich einen anderen, liebevolleren Umgang mit den Kindern wünschte. Die Angelegenheit war danach zwar schnell vergessen, aber die Erinnerung an das Pflaster auf meinem Mund hat sich mir bis heute tief eingeprägt.

Ein regelmäßiger und gern gesehener Gast bei uns war Pastor Klümpen von der katholischen Gemeinde St. Joseph in Friemersheim und St. Laurentius in der Eisenbahnsiedlung. Er spielte und sang mit uns, lachte über unsere Reime und erzählte uns aus der Bibel, während wir ihm im Stuhlkreis gebannt zuhörten. Für uns Kinder klangen diese Erzählungen wie spannende Abenteuergeschichten: Er berichtete von einem Mann, der in einem armseligen Stall geboren und von mächtigen Königen besucht und beschenkt worden war. Ein Mann, der später auf dem Wasser gehen konnte, einen Blinden wieder sehend machte, der einfaches Wasser in köstlichen Wein wandelte, den man an ein Kreuz genagelt hatte und der nach seinem Tod sogar wieder von den Toten auferstanden war.

Im Sommer verlagerte sich unser Leben nach draußen in den Garten. Wir buddelten im großen Sandkasten, matschten mit Wasser, kletterten an den Turngeräten und sausten die Rutschbahn hinab. Beim Laufen über die Wiesen spielten wir Fangen, Verstecken oder stimmten das damals so beliebte Spiel „Wer hat Angst vor dem schwarze Mann?“ an.

Ein ganz besonderer Zauber legte sich im Dezember jeden Jahres über den Kindergarten. Dann stand in der Eingangshalle neben dem Klavier ein großer, festlich geschmückter Weihnachtsbaum, der vom Boden bis zur Decke reichte. An jedem einzelnen Tag im Advent durfte jeweils ein anderes Kind eine am Baum hängende Süßigkeit für sich abschneiden. Wenn das gewünschte Objekt weiter oben hing, nahm Tante Henni das Kind auf den Arm, beugte sich leicht vor, und ab war die Leckerei. Da gab es kleine Schokoladentafeln, runde Schokoladenplätzchen oder würzigen Spekulatius, die alle an dünnen, roten Bändern zwischen den Tannenzweigen baumelten. Bei uns Jungen waren vor allem die sogenannten „Sputniks“ der absolute Renner: kleine, in buntes Papier eingewickelte Schokoladenkugeln, aus denen viele glitzernde Strahlen aus Staniolpapier herausragten. Es war auch die Zeit, in der ich zum allerersten Mal eine brennende Wunderkerze sah und den typischen, leicht strengen Geruch des sprühenden Funkenflugs in die Nase bekam. Wenn wir dann zusammen die alten Advents- und Weihnachtslieder anstimmten, fühlten wir uns überglücklich und fieberten dem Heiligen Abend entgegen.

Der Höhepunkt der Vorweihnachtszeit war ein Nachmittag, an dem alle Eltern zu einer kleinen Aufführung eingeladen wurden. Wir Kinder sangen unsere gelernten Lieder, und Tante Henni begleitete uns dazu auf ihrer Gitarre. Ältere Kinder sagten kleine, weihnachtliche Gedichte auf. Es erklang der Gesang von „Nikolaus komm in unser Haus“, und dann schritt er mit seinem Bischofsstab in den Raum: der Nikolaus mit seinem Knecht Ruprecht, der einen schweren Jutesack hinter sich herzog, mit seiner schweren Kette rasselte und ächzte. Es wurde ganz still.

Jedem Kind las der Nikolaus aus seinem Buch von den guten und schlechten Taten vor. „Franz-Georg, komm mal her!“, hieß es plötzlich. Ich ging zögerlich nach vorn, im Raum war es mäuschenstill. „Was habe ich da gehört, du schwätzt immer so viel beim Frühstück!“, sprach er mich mit mahnendem Zeigefinger an. Währenddessen zog der herrliche Duft von heißem Kaffee und frisch gebackenen Plätzchen und Kuchen, die die Mütter von zu Hause mitgebracht hatten, bereits durch die gemütlichen Räume.

