Ankunft in der Eisenbahnsiedlung

Der eigentliche Umzug in die Eisenbahnsiedlung, in eine Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Uerdinger Straße 62, war für mich damals eine gänzlich unspektakuläre Angelegenheit. Mit meinen gerade einmal drei Jahren habe ich von dem Trubel, dem Kistenpacken und dem Möbeltransport schlichtweg nicht viel mitbekommen. Während meine Eltern den Haushalt auflösten und den Neuanfang organisierten, war ich mit Sicherheit gut behütet bei Oma Anna untergebracht, wo ich von dem Abschiedsschmerz und dem logistischen Kraftakt völlig unberührt blieb.

Erst als alles vorüber war, fand ich mich plötzlich in einer für mich völlig neuen, vollkommen fremden Welt wieder, die so gar nichts mehr mit der Beschaulichkeit meiner Geburtsstadt zu tun hatte. Wo zuvor der süße Duft von Wiesen und der beruhigende Klang von Vogelzwitschern meinen Alltag bestimmt hatten, regierte hier nun die Eisenbahn. Die Schwer- und Chemieindustrie, die Schlote der nahen Werke drückten der Landschaft unübersehbar ihren Stempel auf. Rundherum stieg Rauch in den Himmel – mal tiefschwarz, mal weißgrau oder in seltsamen Gelb- und Rottönen. Krupp, Mannesmann, die Kupferhütte und die Bayer-Werke rahmten unseren neuen Lebensraum ein. Und direkt vor unserer Haustür lag der riesige Verschiebebahnhof, auf dem die mächtigen Dampflokomotiven Tag und Nacht arbeiteten.

Diese neue Welt strömte mir mit einer Wucht entgegen, die all meine Sinne forderte. Der dichte, weiße Dampf der Loks, der beißende Gestank von nasser Kohle und der schwere Rauch der nahen Hüttenwerke lagen ständig in der Luft. Je nach Windrichtung mischten sich dazu die verschiedenen, oft unangenehm und stechend übel riechenden Düfte aus den Schloten der Bayer-Werke, die chemisch-fremd über die Siedlung zogen. Man roch diese Umgebung nicht nur, man schmeckte sie förmlich; ein leicht bitterer, metallischer Film legte sich wie selbstverständlich auf die Zunge, wenn man draußen spielte. Feiner Ruß rieselte unaufhörlich herab und legte sich als grauer Schleier auf Fensterbänke und Gärten. Doch dort, wo die Industrieanlagen eine Pause einlegten, öffnete sich die Landschaft wieder: Zwischen dem eigentlichen Ort und dem mächtigen Strom des Rheins erstreckten sich die weiten Rheinwiesen, geschützt durch den großen Deich, der wie ein grüner Schutzwall in der Landschaft lag und uns Raum zum Atmen gab.

Die Eisenbahnsiedlung selbst war ein ganz besonderer eigener Lebensraum mit einer eigenen Geschichte. Jahrzehnte zuvor, im Zuge des rasanten Ausbaus der Eisenbahnstrecken und der Entstehung des gewaltigen Rangierbahnhofs Hohenbudberg vor dem Ersten Weltkrieg, war sie als geplanter Wohnort für die Heerscharen von Eisenbahnern und ihre Familien aus dem Boden gestampft worden. Einheitliche Hausfassaden, Nutzgärten hinter den Gebäuden und eine klare Struktur prägten das Bild. Es war eine Siedlung, die autark funktionierte, eine eingeschworene Gemeinschaft am Rande des staubigen Reviers.