Für eine kleine Aufführung waren wir alle als Zwerge kostümiert: Wir trugen knallrote Zipfelmützen, grüne Umhänge und – was für große Augen sorgte – einen dichten Bart aus weißer Watte, den selbst die Mädchen aufgeklebt bekamen. Mancher von uns kam sich vor wie entsprungen aus dem Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Es herrschte eine zutiefst feierliche Stimmung – eine Zeit voller tiefer Zufriedenheit, kleinen Glücks und großer Zuversicht.

Neue Gesichter und ein schöner Empfang

So wie ich nach und nach die Straßen, die Verstecke und die Orte späterer Abenteuer entdeckte, so lernte ich mit der Zeit auch die Menschen in meiner neuen Heimat kennen. Die Eisenbahnsiedlung füllte sich für mich mit Gesichtern, Geschichten und Vertrautheit. Das begann schon in unserem eigenen Haus: In der Wohnung über uns lebten Tante Hannelore und Onkel Hubert. Verwandt waren wir zwar nicht – in der Siedlung war es damals fest verankert, dass enge Freunde und gute Bekannte der Eltern ehrfurchtsvoll mit „Tante“ und „Onkel“ angeredet wurden –, aber die beiden freundeten sich schnell eng mit Addy und Franz an. Hubert und Hannelore hatten selbst keine Kinder und gingen mit mir schon bald so liebevoll um, als wäre ich ein eigener Familienangehöriger. Für mich, den „lieben Jung“, war diese zusätzliche Zuneigung im Haus natürlich ein riesiger Vorteil.

Doch mein Radius endete nicht an der Haustür. Nach und nach lernte ich andere Kinder kennen. Mein kleiner Lebenskreis wuchs schnell über den Rand des Sandkastens hinterm Haus hinaus und dehnte sich auf die Häuser der unmittelbar angrenzenden Straßen aus. Uschi, Wolfgang, Lothar,Rolf und Manfred gehörten zu den ersten Gefährten dieser Tage, und viele andere sollten später noch dazustoßen. Es war eine eingeschworene, aber auch bunt gemischte Kinderschar. Einzig am Sonntag trennten sich unsere Wege kurzzeitig: Die katholischen Familien, zu denen auch wir gehörten, strömten in die nahe Kirche St. Laurentius an der Martinistraße, während die evangelischen Kinder einen deutlich weiteren Fußweg vor sich hatten, um zu der alten Dorfkirche im Friemersheimer Dorf zu gelangen. Doch abseits der Sonntagsgottesdienste wurden mir diese Welt, die Erwachsenen und die vielen Kinder zunehmend vertraut.

Und so kam schließlich wie für alle anderen auch für mich der Tag, an dem ich den katholischen Kindergarten in der Turmstraße besuchte, der so markant zwischen dem Wasserturm und dem Damm eingebettet lag. Für diesen ersten Tag hatte meine Mutter mich ganz besonders herausgeputzt. Meine dunklen Haare wurden ordentlich gekämmt und ein schnurgerader Scheitel gezogen. Die etwas längeren Haare, die mir sonst immer so störend in die Stirn fielen, wurden mit einer kleinen Klammer aus dem Gesicht gehalten – eine Maßnahme, die mir insgeheim ziemlich unangenehm war. Stolz trug ich eine neue, dunkelbraune kleine Kindergartentasche aus Leder, die an einem langen Lederband um meinen Hals hing und vor meinem Oberkörper baumelte. Darin befand sich mein Frühstück: ein sorgsam in Staniolpapier – wie man die glänzende Folie damals nannte – gewickeltes Butterbrot.

So ausgestattet machten wir uns auf den Weg. Er führte uns von unserem Zuhause an der Uerdinger Straße 62 zuerst über die Henschelstraße, vorbei an der langgestreckten „Übernachtung“. Wir gingen an der Werkstatt des Schusters und dem kleinen Spiel- und Schreibwarenladen seiner Frau vorbei, passierten das Haus Rheindamm und bogen schließlich in die Turmstraße ein. Hier ging es vorbei an dem kleinen Tante-Emma-Laden und dem Waschhaus.

Doch je weiter wir vorankamen, desto schwerer lastete ein unwohles Gefühl auf meinem kleinen Herzen. Die Erinnerung an das bittere, tränenreiche Fiasko im Schatten des Xantener Doms war noch allgegenwärtig. Ich befürchtete insgeheim genau dasselbe Elend wie an jenem ungeliebten Ort zuvor. Meine Schritte wurden mit jedem Meter schwerfälliger, ich zögerte und versuchte instinktiv, die Zeit zu dehnen. Doch ich spürte genau, dass ich letztlich chancenlos war, meinem vermeintlichen Schicksal zu entgehen – an der Hand meiner Mutter gab es kein Zurück. Begleitet vom wachsamen Anblick des mächtigen Wasserturms stieg der Weg nun in Richtung des Rheindamms leicht an, bis wir schließlich vor dem Jägerzaun standen, dessen kleines Törchen den Eingang zum Kindergarten bildete.

Hinter dem Törchen führte der kurze Weg zum Eingang ein paar Stufen aus rustikalen Natursteinplatten hinab. Es war eine malerische Kulisse: Rechts ragte mächtig der Wasserturm in den Himmel, während sich zur Linken zwei iebevoll angelegte Kleingärten erstreckten. Mein Blick fiel auf gepflegte Beete mit Gemüse und Blumen, auf Beerensträucher, Obstbäume und sorgsam aufgehängte Nistkästen. An einer gemütlichen Holzbank lehnte griffbereit das spärliche Gartengerät.

Und dann stand ich mit meiner Mutter an der Tür unseres Ziels. An der schlichten, weiß lackierten Holztür mit ihrer kleinen Messingklingel wurde ich bereits erwartet. „Tante Henni“, wie die Kinder die Erzieherin nannten, nahm mich in ihrem sauberen, weißen Leinenkittel mit einer tiefen Herzlichkeit in Empfang. Sie gab mir ihre Hand und führte mich geduldig durch die hellen Räume, machte mich mit den anderen Kindern bekannt und erklärte mir ganz behutsam die täglichen Abläufe. Uschi, Wolfgang, Lothar, Manfred und Rolf waren auch schon da. Nach den schmerzhaften Erfahrungen im Schatten des Xantener Doms war die Erleichterung bei meinen Eltern und mir riesig: Ich fühlte mich vom ersten Moment an rundum gut aufgenommen und geborgen.

Uerdinger Straße 62 – Erste Entdeckungen

In den ersten Wochen nach unserer Ankunft begann ich, die nähere Umgebung unseres neuen Zuhauses in der Uerdinger Straße 62 zu erkunden – anfangs noch fest an der Hand meiner Eltern, schon bald jedoch immer mutiger und auf eigene Faust. Unser Wohnhaus bildete den Ausgangspunkt für eine Vielzahl neuer Entdeckungen, die sich mir wie Puzzleteile einer völlig neuen Welt zusammensetzten.

Die nächste Querstraße war die Henschelstraße. Auf der einen Seite erhoben sich dort die typischen Wohnhäuser der Siedlung, während sich auf der gegenüberliegenden Seite die sogenannte „Übernachtung“ befand – ein stattliches Gebäude mit einer eigenen Kantine für die Bahnbediensteten. Im Kellergeschoss dieses Hauses verbarg sich für mich ein ganz besonderer Ort: Hier ging nicht nur ein Schuster seinem Handwerk nach, seine Frau führte in einem winzigen, sehr überschaubaren Raum auch einen kleinen Spiel- und Schreibwarenladen. Für Kinderaugen bot dieses Lädchen trotz seiner Bescheidenheit einen magischen Anziehungspunkt. Folgte man der Henschelstraße weiter, stieß man auf einen kleinen Parkplatz direkt vor dem Haus Rheindamm, das einen großen Saal für Feste und Veranstaltungen in sich barg – genau an jener Stelle, an der die Henschelstraße einen markanten Knick im rechten Winkel machte und schließlich direkt auf die Turmstraße zulief.