Die Menschen, die hier zu dieser Zeit lebten, waren von einem ganz eigenen Schlag. Die Bewohner waren fast ausnahmslos Eisenbahnerfamilien – Lokführer, Rangierer, Weichenwärter und Handwerker, die im Bahnbetriebswerk ihr Brot verdienten. Ihr Lebensrhythmus wurde nicht vom Stand der Sonne, sondern vom unerbittlichen Takt der Schichtpläne und dem permanenten Pfeifen, Rangieren und Fauchen der Züge bestimmt. Es war eine harte, arbeitsreiche Welt, aber unter den Nachbarn herrschte ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Man teilte das Schicksal, man teilte den Ruß auf der Wäscheleine und man half sich gegenseitig. Es gab hier viele junge Familien mit Kindern, die zu allen Jahreszeiten für ein buntes, quirliges Leben sorgten, in dem Langeweile ein Fremdwort war. Im Ort pulsierte ein vielseitiges Vereinsleben: Engagierte Kleingärtner hegten ihre Parzellen, Chorsänger stimmten ihre Lieder an und ambitionierte Hobbyfotografen hielten das Leben der Siedlung und den Bahnbetrieb im Bild fest.

Getragen wurde das Jahr von festen Höhepunkten, die die Gemeinschaft zusammenschweißten – von der feierlichen Fronleichnamsprozession der katholischen Kirche St. Laurentius über den Trubel der Kirmes und das traditionelle Erntedankfest, dem leuchtenden St.-Martins-Zug bis hin zur Weihnachtsfeier im Haus Rheindamm. Für mich als kleinen Steppke, gekleidet in die feinen, von Onkel Willy und Tante Gertrud genähten Sachen, war dieses Meer aus Schienen, Rauch, Gemeinschaft und Festen das nächste große, wenn auch anfangs unheimliche Abenteuer meines Lebens.

Doch allen anfänglichen Ängsten zum Trotz sollte genau dies der Ort werden, an dem ich Wurzeln schlug. Im Gegensatz zu Xanten ging ich hier plötzlich mit großer Freude in den Kindergarten, wurde im Jahr 1959 eingeschult, feierte meine erste heilige Kommunion und diente stolz als Messdiener am Altar von St. Laurentius. Hier fand ich treue Freunde für die wildesten Spiele, und hier wuchs das Fundament für all das auf, was unsere kleine Familie prägen sollte, bevor wir Jahre später in eine größere Wohnung im Haus Uerdinger Straße 59b zogen und meine Schwester Marion das Licht der Welt erblickte.

Und während Addy und Franz in unserem Nest voller Wärme natürlich stets versuchten, mich nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, sah die Realität doch zunehmend ein wenig anders aus: In Wirklichkeit waren es die Freiheit der Straße und das unendliche Grün der Rheinwiesen, die mich formten und meine wahre Erziehung nach und nach übernahmen.

Entdeckungsreisen und ein schwerer Abschied

Tage, Wochen und Monate vergingen. Um mich herum drehte sich das Rad der Natur unaufhörlich weiter: Ich sah, wie die ersten zarten Blätter an den Bäumen wuchsen, im Sommer saftig grün im Wind tanzten, im Herbst bunt welkten und schließlich leise zur Erde fielen. Ich erlebte das Aufblühen der Blumen auf den Wiesen, spürte den peitschenden Regen im Gesicht, lauschte dem Pfeifen des Windes und staunte über den ersten weißen Schnee, der die Welt zudeckte. Mit jedem Wechsel der Jahreszeiten weitete sich mein Blick. Die Straßen und Plätze unserer Stiftsstadt, die umliegenden Gärten, die vorbeieilenden Menschen, spielende Kinder und vorbeifahrende Radfahrer – all das lernte ich langsam kennen. Für mich war dieses junge Leben eine einzige, große Entdeckungs- und Abenteuerreise.

Es war eine Reise, die ich mit all meinen Sinnen in mich aufsaugte. Ich nahm die unterschiedlichsten Gerüche tief in mich auf – den würzigen Duft von frischen, jungen Blättern im Frühling, das süßliche Aroma von gemähtem Gras und den betörenden Duft der Blumen in den Rheinwiesen und Gärten. Meine Ohren öffneten sich für die feinen Klänge der Natur: Ich hörte die Vögel in den Hecken und Baumkronen zwitschern, das emsige Summen der Bienen, das abendliche Zirpen der Grillen auf den Wiesen und das laute Quaken der Frösche an den nahen Gewässern. Mit großen, staunenden Augen beobachtete ich die farbenprächtigen Muster auf den bunten Flügeln der Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte gaukelten. Und im Winter hielt ich fasziniert inne, wenn ich sah, wie die kunstvollen Schneekristalle im warmen Schein der Wintersonne schmolzen und vor meinen Augen zu glitzernden Wassertropfen wurden.

Auf all diesen Wegen war ich stets bestens eingekleidet, und das auf eine ganz besondere, familiäre Weise. Meine Garderobe bestand aus echten Unikaten: Da waren die liebevoll von meiner Mutter gestrickten Wollsachen, die mich wunderbar warmhielten. Doch das Herzstück meiner Kleidung stammte aus der Handwerkskunst meiner Verwandtschaft. Mein Onkel Willy, der Bruder meiner Mutter, war von Beruf Schneider und verstand sein Handwerk meisterhaft. Unterstützung erhielt er von Tante Gertrud, der jüngsten Schwester meiner Mutter, die gerade ihre Ausbildung zur Schneiderin absolvierte. Gemeinsam schneiderten und nähten die beiden für mich die schönsten Hosen und Jäckchen, sodass ich immer wie aus dem Ei gepellt durch Xanten fuhr. Denn schon bald lag ich nicht mehr nur im Kinderwagen, sondern saß stolz aufrecht im Sportwagen, um die Welt noch besser im Blick zu haben.

Als ich schließlich drei Jahre alt war, meinten meine Eltern es besonders gut mit mir und beschlossen, mir den Weg unter andere Kinder zu ebnen: Ich kam in den Kindergarten. Es war der katholische Kindergarten St. Viktor, der sich unmittelbar im mächtigen Schatten des Xantener Doms, in der Rheinstraße, Kapitel befand. Die Einrichtung war in einem lang gezogenen Backsteinbau untergebracht, an den sich ein großer Garten anschloss. Der Weg hinein führte durch ein für mich überaus geheimnisvolles Tor, das in die dicke Mauer direkt an der Straße eingelassen war. Dieses Tor bildete die Schwelle zu einer völlig neuen, fremden Welt.

Doch so gut es Addy und Franz auch gemeint hatten – ich fühlte mich in dieser neuen Umgebung überhaupt nicht wohl. Ich selbst kann mich heute zwar nicht mehr an jene Tage erinnern, aber den späteren Erzählungen meiner Mutter nach muss ich ein echter Unglücksrabe gewesen sein. Ich soll unendlich viel geweint und mich schluchzend festgeklammert haben. Ich wollte einfach nur weg, zurück in die Geborgenheit zu meinen Eltern und in mein sicheres Nest in der Scharnstraße. Der Kindergarten St. Viktor und ich – das sollte einfach nicht zusammenpassen.

Es blieb letztlich bei einem nur sehr kurzen Gastspiel von wenigen Tagen, denn eine unerwartete Erlösung zeichnete sich ab, die gleichzeitig einen großen Einschnitt für uns bedeutete: Unser Umzug stand bevor. Mein Vater Franz wurde aus dienstlichen Gründen in das große Bahnbetriebswerk Hohenbudberg versetzt. Für uns als kleine Familie hieß das, Abschied zu nehmen von der vertrauten Stiftsstadt. Vor uns lag das Aufbrechen in ein völlig neues Kapitel – hinein in die Eisenbahnsiedlung, die schon bald für längere Zeit meine neue Kindergartenheimat werden sollte und wo das nächste große Abenteuer bereits wartete.

Himmlische Wächter

Hatte mich der Anblick des kleinen Viktor in seiner glänzenden Rüstung auf den Straßen Xantens noch tief ins Staunen versetzt, so wartete das eigentliche Gefühl von absolutem Schutz und Geborgenheit zu Hause in der Scharnstraße auf mich. Was mir die Billekerls und ihr kleiner Patron draußen als großes, mächtiges Symbol für die ganze Stadt vorlebten, holten meine Eltern Tag für Tag im Kleinen in unser Zuhause. Für Addy und Franz waren die Rituale des katholischen Glaubens das unsichtbare, aber unerschütterliche Fundament unseres Alltags. Sie gaben unseren Tagen, jedem Monat und dem ganzen Jahr eine feste, verlässliche Struktur und mir von klein auf ein tiefes Gefühl von Sicherheit.