Die Turmstraße selbst, die von der Uerdinger Straße hinauf zum schützenden Damm führte, steckte voller Leben. Flankiert von Wohnhäusern zu beiden Seiten, bot sie an der Einmündung zur Henschelstraße einen echten Tante-Emma-Laden für die Dinge des täglichen Bedarfs. Der Weg führte in Höhe der Breitenbachallee vorbei am Ehrendenkmal, später am alten Waschhaus, dem mächtigen Wasserturm Hohenbudberg und dem Eingang zu meinem späteren Kindergarten, bis man schließlich oben auf dem Damm stand. Von dort aus bot sich mir ein überwältigender Weitblick über die saftigen Rheinwiesen bis hinüber auf die andere Rheinseite, wo die rauchende Schwerindustrie von Mannesmann das Bild beherrschte. Mein Blick schweifte nach Norden bis zum alten Dorf Friemersheim und weit nach Süden hinab zu den weitläufigen Bayer-Werken und nach Krefeld-Uerdingen.

Direkt hinter unserem Wohnhaus erstreckte sich ein großes, grünes Areal, das von den Häusern der Henschelstraße, dem schützenden Rheindamm und weiten Feldern eingegrenzt wurde. Diese Grünanlage war ein Paradies mit vielen Versteckmöglichkeiten für uns Kinder, bewachsen mit Büschen, Hecken und Bäumen. Mittendrin lag der Spielplatz mit einem großen Sandkasten und einfachen Turngeräten. Doch die Anlage war auch ein Ort des emsigen Alltags der Erwachsenen: Hier standen die Teppichstangen, auf denen die Mütter mit lauten Schlägen die Teppiche ausklopften und reinigten. Gleich daneben befand sich der Wäschekäfig – ein mit einem mehr als mannshohen Lattenzaun abgetrennter Bereich, in dem die Hausbewohner ihre frisch gewaschene Wäsche aufhängen konnten, sicher geschützt vor den allzu wilden Spielen von uns Kindern.

All diese Orte waren eingehüllt in die ganz eigene Atmosphäre des Reviers. Es roch hier immer – je nach Windrichtung – mal nach verbrannter Kohle, nach feuchtem Dampf, nach Chemie oder der schweren Industrie. Es war ein Geruch, der viel mehr nach Zivilisation und harter Arbeit schmeckte als nach freier Natur. Untermalt wurde dieses Leben von einer unaufhörlichen, industriellen Symphonie rund um die Uhr: Das dumpfe Atmen der schweren Güterzüge, die vollbeladen mit Kohle und Erz in den Verschiebebahnhof ein- und ausfuhren, das laute Anfahren und Kreischen der Bremsen, das geschäftige Hin und Her der Rangierloks und das harte, metallische Aufeinanderstoßen der Waggons beim Ablaufen. Dazu gesellte sich das unregelmäßige, lautstarke Ablassen von Stoffen bei Bayer, Mannesmann oder Krupp.

Inmitten all dieses industriellen Rauschens trieben unzählige Spatzen ihr Unwesen. Sie waren die heimlichen Herrscher der Straße, schimpften in den Hecken und putzten sich nach sommerlichen Regengüssen vergnügt in den verbliebenen Pfützen. Doch wer genau hinsah, entdeckte, dass sich die Natur ihren Platz trotz allem nicht nehmen ließ. Unten in den angrenzenden Wiesen existierte eine ganz eigene, lebendige Fauna: Dort hatten stolze Fasane, flinke Rebhühner, Feldhasen und der Fuchs ihr Zuhause, während in den warmen Monaten unzählige Heuschrecken im Gras zirpten. In den hohen Baumkronen hämmerte der Specht seine Höhle zurecht. Amseln, Rotkehlchen und Zaunkönige bauten ihre Nester in wild gewachsenen Hecken und Kopfweiden. Auf den Steinen sonnten sich flinke Eidechsen, im Verborgenen schlängelten sich Blindschleichen durchs Unterholz und farbenprächtige Schmetterlinge tanzten durch die Luft. Für mich war die Eisenbahnsiedlung eine Welt, die in den kommenden Jahren voller pulsierenden Lebens, unvergesslicher Entdeckungen und großer Abenteuer stecken sollte.