Das zeigte sich schon bei den gemeinsamen Mahlzeiten am Küchentisch. Ich war noch klein, konnte aber immerhin schon sicher im Stuhl sitzen. Während ich gefüttert wurde, nahm ich an den Tischgebeten teil – anfangs noch rein passiv, aber als fester Teil der Gemeinschaft. Es war ein tägliches Ritual des Innehaltens: Erst wurde gemeinsam gebetet, Gott gedankt und dann ein guter Appetit gewünscht.

Das schönste Ritual des Tages hoben sich meine Eltern jedoch für das Ende auf. Wenn die Dämmerung über Xanten hereinbrach und die Lichter in der Stadt erloschen, setzten sich meine Mutter, mein Vater oder manchmal auch beide zusammen an mein Bettchen. Im schwachen Schein des Nachtlichts sprachen sie mit mir das Abendgebet. Zu dieser Zeit konnte ich die Worte natürlich noch gar nicht selbst sprechen; ich gab lediglich babytypische Laute von mir, gluckste oder brabbelte vor mich hin. Doch ich lauschte ganz gebannt dem von meinen Eltern laut gesprochenen Text. Es war ein uralter Abendsegen, dessen Zeilen sich wie eine wärmende Decke über mich legten:

Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel bei mir stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei, die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich weisen zu Himmelsparadeisen.

Nachdem die letzten Zeilen des Gebets verklungen waren, schenkten mir meine Eltern noch ihren ganz persönlichen Segen. Mit dem Daumen zeichneten sie mir sanft ein kleines Kreuz auf die Stirn – ein lautloses, zärtliches Ritual, das den Tag liebevoll besiegelte und mir das tiefe Gefühl gab, vollkommen sicher und behütet zu sein.

So klein ich damals auch noch war – ich fand diese Zeremonie unendlich schön, allein schon durch den beruhigenden Klang ihrer Stimmen. Erst viel später sollte ich erfahren, dass dieser zu Herzen gehende Segen auch Teil eines weltberühmten Musikstücks ist: In der spätromantischen Märchenoper Hänsel und Gretel wird genau dieses Lied als „Abendsegen“ von den beiden Kindern im tiefen, dunklen Wald gesungen, bevor sie sich schlafen legen und die Schutzengel zu ihnen herabsteigen.

Dass ausgerechnet diese Melodie uns begleitete, verlieh dem Ganzen eine ganz besondere, Xantener Note. Denn der Komponist Engelbert Humperdinck war eng mit unserer Stiftsstadt verbunden: Seine Familie war 1877 aus Siegburg – Humperdincks Geburtsstadt, in der sein Vater Gustav bereits im Schuldienst tätig gewesen war – hierhergezogen. In Xanten wurde der Vater Direktor des staatlichen Lehrerinnenseminars, und die Eltern lebten direkt im heutigen Rathaus, dem damaligen Seminargebäude. Engelbert selbst war dort zwischen 1877 und 1886 ebenfalls gemeldet und kehrte in diesen Jahren regelmäßig in das elterliche Heim zurück, um an seinen Kompositionen zu feilen.

Während die Worte des Gebets leise im Raum verhallten, formte sich in meiner kindlichen Vorstellung die unendlich schöne Idee von den vierzehn kleinen Engeln, die rund um mein Bett Wache hielten. Ähnlich wie der kleine Viktor an der Spitze des Schützenzuges, besaß dieses Bild für mich einen ganz besonderen Zauber. Ich stellte mir vor, wie sie mit ihren leuchtenden Flügeln im Zimmer standen, mich vor der Dunkelheit und jedem bösen Traum beschützten und mich sanft in den Schlaf wiegten.

In einer Welt, die sich draußen im rasenden Tempo des Wiederaufbaus veränderte, schenkten mir diese einfachen, von den Eltern vorgetragenen Worte das unerschütterliche Urvertrauen, dass ich niemals tiefer fallen konnte als in Gottes Hand – behütet von Addy und Franz auf Erden und den unsichtbaren Wächtern an meiner Seite.